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Vonovia-Mieter

Protest gegen Baupfusch und Betrug

Mehr als 60 Betroffene haben vor dem Regionalbüro von Vonovia und dem Stuttgarter Rathaus demonstriert. Dabei stellten sie auch Forderungen an die Politik.

Nach den Reden vor dem Regionalbüro des Immobilienkonzerns ziehen die Demonstranten vor das Stuttgarter Rathaus. Foto: Julia Schweizer
Nach den Reden vor dem Regionalbüro des Immobilienkonzerns ziehen die Demonstranten vor das Stuttgarter Rathaus. Foto: Julia Schweizer

Stuttgart. Die Frau aus Korntal ist sauer. Jahrzehnte ist es her, dass sie das letzte Mal auf einer Demonstration war. Doch nun, mit 72, ist es wieder so weit. Denn der Ärger rund um die Arbeiten an den Häusern im Bahnhofweg ist so groß, dass sie ihn kundtut und trotz Kälte nun in der Stuttgarter Katharinenstraße steht. In den Händen ein Plakat, auf dem steht: „Uns reicht’s. Falsche Heizkostenabrechnungen, falsche Betriebskostenabrechnungen. Kaputtmachen, was gut ist, statt tun, was notwendig ist.“

Mit über 60 anderen Betroffenen demonstriert sie an diesem Nachmittag vor dem Regionalbüro ihres Vermieters, des Immobilienkonzerns Vonovia. Zuvor hat sie schon eine Fernsehreporterin empfangen. „Um das ganze Elend drinnen zu zeigen.“ Denn nicht nur ist auch das Dach ihres Wohngebäudes derzeit lediglich mit einer Plane abgedeckt. Im Innern hängen Elektroleitungen offen aus den Wänden, Keller und Dachboden seien seit langem nicht mehr nutzbar. Ebenso der Balkon – er soll vergrößert werden, obwohl kaum ein Mieter etwas davon haben dürfte, so direkt an den Bahngleisen. Anders der Vermieter: Mehr Fläche bringt mehr Miete. Ebenso, anders als nötige Sanierungen, die Modernisierungen.

Im April hatte Vonovia damit begonnen, doch bis Ende Oktober hatte es an 119 Tagen keinerlei Bautätigkeit gegeben. Erst danach ging es etwas weiter, am Dach der Häuser 12 und 14, direkt am Bahnhof (wir berichteten). „Da hat vielleicht auch die Stadt Druck gemacht, wegen der Lage“, mutmaßt die Mieterin.

Ihren Namen möchte sie lieber nicht veröffentlicht sehen. Die Witwe eines langjährigen Juristen bei der Bahn hat zwar ein lebenslanges Wohnrecht. Aber der Vermieter könne einem ja auch das Leben zur Hölle machen, so dass man ausziehe – und Platz mache für Mieter, die dann mehr zahlen müssten.

Ärger auch in Kornwestheim

Ein Vorwurf, der an diesem Nachmittag häufig zu hören ist. Auch von Peter Pressler aus der Bolzstraße in Kornwestheim. „Seid ihr asozial?“, höre man immer wieder von Leuten, die sehen, wo er wohne – so heruntergekommen seien die Gebäude, die wie in Korntal einst im Besitz der Bahn waren. Modernisiert werde nur vereinzelt bei einem Mieterwechsel.

Dabei sei vor allem eine neue Heizung dringend nötig. Manche Nachbarn zahlten 400 Euro Heizkosten, das könne er sich bei seiner Rente nicht leisten. Die Heizung stelle er deshalb nur im Wohnzimmer an. Allerdings: Er hat gehört, dass bald größer modernisiert werden soll – und fürchtet schon die Erhöhungen. In Korntal sind für die Zeit nach den Arbeiten 3 Euro pro Quadratmeter angekündigt.

„Es ist wichtig, dass Sie weiter Widerstand leisten“, spricht Ursel Beck von der Mieterinitiative an diesem Nachmittag Mut zu. Denn das, worüber einige berichten, seien keine Einzelfälle. „Das Ganze hat System“, sagt die Organisatorin der Demo. Es müsse endlich Schluss sein „mit dem Chaos, dem Pfusch am Bau, den Open-End-Modernisierungen und betrügerischen Betriebskostenabrechnungen“.

Die Liste der Forderungen, die Beck vorliest, ist noch länger. Die Dächer in Korntal sollten umgehend gedeckt, die Telefon- und Internetanbindung für Häuser in Esslingen wiederhergestellt und Brandschutzvorschriften für alle Baustellen eingehalten werden. Das forderte auch eine Bewohnerin der Hochhäuser der Stuttgarter Friedhofstraße, die Baumaterial in den Fluren moniert und sich auch aufgrund ihrer Sehbehinderung vor einem Brand fürchtet. „Wer übernimmt die Verantwortung, wenn etwas passiert? Eigentum hat auch eine Verpflichtung!“

Tapfer stehen zwei Vertreter von Vonovia daneben, hören sich die Beiträge von Beck, den Mietern und dem Landesvorsitzenden des Mieterbunds, Rolf Gaßmann, an. Er hat auch politische Forderungen. Die Modernisierungsumlage, wonach auf neun Jahre verteilt die Kosten auf die Mieter umgelegt werden dürften, müsse weg.

Forderungen an Politiker

Auch die Kommunalpolitik soll nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Nach einem Fußmarsch, begleitet von lauten Rufen, stehen die Demonstranten vor dem Rathaus. Während Fritz Kuhn einen Forderungskatalog erhält, ruft draußen auch SÖS/Die Linke-Fraktionschef Tom Adler zum Durchhalten auf. Und kritisiert den OB, der Vonovia eine Vereinbarung vorgeschlagen habe, die unter anderem eine Deckelung der Erhöhung Mietminderung wegen Bauarbeiten und Information vorsieht. Das seien Punkte, zu denen Vonovia doch schon rechtlich verpflichtet sei. „Da muss man etwas anderes machen, als Briefe schreiben“, so Adler. Was, zeigen an diesem Tag mehrere Plakate, die die Enteignung des Konzerns fordern.

Die Mieterin aus Korntal steht derweil neben einem Mann aus einem Nachbarhaus. Unlängst habe es neue Türen gegeben, die Arbeiter kamen unangemeldet, „wie immer“. Mit Vonovia streitet er sich aber schon lange nicht mehr, hat stattdessen einen Anwalt beauftragt. Er ist etwas enttäuscht, dass nicht noch mehr aus Korntal da sind. Das sieht auch seine Nachbarin so, ansonsten sei die Demo aber super, sagt sie. Und kündigt an, wie Ursel Beck, wiederzukommen, wenn sich nichts ändere.

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