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Stadtradeln im Kreis Ludwigsburg
Rainer Breimaier radelt und radelt und läuft...

Rainer Breimaier fährt jeden Tag mindestens 90 Minuten mit dem Rad. Foto: Holm Wolschendorf
Rainer Breimaier fährt jeden Tag mindestens 90 Minuten mit dem Rad. Foto: Holm Wolschendorf
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Der Steinheimer Grünen-Stadtrat hat nicht nur die meisten Kilometer beim Stadtradeln zurückgelegt, sondern ist auch ambitionierter Läufer. Die Leidenschaft treibt ihn an.

Steinheim. Der Ehrgeiz treibt ihn an. Die Leidenschaft, die sich schon fast zur Besessenheit auswächst. Und wäre da nicht der Zusammenstoß mit einem anderen Radler am Marbacher Neckarsteg zwei Tage vor Ende der Aktion Stadtradeln gewesen, hätte Rainer Breimaier locker die 2700 Kilometer in drei Wochen geschafft. So waren es „nur“ 2433 Kilometer. Und der Zusammenstoß bremst ihn weiter aus: Die Ärzte diagnostizierten einen Schlüsselbeinbruch und verordneten eine Sportpause. Jetzt hat der 62-Jährige auf einmal Zeit. Unendlich viel Zeit. Zeit, die vorher für den Sport draufging.

Seit 33 Jahren ist Rainer Breimaier Grundschullehrer im Waiblinger Teilort Bittenfeld, seit 30 Jahren fährt er bei jedem Wetter mit dem Rad in die Schule – es sei denn, es regnet schon morgens in Strömen, es schneit oder es ist glatt, dann nimmt er das Auto. Kälte bremst ihn nicht mehr aus, seit er Handwärmer entdeckt hat. 3600 Kilometer legt er so pro Schuljahr zurück und spart mehr als 600 Kilogramm Co ein. Dafür steht er morgens um 5.25 Uhr auf, um sich um 6.30 Uhr aufs Rad zu schwingen – 40 bis 45 Minuten braucht Breimaier, mit dem Auto sind es rund 22 Minuten. Fürs Stadtradeln stand er sogar um 5 Uhr auf, um morgens noch eine kleine Extrarunde zu drehen, mittags führte die größere Extrarunde über den Max-Eyth-See, abends setzte er sich noch mal aufs Rad.

Die Eroberung des Mont Ventoux der Tour de France

„Man schädigt bei der Fahrt die Umwelt nicht“, nennt der überzeugte Grüne, der für die Partei im Steinheimer Gemeinderat und im Kreistag sitzt, einen Grund für sein Engagement, „und die sinnlichen Wahrnehmungen“ machen jegliche Strapazen wett. „Wenn zwischen Affalterbach und Hochdorf das ganze Panorama vor einem liegt und die Sonne aufgeht, ist das ein Wahnsinnserlebnis“, schwärmt der 62-Jährige. Oder das Naturerlebnis Zugwiesen, mit Enten auf dem Weg und Kühen auf der Weide. Oder die Umrundung des Iseo-Sees, westlich des Gardasees, im Urlaub. „Das ist sehr genial.“

Da ist aber auch der körperliche Ansporn: „Ich spiele mit der Schwerkraft, und ich kann gewinnen, egal ob ich Gegenwind habe oder Steigungen.“ Gerade Letztere mag er gar nicht. Mit jeder bewältigten Steigung, wachse aber seine mentale Stärke, werden natürlich auch Glückshormone ausgeschüttet. Unvergessen die Eroberung des legendären Tour-de- France-Bergs Mont Ventoux. Drei Mal musste er absteigen, gegen die Übelkeit kämpfen. Das „irre Erlebnis“, oben angekommen zu sein, macht die gefühlte Niederlage aber wett. Oder die kurzen Begegnungen auf der Strecke: Mit anderen schnellen Rennradfahrern, die ihn im Windschatten mitziehen, oder mit der Seniorengruppe, die eine Tour de Württemberg unternimmt. „Ich fühle mich nicht als Sportler, sondern als Botschafter dafür, dass das Fahrrad auch ein alltagstaugliches Verkehrsmittel für längere Strecken ist.“

Teilnahme am Bottwartal-Marathon ist Pflicht

Denn eigentlich ist Rainer Breimaier Läufer. Wenn er von der Schule zurückkommt, stellt er das Fahrrad ab und schnürt die Laufschuhe. Dann geht es noch eineinhalb Stunden durch Höpfigheim und Steinheim, häufig im grünen T-Shirt und mit Mütze. Auch hier gilt die Devise: Das Wetter zählt nicht. Das Laufen ist für ihn „eine noch unmittelbarere Körpererfahrung“: mit den Füßen die Erde spüren, die Natur langsam und intensiv wahrnehmen, die Leichtigkeit der Bewegung fühlen. Ganz bewusst läuft er ohne Musik, ist aber offen für Gespräche unterwegs. „Je nachdem, wen man trifft, nehme ich es in Kauf, aus dem Rhythmus zu kommen“, sagt er schmunzelnd. 100 Kilometer läuft er in der Woche, die Teilnahme an seinem geliebten Bottwartal-Marathon ist Pflicht, und so hofft er inständig, dass das Schlüsselbein bis Mitte Oktober wieder heil ist – reicht schon, dass er auf sein Geburtstagsgeschenk, jetzt in den Ferien einen Marathon in Irland zu laufen, verzichten muss.

Zu Ärzten zu gehen, ist gerade sein „größtes Hobby“, neben dem Aufarbeiten von alten Unterlagen. Seine Gemeinderatsarbeit verfolgt der Grünen-Fraktionsvorsitzende genauso akribisch wie seine Sport-Karriere. Kein Thema, zu dem er keinen rhetorisch ausgefeilten Redebeitrag vorbereitet hat. Auch seine Haushaltsreden haben einen gewissen Unterhaltungsfaktor, auch wenn sie meistens zu lang ausfallen.

„Man braucht ein gutes Zeitmanagement“, gibt Breimaier aber zu. Nach zehn Uhr abends muss Zeit sein für Erholung. Und sonntags. Und er hat sicherlich Glück, dass seine Frau mit diversen Aufgaben genauso eingespannt ist wie er. Sie teilt weder seine Sport-Begeisterung noch sein kommunalpolitisches Engagement.

Wunsch: Ein klimaneutrales Steinheim

Sein Antrieb? „Die Leidenschaft für das, was mein Anliegen ist.“ Eine menschenfreundliche Kirche – „Kirche kann nur funktionieren, wenn sie sich auf ihre Werte bezieht. Das klerikale System und der Zölibat sind überholt“ – und die grüne Entwicklung Steinheims. Wegen seiner Eltern war er zunächst Mitglied bei der CDU – „Der Nato-Doppelbeschluss 1983 zeigte mir, dass ich in der falschen Partei bin“ –, seit 1994 sind die Grünen seine politische Heimat. 2004 kandidierte Breimaier für die neue grüne Liste: Er und Petra Möhle wurden sofort gewählt. Als großen Erfolg wertet er, dass die Grünen in Steinheim jetzt mit fünf Sitzen im Gemeinderat vertreten sind. Sein Ziel: Auch in Großbottwar und Oberstenfeld grüne Gemeinderäte zu etablieren und dass Steinheim, die erste Gemeinde wird, die klimaneutral ist.

Und sportlich? Er will möglichst lange gesund bleiben, um laufen zu gehen, einmal an einem Tag mit dem Rad den Lago Maggiore umrunden – rund 200 Kilometer! – und in der Rente doch noch gut schwimmen lernen: „Das ist meine Frusterfahrung, ich kann einfach nicht so leicht und locker durchs Wasser gleiten.“