Logo

Finanzielle Engpässe
Pfandleiher im Landkreis Ludwigsburg und Stuttgart sehen bei ihren Kunden einen höheren Kreditbedarf

Als Pfand hinterlegt: Schmuckstücke in der Pfandleihe. Fotos: Bernd Weißbrod/dpa
Als Pfand hinterlegt: Schmuckstücke in der Pfandleihe. Fotos: Bernd Weißbrod/dpa
Der Prüfer wiegt hier eine Goldkette.
Der Prüfer wiegt hier eine Goldkette.
Das Geschäft der Pfandleiher zieht im Kreis Ludwigsburg an – wie auch in ganz in Deutschland. Das Prinzip ist alt: Die Kunden erhalten schnell und unkompliziert ein Darlehen – gegen ein Faustpfand, meist ein Wertgegenstand. Inflation und steigende Energiekosten könnten den Bedarf noch erhöhen, auch in der Region.

Ludwigsburg/Stuttgart. Das Geschäft der Pfandleihen ist recht einfach erklärt: Wer Geld braucht, bekommt einen Kredit. Dafür werden Zinsen und Gebühren fällig. Die Kunden hinterlegen zudem einen entsprechend wertvollen Gegenstand als Pfand. Zahlt ein Kunde alles rechtzeitig zurück, kann er den beliehenen Gegenstand wieder mitnehmen. Wenn nicht, wird er versteigert. In Ludwigsburg führt der Weg zum schnellen Geld bei finanziellen Engpässen in die Leonberger Straße oder die Kirchstraße. Bei Pfandhaus Ludwigsburg oder Pfandkredite Sandkühler können sich in Zeiten hoher Inflation und steigender Energiekosten Privat- und Geschäftsleute schnell mal mit dem nötigen Kleingeld versorgen – gegen ein Pfand natürlich. In Stuttgart gehen Kunden zur städtischen Pfandleihe in eine triste Seitenstraße in der Innenstadt.

Die Geschäfte ziehen an

Gerade in den letzten Wochen hätten die Geschäfte angezogen, sagt Wolfgang Schedl, Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Pfandkreditgewerbes (ZDP), in Stuttgart. Alles werde teurer, berichteten Kunden der Mitgliedsbetriebe vor Ort, betont Schedl. Konkrete Zahlen lägen ihm nicht vor, so der ZDP-Chef. Er könne sich angesichts der aktuellen Situation aber vorstellen, „dass der Kreditbedarf der Menschen in den nächsten Monaten signifikant zunimmt“. So geht es nach relativ mageren Jahren durch die Coronapandemie und die Lockdowns für die Branche aufwärts.

„Wir haben einen Zuwachs von 40 Prozent“

Am häufigsten werden Schmuckstücke gebracht oder auch Münzen – auch Goldbarren sind dabei. „Wir haben derzeit einen Zuwachs von 40 Prozent“, betont Jozef Handermander. „Wir beleihen Gold, Goldschmuck, Diamanten, Silber und Münzen“, erklärt der Geschäftsführer der Pfandleihe Ludwigsburg in der Leonberger Straße. Sie ist die erste und älteste Pfandleihe im Kreis Ludwigsburg, wie Handermander sagt. „Wir haben zurzeit etwa 200 bis 250 Artikel mehr als sonst“, so der Geschäftsführer, besonders der Goldankauf boomt. „Von Luxusuhren lassen wir die Finger, es gibt so viele gut gemachte Fälschungen, die auch Experten täuschen könnten.“ Auf eine sei auch schon mal sein Uhrmacher hereingefallen. „Bei Goldschmuck haben wir dagegen kein Problem. Wir haben ein Röntgengerät und können damit alle unsere Edelmetalle genauestens überprüfen.“ Etwa 96 Prozent der Gegenstände werden in Ludwigsburg übrigens wieder ausgelöst und abgeholt. „Die Laufzeiten haben sich im Schnitt auf 18 Monate verlängert“, so Handermander.

