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Kujau Kabinett

Museum für den Skandalfälscher

Auch 20 Jahre nach seinem Tod ist der Fälscher Konrad Kujau in Bissingen noch gegenwärtig. Nur wenige hundert Meter von seinem früherem Wohnort „Im Friederikele“ entfernt, hat der Kunsthändler Marc-Oliver Boger vor drei Jahren in der Bahnhofstraße sein „Kujau Kabinett“ eröffnet. Mehr als 400 Besucher aus ganz Deutschland kommen jährlich.

Der Sammler Marc-Oliver Boger mit seiner neuesten Erwerbung, einer Fälschung der Handschrift des Deutschlandliedes und des Dekrets dazu von Reichspräsident Friedrich Ebert.Fotos: Alfred Drossel
Der Sammler Marc-Oliver Boger mit seiner neuesten Erwerbung, einer Fälschung der Handschrift des Deutschlandliedes und des Dekrets dazu von Reichspräsident Friedrich Ebert. Foto: Alfred Drossel
Neuerwerbung: Ein gefälschter Rembrandt vor der Kujau-Büste.
Neuerwerbung: Ein gefälschter Rembrandt vor der Kujau-Büste.
Eine-Million-Dollar-Banknote aus dem Hause Kujau.
Eine-Million-Dollar-Banknote aus dem Hause Kujau.

Bietigheim-bissingen. Im „Kujau Kabinett“ ist garantiert alles gefälscht. Es gab nämlich nichts, was der gebürtige Sachse nicht gefälscht hat: Gemälde, Zeichnungen, Handschriften, auch eine Luther-Bibel hat er mit Luthers fingierter Handschrift veredelt. Das neueste Exponat, das in Bissingen zu sehen ist, ist die Fälschung vom Original des Deutschlandliedes samt Dekret des Reichspräsidenten Friedrich Ebert, der das Lied zur Nationalhymne erklärt hat. Neu ist auch ein von Kujau gefälschter Rembrandt.

Der 44-jährige Boger hat Kujau nur flüchtig gekannt. Zu seinen Lebzeiten habe er sich „einen echten“ Kujau nicht leisten können. Später gelang es ihm, einen Teil seines Nachlasses zu erwerben. Noch immer tauchen im Internet Gegenstände von Kujau auf, vor allem aber Kopien der Kujau-Fälschungen.

Mittlerweile besitzt der Bissinger die größte Sammlung von Kujau-Kunstwerken. Rund 700 davon zeigt er in seinem Kabinett der Fälschungen. Boger will die Fälscherpersönlichkeit Kujaus herausstellen. „Klar, jeder denkt zunächst an die Hitler-Tagebücher, die Konrad Kujau auf einen Schlag berühmt gemacht haben und den größten deutschen Medienskandal des 20. Jahrhunderts auslösten“, sagt Boger. Doch das sei nur eine Facette dieser vielschichtigen Persönlichkeit. Kujau kopierte unzählige Handschriften historischer und zeitgenössischer Personen, die er genauso fälschte wie die Werke großer Maler mehrerer Zeitepochen.

Kujau fälschte, um zu täuschen und zu betrügen, doch er fälschte auch im Auftrag derer, die sich gerne mit dem Ruhm anderer schmückten. Er war ein fähiger Handwerker mit großem Können, aber auch mit einem breiten Wissen über seine Originale und deren Urheber. Nicht zuletzt spielte er spitzbübisch mit der Eitelkeit und dem Hochmut seiner potenziellen Kunden und Auftraggeber. Das Bissinger Kujau-Kabinett wolle die Geschichte eines Mannes skizzieren, der selbst Geschichte geschrieben habe, sagt Boger.

Kujaus zu sammeln sei nicht einfach, denn Fälchungen des Meisterfälscher werde auch heute noch ihrerseits gefälscht. Kujaus angebliche Nichte Petra Kujau etwa wurde in Dresden zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, weil sie im großen Stil Kujaus Bilder nachmachte und für mehrere Tausend Euro verkaufte. 2005 hatte sie in Pfullendorf ein Kujau-Museum eröffnet. Etwa 60 Gemälde, dazu ein Shop mit Tassen und T-Shirts, im Keller ein Kujau aus Wachs, der unter einem Hitler-Skelett am Tagebuch arbeitet. Zur Eröffnung kamen die CDU-Politiker Wolfgang Schäuble und Friedrich Merz. Das Museum ist längst geschlossen und Marc-Oliver Boger erhebt den Anspruch, das einzige Museum über Kujau zu haben.

Die Bissinger Ausstellung zeigt das Schaffen Kujaus in seinen verschiedenen Facetten, wobei die Hitler-Tagebücher bei den Besuchern auf besonderes Interesse stoßen. Boger ist es gelungen, Kopien der Hitler-Kladden zu erwerben. Kujau selbst hat 30000 Euro für eine Kladde verlangt. Das war dem Bissinger Sammler zu viel. Eine Anfrage beim „Stern“ mit der Bitte, eine Kladde zu bekommen, wurde nicht entsprochen.

Der mittlerweile 89-jährige Stern-Reporter Gerd Heidemann, der immer in Geldnöten wegen seiner teuren Hobbys war, stellte die Kopie der Schiffsglocke von Görings Jacht „CarinII“ zur Verfügung, die lange in seinem Besitz war, und eine Zigarrenschachtel des einstigen Reichmarschalls. Der Inhalt: eine Zigarre.

Außer der Bibliothek Kujaus und einiger Schreibutensilien erinnert nicht viel an das private Umfeld des Fälschers. Egal, ob von Hitler, August dem Starken oder Napoleon – Kujau hatte viele Handschriften drauf. Mehr als 60 Gemälde berühmter Maler und Karikaturen schmücken die Wände des „Kujau Kabinetts“.

Die Faszination der Werke Kujaus hat der Kunst- und Antiquitätenhändler Boger 2002 entdeckt. Fälschungen der Nazi-Zeit sind im Kujau-Museum durch eine dicke Gefängnistür abgetrennt. Die Idee zum Museum kam Marc-Oliver Boger 2013, anlässlich des 30. „Jubiläums“ des Hitler-Tagebücher-Skandals.

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