Logo

Jahresauftakt

Liebe, Tänze und ein Flötenclown

Beim Neujahrskonzert mit Gabor Vosteen begeistert das Sinfonieorchester Ludwigsburg unter Hermann Dukek im Forum

Mal virtuos, dann wieder ulkig: Solist Gabor Vosteen (rechts) sorgt für Lacher, aber auch für feine Klänge im Konzert, das Dirigent Hermann Dukek (links) gewohnt launig moderiert.Foto: Ramona Theiss
Mal virtuos, dann wieder ulkig: Solist Gabor Vosteen (rechts) sorgt für Lacher, aber auch für feine Klänge im Konzert, das Dirigent Hermann Dukek (links) gewohnt launig moderiert. Foto: Ramona Theiss

Ludwigsburg. Eigentlich sei ja Prof. Dr. Dr. Josef Leopold Moser für den Part der Vogelstimmen in der Polka „Im Krapfenwald’l“ von Johann Strauss (Sohn) vorgesehen gewesen, klärt Hermann Dukek das Publikum im ausverkauften Theatersaal des Forums auf. Doch der bekannte Ornithologe, Musikwissenschaftler und Vogelpfeifer sei leider in Ludwigshafen gelandet. Somit schlägt für Orchesterpraktikant Gabor bereits an seinem ersten Arbeitstag die Stunde der Wahrheit: Als Einspringer für den verhinderten Solisten hat der junge Mann mit der Hochsteckfrisur, der zu Beginn noch im Hausmeisterkittel die Konfetti- und Luftschlangenreste der gestrigen Silvesternacht auf der Bühne zusammengefegt hatte, nun als Kuckuck im 1869 uraufgeführten Opus 336 des Walzerkönigs seinen ersten Auftritt.

Und schlägt sich wacker: Zunehmend gewinnt er an Selbstvertrauen, versucht es auch mal mit einer kleineren Pfeife, variiert seine Zweiton-Partie und beginnt zugleich einen Flirt mit einer Dame in Rot, die er in der ersten Reihe entdeckt hat. Im Parkett breitet sich Heiterkeit aus.

Die Szene erfüllt gleich mehrere der Bedingungen, die zu den so ungeschriebenen wie unabdingbaren Gesetzmäßigkeiten eines Neujahrskonzerts gehören: Erstens hat solch ein Programm zum Jahreswechsel in der 80 Jahre zurückreichenden Tradition der Wiener Philharmoniker sowohl kleinteilig zu sein als auch Kompositionen der Familie Strauss aufzuweisen. Zudem ist eine gewisse Auflockerung der in der klassischen Musik sowohl als Musizierhaltung auf dem Podium wie als Rezeptionshaltung im Saal üblicherweise verbindlichen Ernsthaftigkeit nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht – sprich: Es darf auch gelacht werden.

Für den humoristischen Aspekt ist beim Neujahrskonzert des Sinfonieorchesters Ludwigsburg nun der Komiker und Blockflötist Gabor Vosteen zuständig, der sich mit seiner musikkabarettistischen Pantomime rasch als Lachnummer erster Güte erweist. Das Bewegungstalent präsentiert sich als Flötenschlucker, richtet sich in Harakiri-Manier selbst, spielt Mozarts „Kleine Nachtmusik“ auf drei Flöten, zwei davon in den Nasenlöchern, bevor immer neue Instrumente zutage kommen, um schließlich mit fünf Flöten Beethovens Neunte anzustimmen.

Was für ein hochmögender Virtuose in Vosteen steckt, erfährt man mit Georg Philipp Telemanns „Tempo di Minuet“ aus dessen Flötenkonzert in D-Dur (TWV 51:C1) – schlichtweg hinreißend, wie der an der Musikhochschule Hannover ausgebildete Musiker die barocke Lust an Variation und Verzierung zelebriert: wie ein locker aus dem Ärmel geschütteltes Kabinettstückchen mit einkomponiertem Augenzwinkern nämlich.

Fast gerät darüber in Vergessenheit, welch klangschöne Interpretationen Dukek seinem Orchester zuvor mit drei der „Ungarischen Tänze“ von Johannes Brahms entlockt hat, wobei Konzertmeister Mathias Hochweber, Mitglied der ersten Violinen beim SWR Symphonieorchester, auch solistisch Glanz verbreitete. Ausgezeichnet, wie sich die Geschlossenheit des Ensembleklangs mit Transparenz auf den Satz verbinden lässt. Betonte Dukek hier in ausgeprägt agogischer Gestaltung die Kontraste, galt seine Aufmerksamkeit in Edward Griegs „Norwegischen Tänzen“ (Op. 35) dem die Tanzbewegungen sublimierenden Klangfarbreichtum. Während nicht jede der heiklen Hornstellen als gelungen gelten kann, wussten insbesondere die Holzbläser zu überzeugen.

Bildete in der ersten Hälfte Tanz das übergreifende Thema, stand nach der Pause die „Liebe in all ihren Facetten“ (Dukek) auf dem Programm: Dem Vorspiel zum dritten Akt von Richard Wagners „Lohengrin“ würde in der Oper der Brautmarsch folgen, Edward Elgars „Salut d’Amour“ grüßt die entfernte Geliebte, in Manuel de Fallas „Danza ritual del fuego“ aus dem Ballett „El amor brujo“ geht der verstorbene Ehemann als eifersüchtiger Geist um.

Adam Chatschaturjans Suite „Maskerade“ schließlich erzählt die Tragödie einer von ihrem Mann fälschlicherweise der Untreue verdächtigten und getöteten Ehefrau – süffige Musik, von Dukek mit beredten, schwungvollen Gesten serviert. Und freilich: Ohne das Klatschritual im „Radetzky-Marsch“ von Johann Strauss (Vater), traditionell stets die letzte Zugabe im Wiener Musikverein, geht auch in Ludwigsburg keiner nach Hause.

Autor: