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Interview

Mit Bildung und Information gegen den Hass

Es gelte, auf den zunehmenden Antisemitismus durch Bildung und Information zu reagieren statt mit öffentlichen Erklärungen, sagt Herbert Pötzsch. Der Marbacher Alt-Bürgermeister ist Vorsitzender des Pädagogisch-Kulturellen Centrums Ehemalige Synagoge Freudental (PKC). Es ist das Herz der Freundschaft des Landkreises mit der israelischen Region Oberes Galiläa und hat den Kampf gegen Antisemitismus als eine Vereinsaufgabe in seiner Satzung festgeschrieben.

Herbert Pötzsch. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Herbert Pötzsch. Foto: Holm Wolschendorf
Freudental.

Herr Pötzsch, Verschwörungserzählungen, alte und neue Rechte und der aktuelle Konflikt in Israel und Palästina befeuern antisemitische Hetze und Aktionen in einem für überwunden gehaltenen Maße. Wie geht es Ihnen damit?

Herbert Pötzsch: Ich bin schockiert und entsetzt über diese Aktionen. Hier werden Probleme und Konflikte dazu benutzt, das eigene antisemitische Weltbild in die Öffentlichkeit zu brüllen. Das PKC antwortet darauf mit Information und Bildung.

Was sagen Sie den Freunden des PKC und des Landkreises in Israel, was den Nachfahren der Freudentaler Juden?

Wir haben bisher keine Nachfragen aus Israel erhalten, haben aber selbst den Kontakt gesucht. Unsere Freunde und Freundinnen wissen, dass wir mit unseren Mitteln an der Stärkung der deutsch-israelischen Freundschaft arbeiten. Vor allem der Ausbau der bestehenden und die Gründung neuer Schulpartnerschaften werden von uns unterstützt. Als Zeichen der Verbundenheit mit ihren jüdischen Vorfahren planen wir für das Jubiläumsjahr 2023 ein großes Nachfahrentreffen und ein dazu passendes Buchprojekt. Im Jahr 1723 sind nämlich die ersten Juden nach Freudental gekommen.

Das PKC hat sich zur neuen Explosion des Antisemitismus noch nicht öffentlich geäußert, so wenig wie zuvor zum Anschlag auf die Synagoge von Halle. Ist nicht gerade das PKC da gefordert?

Ich sehe das anders: Das PKC versteht sich in guter Tradition der Synagoge als Lehr- und Lernhaus, oder auf Jiddisch als „Schul“. Die Bildung ist eine Graswurzelarbeit mit vielen unterschiedlichen Gruppen und insbesondere mit Schulklassen. Daran zeigt sich unsere Haltung – die wir denen, die uns kennen, auch nicht mehr erklären müssen.

Die Versicherung von Politikern, Antisemitismus habe „keinen Platz bei uns“, wirkt hilflos und ist unwahr: Es gibt ihn handgreiflich und für jedermann sichtbar. Warum gelingt es nicht, den Kampf gegen Antisemitismus zu einem breit getragenen Anliegen zu machen?

Richtig ist, dass es für die „schweigende Mehrheit“ offenbar bisher kein Anliegen war, sich den Kampf gegen den Antisemitismus auch persönlich zu Eigen zu machen. Da würde ich mir mehr Solidarität wünschen. Wir vom PKC arbeiten gemeinsam mit anderen Gedenkstätteninitiativen sowie den Jugendbildungsakademien im Land Baden-Württemberg daran, diese Haltung zu ändern. Dass es in den vergangenen Monaten pandemiebedingt schwierig war, mit Schülerinnen und Schülern und auch Erwachsenen in Kontakt zu bleiben, liegt auf der Hand. Aber das heißt nicht, dass nichts geschieht: Am 24. Juni werden wir zum Beispiel online ein Politik-Café für Jugendliche und junge Erwachsene zum Thema „Ich bin nicht rassistisch. Oder?“ veranstalten.

