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Nichts ist so ästhetisch wie die Natur

Die Künstlerin Tanja Selten präsentiert ihre Werkschau „Aufleuchten“ in der Städtischen Galerie

Gestalterischer Bruch: Tanja Selten stellt aus.Foto: Susanne Müller-Baji
Gestalterischer Bruch: Tanja Selten stellt aus. Foto: Susanne Müller-Baji

Ditzingen. Erstarrter Schaum, wiederauferstandene Insekten und Gemälde, die im Dunkeln leuchten – die neue Ausstellung beim Kultur- und Kunstkreis ergibt eine bemerkenswerte Verbindung von Kunst und Naturwissenschaft. Seit Sonntag zeigt Tanja Selten in der Galerie am Laien die Werkschau „Aufleuchten“.

Es gibt Dinge, die hat selbst das altehrwürdige Gemäuer des Ditzinger Dreigiebelhauses noch nicht gesehen, etwa ein in Schwarzlicht getauchtes Galeriekabinett, in dem sich ein Oktopus tummelt wie auf einem Riff. Außerdem gibt es Libellen zu entdecken und Zikaden, als Transfer und collagiert, sowie Zellstrukturen, die eigentlich aus besagtem erstarrtem Schaum bestehen.

„Nichts von Menschenhand ist so ästhetisch wie die Natur“, sagt Tanja Selten. Wer schon mal einen Libellenflügel oder ein Facettenauge eingehend betrachtet hat, wird ihr wahrscheinlich von Herzen zustimmen.

Die Sindelfingerin verfügt hier aber über fundiertes Wissen, hat schließlich Kunst und Biologie studiert. Wissenschaftliche Analyse und künstlerische Vision – eine ungewöhnliche Kombination, die für sie aber in überhaupt keinem Widerspruch steht: „Das ist doch perfekt so!“

Entsprechend legt sich nun Schaum über die Bildformate und man staunt. Wie genau sie dabei vorgeht, das will sie nicht preisgeben: „Ich habe dafür sehr lange experimentiert und alle möglichen Dinge ausprobiert, vom Backpulver bis zum Heizstrahler.“ Ähnlich trickreich ist ihr Spiel mit dem Bildmaterial: Alle Fotos seien von ihr selbst gemacht, versichert sie, nur dass sie über die gängigen Bildverarbeitungsprogramme verändert wurden.

So verleiht sie einem Gewirr von Ästen durch einen Solarisationseffekt eine geheimnisvolle Aura und die Libelle, die gleich in mehreren Arbeiten auftaucht, ist quasi wiederauferstanden: „Sie war ganz zerfetzt, als ich sie in einem Straßengraben gefunden habe, und ich habe sie im Foto ergänzt, bis sie wieder vollständig war.“ Überhaupt findet sie so manches Motiv im Vorübergehen. Blumen auf einer Verkehrsinsel, beim Warten an der roten Ampel entdeckt, dienten ihr als Vorbild für eine der neuesten Arbeiten, die wieder mehr gemalte als digital bearbeitete Elemente umfassen.

Gerade weil sie es als Biologin gewöhnt ist, ihre Motive quasi am Wegesrand zu entdecken, macht ihr die immer weiter fortschreitende Zersiedelung der Landschaft große Sorgen: „Ich finde das schrecklich, wie alles zugebaut wird, speziell bei uns in Deutschland.“ Entsprechend kündigt sie an, einen Teil des Erlöses eines jeden verkauften Bildes dem Naturschutzbund zu spenden.

Hat das vielleicht auch etwas mit dem ein wenig schaurigen Schwarzlicht im Galeriekabinett zu tun und der Tatsache, dass die Bilder einen gestalterischen Bruch in sich tragen? Oder ist es vielmehr ein Seitenhieb darauf, dass der Mensch in der Flora und Fauna stets zwischen Nützling und Schädling unterscheidet? „Nein, ich liebe alle Tiere!“, sagt Tanja Selten entschlossen, gibt später aber auch zu, dass sie unter einer Spinnenphobie leidet: Als Biologin ist das für sie kein Widerspruch, als Künstlerin sowieso nicht. So oder so setzt „Aufleuchten“ aber die kleinen Naturwunder ins rechte Licht“, die dem Betrachter sonst entgangen wären.

Info: Die Werkschau ist bis 15. Dezember in der Städtischen Galerie Ditzingen, Am Laien 3, zu sehen. Geöffnet ist dienstags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr.

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