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Nabu: Nicht jeder einsame Jungvogel ist hilflos

Wildtiere erst länger beobachten, bevor sie aufgenommen werden – Überlebenschancen in der Natur sind höher als bei Handaufzucht

Eine junge Amsel.Foto: privat
Eine junge Amsel. Foto: privat

Bottwartal. Jedes Jahr zur Brutzeit häufen sich Fundmeldungen über scheinbar hilflose Jungvögel, die aus dem Nest gefallen sind und von unzureichend informierten Sparziergängern mitgenommen werden. Dabei gilt: Wer auf einen einsam und hilflos wirkenden Jungvogel trifft, sollte das Tier auf keinen Fall gleich aufnehmen, sondern es erst mal an Ort und Stelle belassen. Darauf weist die Ortsgruppe Oberstenfeld des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) hin.

Der Schein trügt häufig, denn die Jungen vieler Vogelarten verlassen ihr Nest bereits, bevor ihr Gefieder vollständig ausgebildet ist. Wichtig ist, dass der Finder eines „aus dem Nest gefallenen“ Jungvogels besonnen die Situation beurteilt und sich möglichst fachkundigen Rat einholt, bevor er handelt, sagt Nabu-Vertreter Bertram Hartmann. Meist handele es sich nicht um Waisen, sondern um fast flugfähige Jungvögel mit relativ vollständigem Gefieder, die durch Bettelrufe noch mit ihren Eltern in Verbindung stehen. Sobald der Mensch sich entferne, könnten sich die Eltern wieder um ihre Kinder kümmern.

Wildtiere sind von Natur aus vielfältigen Gefahren ausgesetzt. Dies gilt laut Hartmann ganz besonders für Jungtiere, die die Nahrungsgrundlage anderer Tiere sind. Oft kämen sie aber auch durch Unerfahrenheit zu Schaden. In der Natur erreiche beispielsweise kaum jeder Fünfte der jungen Sperlingsvögel eines Jahrgangs die Geschlechtsreife. Derartige Verluste würden dadurch ausgeglichen, dass die meisten Kleinvögel mehrmals im Jahr brüten.

Die fast flügge Vogelbrut verteilt sich nach dem Verlassen des Nestes an verschiedene Stellen des Gartens oder Wäldchens. So können nur einzelne Tiere und nicht die gesamte Brut auf einmal, von natürlichen Feinden entdeckt werden. Dass es sich bei den Jungvögeln um echte Waisen und nicht um „Scheinwaisen“ handelt, kann man laut Hartmann durch längeres – zwei bis drei Stunden –, vorsichtiges Beobachten aus einem Versteck heraus erkunden. Lediglich wenn Gefahr drohe, wenn Jungtiere beispielsweise auf der Straße sitzen, sollte man eingreifen, die Vögel wegtragen und an einem geschützten Ort, aber nicht zu weit vom Fundort wieder absetzen. Das gelte auch, wenn Verletzungen zu sehen sind.

Gemäß Bundesnaturschutzgesetz dürfen Jungvögel übrigens nur vorübergehend und nur dann aufgenommen werden, wenn sie verletzt oder krank und somit tatsächlich hilflos sind. Jungvögel, die mit nach Hause genommen werden, haben selbst bei fachgerechter Pflege deutlich schlechtere Überlebenschancen als in der Natur. Die elterliche Fürsorge in der Naturaufzucht könne niemals ersetzt werden, so dass die Handaufzucht immer nur die zweitbeste Lösung sei. „Nur bei deutlich geschwächt wirkenden oder wirklich verwaisten Vögeln ist die Handaufzucht zu empfehlen, wie auch in Fällen, in denen durch Unwetter, Baumaßnahmen oder dergleichen der Nistplatz zerstört ist“, so der Appell des Nabu.

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