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Kommunen

Lösung des Klärschlammproblems

Überall suchen Kommunen nach Möglichkeiten, ihren Klärschlamm loszuwerden. In Böblingen könnte jetzt eine Verbrennungsanlage für mehr als 100 Millionen Euro entstehen – mit gigantischer Kapazität und großem Einzugsgebiet. Auch Städte und Gemeinden aus dem Kreis wollen dabei sein.

Sieht aus wie ganz normale Erde, ist aber Klärschlamm: Früher wurde er auf Feldern ausgebracht, das ist heute wegen der Umweltbelastung kaum noch möglich. Foto: Patrick Seeger/dpa
Sieht aus wie ganz normale Erde, ist aber Klärschlamm: Früher wurde er auf Feldern ausgebracht, das ist heute wegen der Umweltbelastung kaum noch möglich. Foto: Patrick Seeger/dpa
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Strohgäu. Täglich entsteht im Klärwerk Talhausen bei Markgröningen ein Wall aus brauner Masse. Es ist Klärschlamm, der aussieht wie ganz normale Erde. 3000 Tonnen kommen jedes Jahr zusammen. In Talhausen wird nicht nur das Markgröninger Abwasser gereinigt. Auch Schwieberdingen, Hemmingen, Korntal-Münchingen oder Eberdingen sind an das Werk angeschlossen. Nebenan, in der Anlage am Leudelsbach, mussten sie den Klärschlamm auch mal zwischenlagern, weil die Betreiber nicht wussten, wohin damit.

Früher wurde Klärschlamm einfach auf die Felder ausgebracht – als geschätzter Dünger. Das ist heute kaum mehr möglich. Denn er enthält nicht nur wertvolle Phosphorverbindungen, sondern auch Schwermetalle oder Arzneimittelrückstände. Daraufhin entstand ein Klärschlammtourismus, er wurde auf Lastwagen gepackt und bis nach Mecklenburg-Vorpommern gekarrt. „Mittlerweile bleibt uns nur noch die Verbrennung übrig“, sagt der Markgröninger Bürgermeister Rudolf Kürner.

Die Konsequenz: Die Preise stiegen innerhalb weniger Jahre auf bis zu 130 Euro pro Tonne. „Wenn nichts Grundlegendes passiert, ziehen die Preise weiter an“, prognostiziert der Spitzenbeamte. Denn die Kapazitäten in den Verfeuerungsanlagen in Stuttgart, Karlsruhe, Neu-Ulm und Balingen seien weitgehend ausgelastet.

Doch es ist etwas passiert. Im Januar zeigte der Markgröninger Schultes den an der Talhausener Kläranlage beteiligten Kommunen einen Weg auf, wohin ihr Klärschlamm künftig wandern könnte: nach Böblingen (wir berichteten). Dort nehmen Pläne Gestalt an, auf dem Gelände des Restmüllheizkraftwerks eine Anlage gigantischen Ausmaßes zu bauen. 105 Millionen Euro sollen hier investiert werden, um einmal gut 180.000 Tonnen Klärschlamm im Jahr zu verbrennen. Managen wird die Verfeuerungsanlage wohl in Zweckverband, der noch in diesem Quartal gegründet werden soll. Mitmachen können Kommunen zwischen Pforzheim und Reutlingen. Rund 50 haben wohl schon ihr Interesse bekundet. In sechs Jahren könnte die Mega-Anlage an den Start gehen.

Derzeit poppt das Thema auch in den Kreiskommunen auf, die an die Klärwerke in Talhausen und am Leudelsbach angeschlossen sind. Die Resonanz: zumeist euphorisch. Die Markgröninger CDU-Stadträtin Claudia Thannheimer spricht von einem „Paradebeispiel für interkommunale Zusammenarbeit“. Ihr Hemminger Parteifreund Walter Bauer von einem Glücksfall. „Es ist für uns alternativlos, dass wir uns beteiligen.“ Auch der Markgröninger Politiker Rainer Gessler, der die Freien Wähler im Kreistag anführt, begrüßt das Vorhaben. Er erinnert daran, dass Versuche im Kreis, eine Anlage zu bauen, in der Vergangenheit schiefgegangen sind – etwa in Vaihingen oder Pleidelsheim. Über Böblingen sagt Gessler: „Da ist Kompetenz vorhanden.“

Kürner spricht ebenfalls von „einem idealen Standort“. Ihn lockt auch die Preispolitik an, die die Betreiber verfolgen wollen. Derzeit gehen sie offenbar davon aus, eine Tonne Klärschlamm für 80 bis 100 Euro verbrennen zu können – statt 130 Euro. „Damit wären wir auf Jahre hinaus abgesichert“, sagt der Bürgermeister. Er habe seine beiden Anlagen in Talhausen und am Leudelsbach, die mit rund 4200 Tonnen Klärschlamm im Jahr zu den Kleinen gehören, bereits angemeldet. Für Ende Mai ist die erste Sitzung des neuen Zweckverbandes geplant, der auf den Namen Klärschlammverwertung Böblingen hört – mit Teilnehmern aus dem Kreis.

Ruhe haben die kommunalen Kläranlagen damit aber noch lange nicht. Denn längst hat sie der Gesetzgeber dazu verpflichtet, ab 2029 Phosphor aus dem Klärschlamm zurückzugewinnen. Doch das Verfahren ist teuer – und Anlagen müssen dafür umgerüstet werden.

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