Haben zu wenige verstanden, dass Antisemitismus kein Problem von Jüdinnen und Juden ist, sondern eines dieser Gesellschaft?

Genau diese Erkenntnis vermitteln wir bei Führungen, Lerntagen und Vorträgen. Es ist eine zentrale Aufgabe des PKC, den notwendigen Schutz von Minderheiten jeder Art zu thematisieren. Was heute jüdischen Mitbürger*innen angetan wird, kann morgen andere treffen. Das gilt es zu verhindern – durch Information und Bildung.

Die sogenannten sozialen Medien sind ein Tummelplatz für Antisemiten – und für junge Menschen. Müssten sich Institutionen wie das PKC auf diesem Feld nicht viel stärker engagieren?

Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Wir informieren über unsere Angebote auf unserer Homepage, auf unserem Instagram-Account und in unserem Newsletter. Ob wir mit größerer Präsenz in den sozialen Medien wesentlich mehr ernsthafte Interessenten erreichen würden, bezweifle ich. Zahlreiche schulische und andere Gruppen kommen zu uns, weil sie hier an einem authentischen Lernort Geschichte unmittelbar erfahren können. Unsere Bildungsarbeit soll vor allem Kindern und Jugendlichen das Rüstzeug dafür geben, aus der Geschichte Lehren zu ziehen. Wir wollen sie stark machen, damit sie sich nicht allzu leicht beeinflussen und verführen lassen. Das ist die Arbeit, die das PKC mit seinen Ressourcen sinnvoll leisten kann.

Müssen Sie Ziele neu formulieren, um etwa auch junge Leute zu erreichen, für die der Nationalsozialismus nicht in die Familienerinnerung erreicht, weil ihre Familien erst nach 1945 herkamen?

Die Ziele des PKC sind in unserer Satzung festgelegt. Ich denke, dass sie auch nach 36 Jahren richtig und hochaktuell sind. Junge Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete sind eine wichtige Zielgruppe für uns. Wir haben viele von ihnen mit unseren Angeboten tatsächlich erreicht, etwa durch die Grundschulkooperation „Aleph Beth im PKC“ mit etlichen muslimischen Schülerinnen und Schülern, durch die Führung für Freudentaler Flüchtlingsfamilien und den Lerntag für das Korntaler Flüchtlings-Modellprojekt Saatkorn. Die durchweg sehr positiven Reaktionen der Teilnehmer*innen an unseren Veranstaltungen zeigen mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Unterstützer und Mitglieder jetzt gesellschaftlich gern aktiver würden – oder macht sich Resignation breit, weil gegen Antisemitismus einfach kein Gras gewachsen zu sein scheint?

Coronabedingt hat es (nicht nur bei uns) fast kein Vereinsleben und damit auch kaum direkte Reaktionen unserer Mitglieder auf die jüngsten Ereignisse gegeben. Ich kann aber auch keine Zeichen von Resignation feststellen. Das zeigt sich auch daran, dass unser Spendenaufkommen in dieser schwierigen Zeit konstant gebliebenen ist. Ich rechne damit, dass die scheußlichen Ereignisse der letzten Zeit eher zu größerem Engagement führen werden.

Können Sie Juden und Jüdinnen in diesem Land, die sich jetzt sorgen, noch guten Gewissens raten, hier zu bleiben und nicht nach Israel auszuwandern?

In der Fragestellung liegt für mich eine Stigmatisierung. Wie könnte ich deutschen Staatsbürger*innen raten, unser Land zu verlassen? Niemand darf wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ausgegrenzt werden. Wir leben in einer wehrhaften Demokratie, sie ist nach meiner Überzeugung stark genug, den Angriffen auf unsere grundlegenden Werte zu widerstehen. Dafür muss sich jeder von uns nachhaltig und auf friedliche Weise einsetzen – so wie es das PKC tut.

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