Kunden sehen Luxusuhren als Manövriermassen

Bei Juwelier Sandkühler in der Ludwigsburger Kirchstraße liegt der Schwerpunkt auf feinem Schmuck aus zweiter Hand, doch auch der Pfandkredit ist für die Kundschaft eine Option, wie Geschäftsführer Jan-Philipp Sandkühler sagt. „Die Nachfrage ist derzeit rege, wir haben wieder ein höheres Niveau wie vor der Coronakrise erreicht“, sagt Sandkühler, der seine Geschäfte in Ludwigsburg, Stuttgart, Heilbronn, Esslingen und Nürnberg hat. Den höchsten Anteil beim Pfandgeschäft haben bei Sandkühler Gold-Schmuckstücke und Gold, Münzen. „Auf dem zweiten Platz liegen Luxusuhren – wie Rolex. Die Kunden sehen diese Uhren als Manövriermassen an, die ihnen schon mal 8000 bis 10000 Euro bringen. Die meisten Gegenstände werden wieder ausgelöst. „Die Verfallquote bewegt sich im einstelligen Prozentbereich“, sagt Sandkühler.

In den Schaufenstern der städtischen Pfandleihe in Stuttgart liegen Schmuckstücke, die einst als Pfand dienten. Eine Rolex Air-King für 13939 Euro, eine Patek Philippe für 11000 Euro. Die Spannbreite der Objekte ist groß: Neben Fahrrädern, E-Bikes, Meissener Porzellan und Handtaschen von Louis Vuitton finden sich auch Uhren, Ketten und Armbänder für 19 Euro, Musikinstrumente. Die Historie des Stuttgarter Traditionshauses reicht nach eigenen Angaben bis ins Jahr 1872 zurück. Ein Darlehen betrage im Schnitt mehr als 500 Euro, wie Geschäftsführer Jürgen Barth sagt. Im Jahr würden Darlehen in Höhe eines zweistelligen Millionenbetrags vergeben. Mehr als 95 Prozent der Gegenstände werden wieder abgeholt. Das Geschäft lohnt sich. Bei der Tochtergesellschaft der Landesbank Baden-Württemberg habe der Jahresüberschuss 2021 laut Barth bei 287000 Euro gelegen. Wobei sie eine Seltenheit ist, denn der ganz große Teil der Betriebe ist in privater Hand.

Junge Erwachsene legen mehr Wert auf Luxus

Verbandsmann Schedl hat in den letzten Jahren festgestellt, dass immer mehr Menschen aus der Mittelschicht kommen, sagt er. Dabei werden Pfandleihhäuser gerne mal als „Arme-Leute-Bank“ bezeichnet. Und auch in Stuttgart registrieren sie eine Veränderung. „Wir stellen fest, dass junge Erwachsene mehr Wert auf Luxus legen.“

Wer bei den Banken abblitze, bei dem sei die Not groß und der Pfandkredit eine Art letzter Ausweg, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die Pfandleiher sprächen laut dem Verbraucherschützer eher Menschen mit Geldsorgen an. Gerade bei kleineren Summen seien die Kredite wegen der Gebühren viel teurer als übliche Kredite, so Nauhauser. Ein Beispiel: Bei einem Darlehen von 51 bis 100 Euro werden bei der städtischen Pfandleihe in Stuttgart ein monatlicher Zinssatz von einem Prozent sowie eine monatliche Gebühr von 2,50 Euro fällig.

Ausblick in die Zukunft

Barth argumentierte, im Gegensatz zu einer Bank ein höheres Risiko zu tragen. Das Pfand ist die einzige Sicherheit. Wenn er ein Pfand annehme, wisse er nicht, was es in der Zukunft einbringe. Aktuell beobachtet er den Trend, dass Menschen nach den Einschränkungen durch Corona mehr konsumierten. Es gebe viele, die jetzt Urlaub machen. Barths Blick richtet sich in die Zukunft. „Ich erwarte Ende des Jahres oder Anfang nächsten Jahres einen erhöhten Kreditbedarf, wenn etwa Abrechnungen für die Energiekosten kommen oder die Vorauszahlungen an den Vermieter erhöht werden.“ „Wir wissen nicht, was im nächsten halben Jahr oder Jahr auf uns zukommt“, sagt auch Sandkühler mit Blick auf die Energiepreisexplosion. Manchen Kunden könnte es da schwerer fallen, ihren Verpflichtungen nachzukommen.