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Arbeitsplätze

Neue Gewerbegebiete keine Selbstläufer im Kreis Ludwigsburg und der Region

Zum zweiten Mal infolge sagen Bürger im Landkreis Ja zu weiteren Flächen für Firmen. Selbstverständlich ist das nicht, wie eine Reihe von Beispielen zeigt.

In Schwieberdingen (Foto) und Mundelsheim haben Bürgerentscheide den Kommunen und dem Stuttgarter Regionalverband Rückenwind verliehen. Doch es gibt auch Negativbeispiele. Archivfoto: Andreas Essig
In Schwieberdingen (Foto) und Mundelsheim haben Bürgerentscheide den Kommunen und dem Stuttgarter Regionalverband Rückenwind verliehen. Doch es gibt auch Negativbeispiele. Archivfoto: Andreas Essig
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Kreis Ludwigsburg. Knapp drei Jahre vor dem Mundelsheimer Bürgerentscheid kommt es im Strohgäu zum Schwur. Am 14. Juli 2019 sagen 57,1 Prozent der Schwieberdinger Ja zur Umwandlung einer knapp 25 Hektar großen landwirtschaftlich genutzten Fläche zwischen der Schnellfahrtrasse der Bahn und dem Automobilzulieferer Bosch. Auf das Areal, das der Stuttgarter Regionalverband als Gewerbeschwerpunkt ausweist, hat der Sportwagenbauer Porsche ein Auge geworfen. Er plant hier ein Industriequartier, um die Fertigung des E-Modells Taycan in Zuffenhausen zu unterstützen.

Doch von einer Umsetzung sind die Schwieberdinger weit entfernt. Mittlerweile haben sie sich zwar mit den Nachbarn Hemmingen, Markgröningen und Ditzingen zu einem interkommunalen Verbund zusammengeschlossen. Allerdings bereitet es ihnen offenbar Schwierigkeiten, ins Eigentum der Flächen zu kommen. Schließlich haben sie es mit rund 100 Parteien zu tun.

„Die Gespräche dauern unvermindert an“, sagt der Schwieberdinger Bürgermeister Nico Lauxmann auf Anfrage unserer Zeitung. „Es sind derzeit sehr intensive Gespräche mit zahlreichen Fragestellungen und Problemstellungen. Unser Ziel ist es, ein für alle Seiten gangbares Verfahren festzulegen.“ Momentan sieht es in Schwieberdingen so aus, dass mehr als 50 Prozent der Eigentümer einem Verkauf zustimmen.

Enteignungen hatte Lauxmann in der Vergangenheit eine Absage erteilt. Noch vor der Sommerpause will der Rathauschef die Gremien der beteiligten Kommunen über den Stand der Verhandlungen informieren – und auch einen Zeitplan mit einer konkreten Vorgehensweise präsentieren.

Interessenten haben es eilig

Die Zeit drängt, aber nicht nur in Schwieberdingen, sondern auch in Weilheim im Kreis Esslingen an der A8. Dort stimmten Ende April rund 70 Prozent der Menschen für die Ansiedlung einer Brennstoffzellenfabrik des Unternehmens Cellcentric. Dahinter steckt ein Joint Venture von Daimler Truck und Volvo, das 2026 auf einer rund 15 Hektar großen Fläche mit der Produktion beginnen will. Aber auch hier müssen noch Grundstücke gekauft werden.

Der Verband Region Stuttgart verfolgt in Weilheim, Schwieberdingen und Mundelsheim ähnliche Ziele: Flächen zur Verfügung zu stellen, um den industriellen Transformationsprozess zu bewerkstelligen. Dass die Bürgerschaft dabei mitzieht, ist nicht selbstverständlich. Im vergangenen Herbst musste die Region ihre Pläne für einen Hochtechnologie-Standort in Dettingen unter Teck, auch im Kreis Esslingen, nach einem Bürgerentscheid begraben. In Donzdorf und Uhingen im Kreis Göppingen sowie in Weissach im Kreis Böblingen kippten Bürger ebenfalls Projekte.

Im Kreis Ludwigsburg kamen Schwieberdingen und Mundelsheim erst ins Spiel, als ein Gewerbeschwerpunkt Pleidelsheim-Murr an der A81 vor rund zehn Jahren am Veto der Pleidelsheimer Lokalpolitik scheiterte. Das Gebiet Holzweiler Hof bei Großbottwar wurde beerdigt, als der damalige Landrat Rainer Haas es ablehnte, das dortige Landschaftsschutzgebiet aufzuheben.

Kommunen über Kreuz

Die Region machte sich darauf auf die Suche nach Ersatzflächen – und wurde in Schwieberdingen, Korntal-Münchingen und Bietigheim-Bissingen sowie bei Ingersheim fündig. Doch nur bei Letzterem, dem bis zu 14 Hektar großen „Gröninger Weg“, läuft es nach Plan. Die Erweiterung des Gebiets Laiern an der Grenze zu Tamm scheiterte 2015 am Bietigheim-Bissinger Gemeinderat, der die Verantwortlichen erst dazu zwang, die Pläne von 20 auf 13 Hektar zu reduzieren, und dann auf Halde zu legen, bis die Verkehrsprobleme gelöst seien.

Fragt man in den Rathäusern nach dem aktuellen Stand, erntet man als erstes ein Lachen. Immerhin: Ein Teil der L1110, zwischen der Abzweigung bei Marabu und dem Porsche-Turm, soll 2023 auf je zwei Spuren ausgebaut werden, jene Kreuzung mit dem markanten Gebäude auch eine längere Einfädelspur (und dann ohne Ampelregelung) auf die B27 in Richtung A81 erhalten, ebenso soll es zwei Spuren in die andere Abbiegerichtung geben, heißt es aus dem Bietigheimer Rathaus.

Der Eigentumserwerb ist auch in Korntal-Münchingen die größte Hürde

Und das 25 Hektar große Gebiet bei Müllerheim, direkt an der A81-Anschlussstelle Zuffenhausen? Das wollte das Korntal-Münchinger Rathaus mithilfe eines Investors zu einem über die Region hinaus strahlenden Leuchtturmprojekt machen, besonders grün und nachhaltig – und musste dann kurz vor einem für Anfang Februar geplanten „Bürgerdialog“ einräumen, dass man mit den Grundstücksverhandlungen nicht so weit ist wie zuvor kolportiert. Besonders ein Großgrundbesitzer will nach LKZ-Informationen nicht zu den festgelegten Konditionen (100 Euro/Quadratmeter und fünfjährige Bindefrist, bis das Projekt in trockenen Tüchern ist) verkaufen – die wohl größte Hürde, die nach wie vor nicht ausgeräumt scheint, zumindest gebe es aktuell nichts Neues zu kommunizieren, heißt es kurz aus dem Rathaus. Mit einem Bürgerentscheid wäre nicht unbedingt zu rechnen gewesen: Naturschützer und andere, die die Versiegelung hochwertiger Ackerböden wie auch den Verlust von Lebensraum vieler Tiere anprangerten, hatten einem gesamtstädtischen Urnengang mit Blick auf eine geringe Betroffenheit in Korntal keine große Chance eingeräumt.

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