Logo

Museum

Museum im Adler - Frisch modernisiert und unzensiert

Nach über einjähriger Pause ist das Museum im Adler seit gestern wieder geöffnet. Die neue Leiterin Judith Szulczynski-Bajorat hat die Dauerausstellung neu konzipiert. Entstanden ist ein Museum zum Fühlen und Anfassen.

Die neue Museumsleiterin Judith Szulczynski-Bajorat nutzte die Schließzeit, um der Dauerausstellung im Museum im Adler ein neues Gesicht zu verleihen.Fotos: Holm Wolschendorf
Die neue Museumsleiterin Judith Szulczynski-Bajorat nutzte die Schließzeit, um der Dauerausstellung im Museum im Adler ein neues Gesicht zu verleihen. Foto: Holm Wolschendorf
Viele der Ausstellungsstücke dürfen angefasst werden.
Viele der Ausstellungsstücke dürfen angefasst werden.
An Infotafeln werden Benninger porträtiert.
An Infotafeln werden Benninger porträtiert.
350_0900_33967_18_07_21Wolschendorf_2.jpg
350_0900_33966_18_07_21Wolschendorf_10.jpg

Benningen. Judith Szulczynski-Bajorat übernahm die Leitung des Museums im Adler vor anderthalb Jahren zu einem überaus ungünstigen Zeitpunkt. Als sie ihre Stelle antrat, stand ursprünglich die Konzeption einer neuen Sonderausstellung auf dem Programm. Doch es sollte anders kommen, denn wie in so vielen Museen wirbelte die Coronakrise die Zukunftsplanung auch im Benninger Heimatmuseum komplett durcheinander.

Im Rückblick aber sollte sich die lange Zwangspause sogar als Gewinn erweisen. Denn Szulczynski-Bajorat machte die Not zur Tugend und hat die in die Jahre gekommene Dauerausstellung gründlich überarbeitet. „Es war nicht leicht, alles umzusetzen“, sagte die Museumsleiterin, als sie gestern Vormittag die Besucher der Ausstellungseröffnung begrüßte. „Mitunter habe ich angefangen, zu zweifeln.“

Doch die studierte Kunsthistorikerin, die freiberuflich auch für das Stuttgarter Landesmuseum tätig ist, konnte auf ein funktionierendes Netzwerk zurückgreifen. Mit vereinten Kräften gelang es, der Dauerausstellung ein völlig neues Gesicht zu verleihen. „Es ist frischer, zeitgemäßer geworden“, so Szulczynski-Bajorat.

Das trifft tatsächlich zu, die neue Dauerausstellung bietet Ortsgeschichte zum Fühlen und Anfassen. An Drehwürfeln beispielsweise sind die Biografien von Benninger Persönlichkeiten wie dem ersten Ehrenbürger Gottlieb Storz einzusehen, der in die USA auswanderte und es sprichwörtlich vom Tellerwäscher zum Millionär brachte.

In Omaha, Nebraska, wurde Storz zum Eigentümer einer Großbrauerei. Das Geschäft lief gut, die Amerikaner wussten die deutsche Braukunst zu schätzen. Während der Prohibition musste Storz auf die Produktion von Eiscreme umsatteln, doch als das Alkoholverbot 1933 aufgehoben wurde, wandte er sich wieder dem Gerstensaft zu.

Neu ist auch eine Fühlstation, an der Besucher verschiedene Waren der ehemaligen Wanderhändler ertasten können. Bauhofmitarbeiter Christoph Schäfer, der selbst einen Weinberg bewirtschaftet, hat im Weinbauzimmer eine Wengerterhütte gezimmert. An zwei großflächigen Tafeln werden Benninger porträtiert, die ihr Glück im Ausland gesucht haben oder aus fernen Regionen und Ländern in die Neckargemeinde gezogen sind.

Unter dem Titel „Dienstmädchen – ein harter Einblick“ erhalten die Besucher Einblicke in den Alltag eines früher häufigen Berufs. Neben Puppenküchen oder einer Truhe mit Aussteuer sind hier alte Küchengeräte ausgestellt. Laut Bürgermeister Klaus Warthon wurden die Geräte zuletzt von einem Handwerker, der die Haustechnik überprüfte, versehentlich auf ihre Funktionsfähigkeit getestet. Das erstaunliche Ergebnis: „Von einer Ausnahme abgesehen laufen alle Geräte aus den 50er und 60er Jahren einwandfrei.“

Auch moderne Technik hat Einzug gehalten. Auf einem Monitor etwa können die Besucher alte Kirbefilme und Fotos der Benninger Traditionsveranstaltung anschauen. Auch frühere Kirbepredigten sind einzusehen. Die Kirbebuben sind dafür bekannt, in ihren Reden mitunter ein wenig über die Stränge zu schlagen und mit schwerem Geschütz auf die Obrigkeit zu feuern, wie auch Bürgermeister Warthon schon am eigenen Leib erfahren musste. Die Kirbepredigten wurden dennoch im Originallaut veröffentlicht, versichert Warthon schmunzelnd. „Bei uns wird nichts zensiert.“

Info: Das Museum im Adler, Ludwigsburger Straße 9, hat ab sofort – auch in den Ferien – sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Infos unter www.museum-im-adler.de.

Autor: