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Porträt

„Nur 14 Tage Radeln ist mir zu wenig“

Klaus Müller ist Mitte März zu einer Tour entlang von Nord- und Ostseeküste über Russland bis zum Nordkap und Island aufgebrochen. Bald startet er zu seiner Radreise in Ozeanien – und Trips auf weiteren Kontinenten sind schon in Planung.

Klaus Müller am Nordkap.Fotos: privat
Klaus Müller am Nordkap. Foto: privat

Korntal-Münchingen. Zum Gespräch in der Redaktion ist Klaus Müller mit der Bahn gekommen. Doch das liegt nicht etwa daran, dass ihm die Strecke zu weit war, das Wetter nicht radtauglich oder es ihm in der Region zu viel Verkehr gibt – sein Drahtesel ist schlichtweg in der Werkstatt. Denn eine große Tour liegt hinter ihm – und die nächste vor ihm.

Rund sieben Monate lang war Müller, der lange Zeit im Münchinger Schloss wohnte, zuletzt unterwegs. Als „radelnder Nomade“ will er nun, da er in Rente ist, die Welt erkunden, „bevor wir sie zugrunde gerichtet haben“, sagt er. Und fing damit nördlich von Hamburg an, denn weiter sei er noch nie zuvor gekommen, sagt er. Nachdem er von Münchingen aus dort angekommen war, ging es entlang der Elbe nach Lübeck, weiter an der Ostseeküste bis Danzig, von dort aus machte er einen Abstecher nach Malbork, „der Kultur wegen“. Nicht mehr allzu weit war es dann bis zur polnischen Grenze zur Enklave Kaliningrad und den baltischen Staaten.

Unterwegs gab es für ihn nicht nur ungekannte Landschaften zu sehen, sondern auch gewisse Formalitäten zu erledigen. Denn für die Einreise nach Russland braucht man ein Visum, beantragen kann man das allerdings nur mit der Angabe des genauen Datums – Müller hatte seine Tour zwar über mehrere Monate geplant, allerdings nicht taggenau. In der lettischen Hauptstadt Riga war die folgende Route dann fix – und der Grenzübertritt am Ende kein Problem, trotz des martialisch anmutenden Wegs vorbei an viel Stacheldraht. Ruckzuck habe er passieren können, freundlich hätten ihn die Grenzschützer begrüßt – sogar auf Deutsch. „Ich beglückwünsche Sie und wünsche noch eine gute Fahrt“, habe eine Frau zu ihm gesagt.

Nette Kontakte, hilfsbereite Menschen

Überhaupt: Die Begegnungen unterwegs blieben ihm ausnahmslos positiv in Erinnerung, so Klaus Müller. „Die Leute waren alle tierisch freundlich.“ Unproblematisch war es auch, bestimmte Etappen mit dem Bus zu machen oder mit dem Rad aufs Schiff zu kommen, etwa von St. Petersburg nach Helsinki, vom Nordkap auf die Lofoten oder dann von Dänemark nach Island und wieder zurück.

7500 Kilometer hat er in den zurückliegenden Monaten seit Mitte März hinter sich gebracht – dabei war er zuvor alles andere als ein Extremradler. Zu der Zeit, als er in Tübingen gelebt habe, sei er täglich die paar Kilometer bis zur Arbeitsstelle gefahren, und habe einmal eine mehrtägige Radtour gemacht. Erst als er dann jenes Fahrrad gekauft hatte, mit dem er auf die Europareise ging, fuhr er eine längere Strecke und testete, wie es sein wird, in einem Zelt zu schlafen, ohne ein weiches Bett und eigene Dusche zu leben. „Dazu bist du doch viel zu alt!“, hatten einige Bekannte zu ihm gesagt, als er ihnen erstmals von seinen Plänen berichtete.

„Doch das erscheint mir in Zeiten, in denen die Rente mit 70 im Gespräch ist, beinahe anachronistisch“, sagt er. Er fühle sich fit – und die Kondition komme ohnehin mit der Zeit. „Wenn man mit dem Rad zum Bäcker fährt, kann man auch eine Weltreise machen“, ist er überzeugt. Am Anfang seiner Tour habe er sich noch bei einem Buckel gefragt, ob er sich das wirklich antun müsse. „Aber mittlerweile fahre ich auch zehnprozentige Steigungen mit vollem Gepäck.“ Und das bedeutet jede Menge Gewicht, schließlich musste auf die Reise nicht nur – vor allem regenfeste – Kleidung für alle Jahreszeiten mit, sondern auch noch ein Kocher und das Zelt. Auf fast 30 Kilogramm kamen die vier Radtaschen plus der große Sack, der oben drauf kommt.

Viel Planungsarbeit nötig

Die Packliste zu erstellen war aber nur eine der kleineren Aufgaben. Fast ein Jahr lang hatte er die Route geplant, und sich vor allem auch um Dinge wie Impfungen und Versicherungen gekümmert. Eine spezielle Krankenversicherung musste her, denn die gesetzliche gilt für ihn nicht mehr – schließlich hat er seinen Wohnsitz in Deutschland abgemeldet. Und es musste geregelt sein, dass er nach wie vor an seine Rente kommt. Für ihn macht das auch die Besonderheit seiner Tour aus, denn die allermeisten anderen Weltenbummler, die er unterwegs trifft, seien jung und hätten nicht so viel Geld in der Hinterhand, um sich auch mal eine Hotelübernachtung zu leisten. Oder die ein Enddatum im Blick behalten müssen, weil zuhause ja noch der Job wartet.

Für Müller ist all das vorbei, er hat keine Verpflichtungen mehr, wie er sagt. Und nutzt das, um seinen jahrzehntelang gehegten Traum in die Tat umzusetzen – entwickelt nach der Lektüre von Karl May, Jules Verne und Heinz Helfgen, teilweise unter der Bettdecke mit Taschenlampe. „Ich war von den Landschaftsbeschreibungen, den Ländern und Menschen so fasziniert, dass ich sagte: Klaus, das machst du auch – irgendwann mal… Denn 14 Tage Radeln und gut ist, das ist mir zu wenig.“

Seinen ersten Traum hat er nun geschafft. Allein. Hin und wieder fuhr er mit anderen Radtouristen ein, zwei Tage zusammen, doch dann trennten sich die Wege wieder. Mit einem Freund die Europareise machen? Für ihn nahezu undenkbar, dabei würden viele Beziehungen scheitern, ist er überzeugt. Das fange schon damit an, wann der andere aufstehen will, wie lange am Stück fahren oder pausieren. „Wenn man so eine Weltreise unternimmt, muss man das Alleinsein mental aushalten können“, sagt Müller, „und auch mal 100 Kilometer nicht zu sprechen“.

Traum: Seidenstraße oder Amerika

Zumindest auf seiner Europatour gab es auf diese Distanz einiges an Abwechslung. Bei den weiteren Reisen könnte das aber ganz anders aussehen. In den nächsten Tagen geht es für etwa ein Jahr nach Australien und Neuseeland. „Und danach auf die Seidenstraße oder von Alaska nach Uschia – ich werf‘ einfach eine Münze“, sagt er und lacht. Wobei er in einem Jahr vielleicht auch gar keine große Wahl hat. Die Reise auf der Seidenstraße ist zwar auch ein großer Traum von ihm, allerdings gibt es einige politisch instabile Länder auf der Route.

Und das wiegt schwerer als der mancherorts doch abenteuerliche Verkehr, berichtet er von dem „Radweg“ in einem St. Petersburger Vorort, der eher dem Standstreifen auf der A.81 geglichen habe. Zu Beginn seiner Europareise hätte er sich das wohl nicht getraut und lieber eine andere Route genommen. Aber mit einigen Wochen Erfahrung war das „richtig toll. Nach 4500 Kilometern nimmt man alles eben etwas lockerer.“ Auch bei viel Verkehr und schlechtem Wetter.

Internet: www.klausonbike.com

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