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Ragt bald ein zweiter Kamin im Neckartal auf?

Gibt es im Energie- und Technologiepark bald ein zweites Kraftwerk? Der Energieversorger EnBW beteiligt sich mit seinem Standort Marbach an einer Ausschreibung und will im Falle des Zuschlags eine „Anlage zur Absicherung des Stromnetzes“ errichten.

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Der 160 Meter hohe Kraftwerksturm im Marbacher Energie- und Technologiepark könnte bald einen Zwilling bekommen. Die EnBW plant eine Netzstabilitätsanlage auf Ölbasis, der Schornstein dieses Kraftwerks wäre dann um die 90 Meter hoch.Archivfoto: Oliver Bürkle

Marbach. Die Zahlen, die dafür im Raum stehen, sind beeindruckend: Es geht um eine Investition in einer Größenordnung von 100 Millionen Euro, sagt EnBW-Pressesprecher Jörg Busse. Das Kraftwerk bestünde aus einem oder mehreren Gebäuden inklusive Schornstein – der würde immer noch um die 90 Meter hoch. Der Kamin des bestehenden Ölheizkraftwerks bringt es auf 160 Meter.

Warum das Energieversorgungsunternehmen damit liebäugelt, ein zweites Kraftwerk am Standort Marbach zu bauen, wo doch das bestehende Kraftwerk nur noch als Reserve dient und in ganz seltenen Fällen angefahren wird, ist reichlich kompliziert, hat aber laut EnBW vor allem mit dem Ausstieg aus der Kernkraft zu tun und mit dem Umstand, dass 2022 die letzten Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz gehen sollen.

Gleichzeitig nehme der Ausbau „dezentraler regenerativer Erzeugungsanlagen“ zu. Gemeint sind in der Pressemitteilung der EnBW damit offenbar vor allem die Windparks in der Nordsee. Die erzeugen zwar viel Strom, bislang aber fehlt es an den Trassen, diesen Strom auch nach Süddeutschland zu bringen. „In der Folge wird es für Energieversorger und Netzbetreiber immer herausfordernder, jederzeit für eine zuverlässige Stromversorgung zu sorgen“, so die EnBW. Zur Gewährleistung der Netzstabilität würden deshalb im Rahmen der Energiewende zusätzliche „Erzeugungsanlagen“ benötigt – und eine solche, auch von der Bundesnetzagentur geforderte Netzstabilitätsanlage soll in Marbach entstehen. Sofern der Energieversorger im April 2019 den Zuschlag von der TransnetBW erhält. Wenn ja, soll die Anlage Ende 2022 in Betrieb gehen.

Nach Angaben der EnBW sollen die Netzstabilitätsanlagen nur dann eingesetzt werden, „wenn bereits eine oder mehrere Anlagen im Stromnetz ausgefallen sind und die Netzstabilität konkret gefährdet ist. In diesem Fall dienen die Netzstabilitätsanlagen – voraussichtlich relativ kurzzeitig – der Entlastung der Stromnetze“, erklärt der Karlsruher Energiekonzern. Das sei auch der Unterschied zum „alten“ Marbacher Kraftwerk, ergänzt Jörg Busse: Das werde nur bei Engpässen angefahren, also dann, wenn die Nachfrage höher ist als die Stromproduktion in effizienteren Kraftwerken.

An der Ausschreibung beteiligt sich die EnBW mit einer ölbefeuerten „offenen“ Gasturbinenanlage. Für „leichtes Heizöl“ als Brennstoff habe man sich entschieden, weil Marbach eben durch das bestehende Kraftwerk über ein großes Öllager verfüge, so der EnBW-Pressesprecher. Das Lager fasst 70 000 Kubikmeter Öl. „Damit sind wir unabhängig von Lieferengpässen. Diese Menge reicht theoretisch für ein ganzes Jahr aus.“ Und offenbar will man sich auch nicht in zu große Abhängigkeiten von (russischen) Gaslieferungen begeben. „Wir setzen vor allem bei Notfallanlagen nicht nur auf Gas, sondern halten einen zweiten Energieträger vor“, formuliert es Busse zurückhaltend.

Sollte die Netzstabilitätsanlage in Marbach gebaut werden, so könnte sie auf dem bestehenden Betriebsgelände entstehen. Die Anlage benötigt eine Gesamtfläche von 14 000 Quadratmetern, die stünden der EnBW am Thomas-Alva-Edison-Ring zur Verfügung. Die Laufzeit der Anlage soll übrigens nur zehn Jahre betragen. Ob das Kraftwerk danach zurückgebaut wird, stehe aber noch nicht fest, meint der Pressesprecher.

„Es ist ein richtiger Schritt, diese Option hier zu überprüfen“, sagt Marbachs Bürgermeister Jan Trost. Die infrage kommende Fläche sei im Regionalplan als Erweiterungsmöglichkeit für das Kraftwerk verankert. Die Stadtverwaltung gehe davon aus, dass die Anlage nur im Notfall zugeschaltet und deshalb relativ selten laufen werde. Angesprochen auf das Landschaftsbild sagte Trost gestern: „Wo schon ein Schornstein steht, ist ein zweiter vermutlich weniger störend, als wenn an anderer Stelle ein neuer gebaut werden muss.“ Das sei vergleichbar mit Windkraftanlagen.