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Tote Tabitha aus Asperg
Polizei und Staatsanwaltschaft halten Ergebnisse der Ermittlungen bewusst zurück

Wenn die Polizei ermittelt, werden nicht alle Informationen zur Tat an die Öffentlichkeit gegeben.
Wenn die Polizei ermittelt, werden nicht alle Informationen zur Tat an die Öffentlichkeit gegeben.
Im Ermittlungsverfahren gegen den 35-Jährigen, der im Verdacht steht, die 17-jährige Tabitha E. aus Asperg getötet zu haben und deshalb in Untersuchungshaft sitzt, geben Polizei und Staatsanwaltschaft nicht alle Informationen an die Medien heraus. Begründet wird dies mit „ermittlungstaktischen Gründen“.

Asperg/Markgröningen. Sie galt fünf Tage lang als vermisst, am vergangenen Sonntag wurde die 17-jährige Tabitha E. aus Asperg in Markgröningen-Unterriexingen nahe der Enz tot gefunden. Die Ermittler sprechen von einem Gewaltverbrechen. Der Tatverdächtige – ein 35-jähriger Syrer – sitzt bereits seit Samstag in Untersuchungshaft. Während Polizei und Staatsanwaltschaft berichteten, dass es laut Obduktion keine Hinweise auf ein Sexualdelikt gibt, halten sie viele weitere Informationen zurück. So bleibt die Todesursache bislang ebenso im Dunkeln wie der genaue Fundort der Leiche. Auch über eine mögliche Tatwaffe, Verletzungen des Opfers und den Wohnort des Verdächtigen ist nichts zu erfahren. Die Strafverfolgungsbehörden begründen die zurückhaltende Informationspolitik wie bei vielen anderen Verfahren mit „ermittlungstaktischen Gründen“. Doch was bedeutet das? Wir haben nachgefragt:

Aufklärung eines Sachverhalts als Ziel

Ziel eines Ermittlungsverfahrens sei die Aufklärung eines Sachverhalts, aus dem sich Anhaltspunkte für ein strafbares Verhalten einer Person ergeben, teilt Aniello Ambrosio, Erster Staatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart, auf Anfrage unserer Zeitung mit und spricht dabei von einem so genannten Anfangsverdacht. „Die Ermittlungen werden grundsätzlich nichtöffentlich geführt“, so Ambrosio. Grundsätzlich bestehe ein Anspruch der Medien auf Auskunft über einen Sachverhalt. Dieser beziehe sich jedoch nur auf Tatsachen und nicht auf Wertungen. Zudem seien Erkenntnisse in einem frühen Verfahrensstadium regelmäßig noch nicht so hinreichend konkret oder gesichert, dass sie bereits veröffentlicht werden können.

„Im Rahmen der Pressearbeit müssen die Strafverfolgungsbehörden stets das berechtigte Informationsinteresse der Presse und der Öffentlichkeit gegen die Belange der Strafverfolgung und den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Verfahrensbeteiligten abwägen“, teilt Ambrosio mit. So können Auskünfte verweigert werden, wenn die Durchführung eines schwebenden Verfahrens vereitelt, erschwert, verzögert oder gefährdet werden könnte. Schließlich könnten Zeugen durch eine Veröffentlichung der Ermittlungsergebnisse möglicherweise beeinflusst werden. Sie würden gegebenenfalls nicht ihre eigenen, unverfälschten Erinnerungen schildern, sondern auch das, was sie aus den Medien erfahren haben.

Täterwissen wird zurückgehalten

Oft halten die Ermittler auch Informationen über die Tat zurück, die nur der Täter kennt und sprechen dabei von Täterwissen. „Wenn ein Tatverdächtiger in seiner Vernehmung Täterwissen offenbart, das nicht öffentlich bekannt ist, ist dies ein gewichtiger Anhaltspunkt dafür, dass er tatsächlich an der Tat beteiligt oder wenigstens am Tatort war“, erklärt Ambrosio. Werden dagegen Einzelheiten über den Tatort, Leichenfundort, Tathergang und -ablauf öffentlich bekannt, könne der Tatverdächtige jederzeit behaupten, er habe bei seiner Vernehmung nur das erzählt, was er in der Presse gelesen habe.

Wegen seines Persönlichkeitsrechts dürfen Namen und Foto eines Täters nicht veröffentlicht werden. Bei einem Tatverdächtigen muss außerdem laut Ambrosio die Unschuldsvermutung berücksichtigt werden.

Nach einem Geständnis des Täters, das bislang nicht veröffentlichtes Täterwissen enthält, ist es laut dem Ersten Staatsanwalt nicht mehr notwendig, diese Informationen zurückzuhalten, um ein Geständnis bewerten zu können. „Es besteht aber weiterhin die Gefahr, dass eine intensive Berichterstattung über Einzelheiten des Tatgeschehens die Erinnerung von Zeugen verfälscht. Diese Gefahr besteht letztlich bis zur Vernehmung der Zeugen in der Hauptverhandlung“, so der Jurist.