Logo

Landwirtschaft

Luftkampf mit einem Schmetterling

Wenn Markus Schaible zum Steuerknüppel greift, sitzt er in keinem Cockpit. Denn der Münchinger Landwirt steuert eine Drohne vom Boden aus. Und die trägt eine biologische Waffe gegen den Maiszünsler.

Markus Schaible zeigt seine Drohne und den Kugelauswurf für die Wespeneier.Fotos: Andreas Becker
Markus Schaible zeigt seine Drohne und den Kugelauswurf für die Wespeneier. Foto: Andreas Becker
350_0900_33783_2021_07_08_043_Andreas_Becker.jpg
350_0900_33784_2021_07_08_038_Andreas_Becker.jpg
350_0900_33782_2021_07_08_045_Andreas_Becker.jpg

Korntal-Münchingen. Dieser Schmetterling hat bei Bauern einen denkbar schlechten Ruf, beziehungsweis besser gesagt, seine Raupen. Denn die Maiszünsler haben die gleichnamigen Getreidepflanzen zum Fressen gern. Wenn es bereits lange genug warm war, breitet sich das Insekt rasant aus und befällt den Mais. Die Standfestigkeit lässt nach oder die Stängel brechen ganz ab und die Frucht ist damit verloren, die Ernte taugt dann nur noch als Lieferant für Biogasanlagen, auch längerfristig wird die Pflanze geschwächt. Außerdem wird das Stängelmark, in dem die Energie für die Maiskolben eingelagert ist, von den Schädlingen aufgefressen. Lecker findet der Maiszünsler außerdem Hopfen, Hirse und Hanf.

Seit Jahrzehnten setzen die Landwirte deshalb auf eine biologische Waffe: Die Schlupfwespe ist ein Multitalent gegen solche Mottenarten. Deren Larven sind Parasiten und die dezimieren wiederum auch die Eier des Maiszünslers. Und das sehr erfolgreich. Früher war das Ausbringen der „Trichogramma“ aber eine ziemlich mühselige Arbeit: Alle zehn Meter wurde ein Rähmchen von Hand an eine Pflanze gehängt. Schnell war da pro Hektar eine halbe Stunde dahin. Außerdem ist der richtige Zeitpunkt für die Arbeiten, wenn der Mais bereits mannshoch ist. Das führt aber wegen der scharfen Blätter zu schmerzhaften und unschönen Schnittwunden an den Armen und vor allem im Gesicht. Und wenn es geregnet hatte, bleiben die Stiefel im feucht-lehmigen Boden schmatzend stecken. Kurz: Es ist ein Job, um den sich keiner reißt, aber trotzdem mehr denn je dringend nötig ist.

Heute übernehmen die sieben Kilo leichten Drohnen von Schaible diese ungeliebte Aufgabe. Er und zwei seiner Mitarbeiter sind die „Taskforce Zünsler“. Sie werden alarmiert, wenn Baywa-Außendienstler eine gewisse Anzahl von Maiszünslern in den ausgebrachten Sexfallen festgestellt haben. Täglich werden die kontrolliert und die Ergebnisse dem Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenburg zum Monitoring gemeldet.

Aus der Kühlung aufs Gelege

Schaible hat immer einen Zweitagesvorrat an Schlupfwespeneiern im Kühlschrank. Die stecken wie schwarzes, feinstgemahlenes Pulver in haselnussgroßen Kugeln aus biologisch abbaubarer Maisstärke. Aus jeder einzelnen kriechen bald gut 1000 winzige Larven, die das Gelege der Maiszünsler zur eigenen Entwicklung brauchen und es befallen. Auf ihrer Wirtssuche sind sie schneller, wirkungsvoller und umweltfreundlich, und ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen.

Die Akkus sind geladen, die Drohne ist startklar. Schaible fährt mit seinem Pickup zum Einsatzort. Er und seine Leute sind viel unterwegs. In dem einen entscheidenden Monat fahren sie etwa 5000 Kilometer von Bad Rappenau bis Bad Schussenried und von Bad Liebenzell bis Welzheim. Der Elektromotor wird gestartet, die vier Rotoren surren, die Drohne hebt ab. An Bord hat sie die für den Maiszünsler tödliche Fracht. Tausend Kapseln mit Schlupfwespennachwuchs werden wie Bömbchen aus einem Trichter zielgenau getaktet alle zehn Meter und fünf Meter über der Pflanzenspitze abgeworfen. Der Münchinger Landwirt hat über eine Fernbedienung mit einem GPS-Monitor alles im Griff. Rund 10000 Euro kostet so eine Ausrüstung.

Er ist ein lizenzierter Pilot, der selbst nicht abhebt, sondern die Bodenhaftung behält. Und er ist effektiv. In nur drei Minuten ist der Beflug eines ganzen Hektars erledigt – zehn Mal schneller als von Hand. Mehrere tausend Hektar „behandelt“ Schaible in den vier entscheidenden Wochen im Auftrag von anderen Bauern im Umkreis von 50 Kilometern – und zwar jedes Feld doppelt. Denn erst nach der zweiten „Impfung“ ist der Schutz vollständig.

Er könnte und wollte noch mehr machen, aber es fehlen ihm die Leute, die auch bereit sind, im Zweischichtbetrieb nachts loszufahren, und erst wenn es dunkel ist Feierabend zu haben. Denn geflogen wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Jedes Jahr dauert die Luftschlacht gegen den Schmetterling 28 Tage. Nur bei starkem Wind und Dauerregen bleibt die Luftwaffe am Boden. „Die Mannschaft ist Nichtschwimmer und sehr leicht“, erklärt Schaible.

Ein Dutzend der Kugeln hält Markus Schaible in der Hand. „Die helfen auch gut gegen Lebensmittel- und Kleidermotten im Haushalt“, empfiehlt er die Schlupfwespe als Allzweckwaffe. Nur gegen den verhassten Buchsbaumzünsler im Vorgarten ist auch sie machtlos.

Autor: