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Historische Obstsorten

Neues Leben für die fruchtigen Ururopas

Ortspomologe Matthias Braun will aus der alten Sorte Knausbirne Destillate und Chips herstellen – Weitere Baumpflanzungen geplant

Der alte Birnbaum am Pfaffenkreuz in seiner Blütezeit (links). Noch kräftiger blühte die Knausbirne in Heimerdingen. Fotos: Matthias Braun
Der alte Birnbaum am Pfaffenkreuz in seiner Blütezeit (links). Noch kräftiger blühte die Knausbirne in Heimerdingen. Foto: Matthias Braun
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Foto: Andreas Becker

Hemmingen. Es soll in einem Herbst lange vor unserer Zeit gewesen sein, als an dieser Stelle ein Hemminger Pfarrer bei einem Schlichtungsversuch grausam den Tod durch ein Schwert fand, erschlagen von einem Ritter, der kurz zuvor mit seinem Pferd eine Bäuerin tödlich verletzte. Zum Gedenken wurde ein Holzkreuz errichtet – doch seit Jahrzehnten gibt es auf dieser Anhöhe zwischen Hemmingen und Schöckingen etwas, das einem Gipfelkreuz sehr ähnlich ist: ein einzelner Birnbaum. „Fast könnte man ihn als Leuchtturm des Strohgäus“ bezeichnen, findet Matthias Braun – und sagt das nicht nur mit Blick auf die Größe und Sichtbarkeit von Weitem. Denn der Baum, der sogar als Naturdenkmal ausgewiesen wurde, ist ein wahrer Methusalem. Er soll um das Jahr 1890 gepflanzt worden sein, weiß der Hemminger Ortspomologe, der sich historischen Obstsorten und deren Erhalt verschrieben hat. Doch das Altersheim ist noch lange nichts für den Birnbaum, dafür sorgt Matthias Braun mit immer neuen Ideen.

Begonnen hatte das 2016, als er die Sorte des Baums als früher verbreitetere „Große Rommelter“ bestimmte. Im vergangenen Jahr wurde er dann in den Historischen Ortsrundgang als eigene Station neu aufgenommen. Und unlängst schließlich hat Braun ihm wortwörtlich neues Leben eingehaucht und hofft, die ersten Früchte dieser Bemühungen schon bald ernten zu können. Möglich machen soll das der Vitalisierungsschnitt, für den sich ein Fachmann im Februar in die Krone seilte. Seit Jahrzehnten sei der Baum nicht mehr derart behandelt und zu neuem Wachstum angeregt worden, dabei schwäche altes Holz den Baum. Er hofft nun auf mehr Ertrag als im Vorjahr, wo es für ihn angesichts des Frosts überraschend doch noch für ein paar Kilogramm der „Mostbirne ersten Ranges“ gereicht habe.

Und Birnen braucht er in diesem Jahr so einige, bevorzugt natürlich alte Sorten. Denn nachdem er vergangenes Jahr mit Urs Renninger Schnaps und Secco aus Luiken- und Bohnäpfeln produziert hatte (wir berichteten), ist nun die seltene Knausbirne im Blick. Besonders die Früchte von einem Baum, der seit geschätzt sogar 170 Jahren in Heimerdingen wächst und in diesem Jahr „so intensiv geblüht hat wie noch nie“. Vor 170 Jahren, das war die Zeit von Wilhelm I, und damit „passend für ein königliches Destillat“.

Und auch die Herstellung dürfte nicht ganz einfach sein, hört man Brauns begeisterte Schilderungen seines Hobbys. Birnen seien nämlich nur sehr kurz haltbar und würden schnell suppig, sagt er. Bei der Ernte müsse also alles stimmen, denn wenn diese rechtzeitig geschehe, habe die Knausbirne ein marzipanartiges Aroma. Die Früchte sind aber nicht nur zur flüssigen Verarbeitung gut, sondern galten vor rund 200 Jahren vor allem in der Region um Pfullingen zusammen mit den Sorten Palmisch und Wadel als die drei besten Dörr- und Schnitzbirnen, weiß Braun, der sich mittelfristig einen nötigen Dörrapparat zulegen will.

Und, zusammen mit Eric Raasch, der schon den Vitalisierungsschnitt machte, will er in diesem Herbst am Eulerberg neue Bäume pflanzen. 20 bis 30 sind geplant – natürlich alte Sorten. Und auch für die wird er sicher wieder neue Ideen parat haben.

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