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Erschließung
Mundelsheimer Gewerbegebiet „Benzäcker“ könnte zum Vorbild werden

An der Autobahn bei Mundelsheim soll der Gewerbepark entstehen. Archivfoto: Alfred Drossel
An der Autobahn bei Mundelsheim soll der Gewerbepark entstehen. Archivfoto: Alfred Drossel
Erleichterung auf der einen, ein wenig Enttäuschung auf der anderen Seite über die Entscheidung, dass das Gewerbegebiet „Benzäcker“ realisiert wird. Das interkommunale Großprojekt nahe der A81 wird in den kommenden Jahren umgesetzt und zwar klimaschutzgerecht, wie alle Beteiligten betonen. Unklar hingegen ist, welche Unternehmen sich dort ansiedeln werden.

Mundelsheim. Ja, er habe gut geschlafen, sagt Mundelsheims Bürgermeister Boris Seitz. Und ja, er sei nach wie vor sehr erleichtert über das „deutliche Ergebnis des Bürgerentscheids“ vom vergangenen Sonntag, in dem 57 Prozent der Mundelsheimer für das geplante Gewerbegebiet, 43 Prozent dagegen gestimmt haben. Zweifel habe er eigentlich keine gehabt, dass das Vorhaben gekippt werden könnte, sagt Seitz, verweist aber auf den Bürgerentscheid in Dettingen unter Teck (Landkreis Esslingen). Dort hatten sich im September vergangenen Jahres 61,5 Prozent der Bevölkerung für den Erhalt des sogenannten Hungerbergs als landwirtschaftliche Fläche und gegen ein Gewerbe- oder Industriegebiet entschieden.

Welche Unternehmen angesiedelt werden, wird noch nicht gesagt

Mit Blick auf die Wahlbeteiligung von rund 62 Prozent ist Seitz zufrieden. Zum Vergleich: In Schwieberdingen lag sie vor knapp drei Jahren bei rund 54 Prozent. „Und das, obwohl die Namen der Unternehmen, die dort ansässig werden wollen, bekannt gewesen sind“, gibt Seitz zu Bedenken. Welche Namen für das zukünftige Gewerbegebiet „Benzäcker“ gehandelt werden? „Es gibt viele Namen. Dazu konnte und kann ich heute noch nichts sagen.“

Wie es nun weitergeht? „Es gibt viel zu tun“, weiß Mundelsheims Bürgermeister, aber „Benzäcker“ werde wachsen. Es müssten Gespräche mit den etwa 100 Flächeneigentümern geführt sowie ein Zweckverband gegründet werden. „Das wird sich hinziehen“, meint Seitz, „das Gewerbegebiet wird uns etwa vier Jahre beschäftigen.“ So lange sollen die Anfeindungen nicht andauern, appelliert Boris Seitz an alle Beteiligten, obwohl meist sachlich-konstruktiv, teilweise aber auch „sehr emotional“ diskutiert worden ist. „Das muss jetzt wieder aufhören.“

Bürgerinitiative bezeichnet das Prozedere als „sehr demokratisch“

Bei der genannten Wahlbeteiligung hätten rund 35 Prozent der Bürgerinnen und Bürger dem Gewerbegebiet zugestimmt, relativiert Bernd Moritz von der Bürgerinitiative (BI) „Benzäcker erhalten“ das Ergebnis. „Wir begrüßen es, dass dies demokratisch entschieden worden ist.“ Allerdings würden bei den nächsten Verfahrensschritten die Möglichkeiten genutzt, Bedenken einzubringen – beispielsweise, wie „ein klimaneutrales Gewerbegebiet sowie ein Wassermanagement“ umgesetzt werden soll. Zudem werde erwartet, dass die Empfehlungen der Zufallsbürger – Ausgleichsflächen für die Landwirte sowie hinsichtlich des Naturschutzes zu schaffen – beachtet werden. Die BI sei gespannt, welche Firmen sich tatsächlich in den „Benzäckern“ niederlassen werden, sagt Moritz, der in Walheim auch im Gemeinderat sitzt. Dort sei zum Thema Zweckverband „noch nichts ausgehandelt worden“. Unterm Strich bewertet Moritz das Prozedere eines Bürgerentscheids als positiv. „Im Ort ist lebhaft diskutiert worden. Das hat der Gemeinschaft gutgetan.“

Chancen und Herausforderungen für die Region

Für die Gemeinde böten sich Chancen, aber auch große Aufgaben, merkt der Grünen-Landtagsabgeordnete Tayfun Tok an. Wie ein Gewerbepark gestaltet sein könne, dass es sich dort gut arbeiten lasse und das Klima geschützt werde, müsse sich zeigen. „Gerade hierbei sehe ich das Potenzial, dass aus dem Gewerbegebiet Benzäcker eine Blaupause wird, die Vorbildcharakter für das ganze Land haben könnte.“

Die planungspolitische Sprecherin der Grünen-Regionalfraktion, Dorothee Kraus-Prause, fordert zudem, die Zukunftsfähigkeit der Region nicht einseitig technologisch zu verstehen und dabei ökologische Notwendigkeiten unter den Tisch fallen zu lassen. Verband Region Stuttgart und Wirtschaftsregion hätten im Vorfeld für die Notwendigkeit dieses großflächigen Vorhaltestandorts geworben, stellt die Sprecherin fest, unbekannt sei, welche Firmen sich dort ansiedeln werden. „Wir vermissen klare Aussagen des Verbandes, wie auch die Anliegen der Gegner aufgegriffen werden können.“ Die Regionalfraktion betont, die „Forderungen nach einem entschiedenen Boden- und Artenschutz ernst nehmen und für die Sicherung unserer Ernährung sorgen“. Auch die Bedenken wegen zusätzlicher Verkehrsbelastungen seien aufzugreifen. Ohne klare Aussagen dazu, könne die Fraktion einer Aufhebung des Grünzugs nicht zustimmen.

Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg

Hier zeigt sich der CDU-Landtagsabgeordnete Tobias Vogt zuversichtlich: „Jetzt geht es darum, in Mundelsheim ein Gewerbegebiet der Zukunft, klima- und enkelgerecht, zu gestalten. Ich bin mir sicher, dass man das hier hinbekommt und neue Maßstäbe bei der Entwicklung solcher Flächen setzen kann.“ Vogt ist erfreut über das klare Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg. „Die Bürgerschaft hat erkannt, dass der Wohlstand, den wir hier haben, nicht selbstverständlich ist und auch morgen und übermorgen neu erwirtschaftet werden muss.“ Das könne nur funktionieren, wenn es Unternehmen möglich sei, im Großraum Stuttgart zu erweitern und Zukunftstechnologien, die Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen, hier angesiedelt werden können.

Klimaschutz, Digitalisierung und Arbeitsplätze

Dem stimmt die Mittelstandsunion Ludwigsburg (MIT) zu. „Wer weiterhin eine starke Wirtschaftsregion möchte, mit hoher Steuerkraft und guten Jobs, muss mithelfen, dass innovative Produkte bei uns hergestellt werden und nicht in anderen Bundesländern“, sagt der MIT-Vorsitzende Michael Jacobi. Das Gewerbegebiet werde gebraucht, weil sich die Automobilindustrie verändere, weil klimaschützende Produkte auf den Markt gebracht werden sollen und weil die Digitalisierung neue Technologien erfordere. „Im Benzäcker sollen nicht große Hallen voller Paletten und Gabelstapler angesiedelt werden, sondern innovative Firmen mit interessanten Arbeitsplätzen.“