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Corona

Mit Covid-19 von der Piste zurück

Der Tiroler Skiort Ischgl steht im Verdacht, einer der Covid-19-Hotspots in Europa zu sein. Mehrere Hundert Menschen haben sich hier mit dem Coronavirus angesteckt – offenbar auch Feuerwehrleute aus Oberriexingen.

Foto: Jakob Gruber/APA/dpa
Foto: Jakob Gruber/APA/dpa

Oberriexingen. Ischgl hat in den vergangenen Jahren hart an seinem Ruf gearbeitet, das „Ibiza der Alpen“ zu sein. Promis wie Katy Perry oder Rihanna kommen zum Einkehrschwung. Dazu Busladungen voller Normalos, die nicht immer darauf aus sind, ihre Skipässe auch voll zu nutzen. Party lässt sich wunderbar im Kuhstall, der Schatzi-Bar oder Champagnerhütte machen. Ganz nah kommen sich die Menschen hier – und dem neuartigen Virus SARS-CoV-2.

Das hat jetzt auch eine zwölfköpfige Reisegruppe der Freiwilligen Feuerwehr aus Oberriexingen schmerzlich zu spüren bekommen, die sich Anfang März auf ein langes Wochenende nach Ischgl aufgemacht hatte. „Die Skiausfahrt hatte wie in jedem Jahr kameradschaftlichen Charakter“, sagt der Kommandant Tobias Grieble. Doch am Tag der Heimreise tauchen die ersten Meldungen auf, dass sich Skifahrer in einer Bar in Ischgl infiziert haben. „Da die Oberriexinger Reisegruppe diese Bar nicht besucht hatte, war sie zwar informiert, aber noch nicht zu besorgt“, so der Kommandant.

Das ändert sich erst in den Folgetagen. Sechs Teilnehmer klagen plötzlich über grippeähnliche Symptome wie Fieber, Gliederschmerzen und Husten. Am Freitag, den 13. März, hat der erste Reiseteilnehmer die beunruhigende Gewissheit: Er wird positiv auf das Coronavirus getestet, wie später vier weitere auch. Beim sechsten fiel der Test negativ aus. „Das ließ für uns den Rückschluss auf den Reiseort zu“, sagt der Oberriexinger Bürgermeister Frank Wittendorfer.

Denn zu diesem Zeitpunkt ist längst klar, dass sich Hunderte weitere Touristen mit dem Keim in Ischgl angesteckt haben und unkontrolliert an ihre Heimatorte in ganz Europa zurückgereist sind. Das Robert-Koch-Institut stuft Ischgl, das Paznauntal und Tirol nun als Risikogebiete ein. Der Bürgermeister: „Das geschah leider zu spät für einige unserer Oberriexinger Reiseteilnehmer.“

Den österreichischen Behörden wirft Wittendorfer vor, „offensichtlich viel zu lange mit der Schließung des gesamten Ski- und Gastronomiebetriebs zugewartet“ zu haben. Der Schultes der kleinsten Stadt im Landkreis weiter: „Insgesamt wurde das eine letzte Wochenende von der Gemeinde und den dortigen Betrieben wohl noch mitgenommen, um eine geordnete Abreise der Gäste zu ermöglichen.“ Aus seiner Sicht hatte das jedoch zur Konsequenz, dass Tages- oder Kurzzeittouristen noch nach Ischgl reisten und sich der höheren Infektionsgefahr aussetzten. Den Verantwortlichen hält er vor, diesen Zustand „billigend in Kauf“ genommen zu haben.

Die Reisegruppe der Feuerwehr nimmt der Schultes in Schutz. Sie hätte sich im Vorfeld erkundigt, ob Ischgl ein Coronavirus-Risikogebiet gewesen sei – und ob es dort gemeldete Infektionsfälle gegeben habe. „Das war zum Zeitpunkt der Hinreise nicht der Fall“, sagt Wittendorfer. „Die Gruppe ist nicht leichtsinnig oder verantwortungslos nach Ischgl gefahren. Bei einer anderen Erkenntnislage wäre sie natürlich nicht aufgebrochen und hätte den Ausflug selbstverständlich kurzfristig abgesagt.“

Die Feuerwehr zählt jetzt also fünf erkrankte Kameraden, die derzeit unter Quarantäne stehen. „Alle Teilnehmer sind vom Dienst freigestellt, damit die Einsatzfähigkeit unserer Truppe nicht durch weitere Infektionen gefährdet wird“, sagt Kommandant Grieble. Den erkrankten Feuerwehrleuten geht es nach mehr als einer Woche in Isolation wohl besser. „Alle kurieren zu Hause ihre Erkrankungen aus“, sagt Grieble. Der Rest der Gruppe sei glücklicherweise weiter ohne Symptome und somit in den nächsten Tagen, nach Ablauf der 14-Tage-Frist, wieder frei von sämtlichen Auflagen des Kreisgesundheitsamtes.

„Die Situation ist für die Betroffenen und ihre Familien sehr schwierig und neu“, sagt Bürgermeister Wittendorfer. „Niemand ist davor gefeit, sich mit dem Coronavirus anzustecken.“ Für den Kommandanten steht fest, dass „wir eine leistungsfähige Feuerwehr haben und trotz der Freistellung der zwölf Feuerwehrangehörigen einsatzfähig sind“.

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