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Schienenverkehr
Reaktivierung der Bottwartalbahn kann zu noch mehr Bebauung führen

So könnte die neue Bottwartalbahn einmal aussehen, falls sie als Regionalstadtbahn realisiert wird. Fotomontage: Bürgeraktion Bottwartalbahn
So könnte die neue Bottwartalbahn einmal aussehen, falls sie als Regionalstadtbahn realisiert wird. Fotomontage: Bürgeraktion Bottwartalbahn
Die mögliche Reaktivierung der Bottwartalbahn ist noch nicht abschließend bewertet, doch auf ihr ruhen bereits große Hoffnungen: möglichst viele Fahrgäste auf die Schiene zu bringen und damit die Straßen zu entlasten. Die neue Trasse kann aber auch zur Ausweisung von mehr Baugebieten und wiederum mehr Verkehr führen.

Bottwartal. Die Stilllegung der Schmalspurbahn, die einst von Marbach durch das Bottwartal bis nach Heilbronn führte, war 1968 nicht unumstritten. Schon damals schätzten Fahrgäste die Möglichkeit, sich fortzubewegen, ohne im Stau zu stehen. Dies ist auch eine der Hoffnungen, die nun mit der Reaktivierung der Bottwartalbahn verbunden sind. Eine Analyse des Landes hatte der Bahn zuletzt eine hohe erwartete Fahrgastzahl, aber auch einen hohen Neubauaufwand und daher einen Kosten-Nutzen-Faktor unter 1,0 bescheinigt. Allerdings überarbeitet der Bund derzeit noch die Vorgaben für die Standardisierte Bewertung solcher Projekte, wovon am Ende die Förderung durch Bund und Land abhängt. Sollte die neue Bottwartalbahn kommen, könnte sie zur regionalen Entwicklungsachse werden – wodurch die Gemeinden an der Strecke über den Eigenbedarf hinaus wachsen dürften.

Bürgermeister von Murr und Steinheim hin- und hergerissen

„Ich denke, dass das vielen Menschen noch nicht so ganz klar ist“, sagt Torsten Bartzsch, Bürgermeister von Murr, dazu auf Nachfrage unserer Zeitung. Wenn die Bahnlinie zur Entwicklungsachse werde, könnten die Kommunen stärker siedeln und sollten dies sogar, was in die Landschaft eingreife. „Das ist sicherlich nicht im Sinn derer, die die Bahn aus ökologischen Gründen wollen“, so Torsten Bartzsch. Er geht allerdings davon aus, dass das eher die Kommunen im Oberen Bottwartal betreffen würde, da Murr in der Fläche bereits an gewisse Grenzen stoße. Auch der Bau der Bahnstrecke selbst stelle einen massiven Eingriff in die Landschaft dar. An erster Stelle gehe es nun darum, die Wirtschaftlichkeit des Projekts zu prüfen, dann müsse man Details abwägen und zu einer endgültigen Entscheidung kommen. Noch tue er sich schwer zu sagen, dass er für die Bahn ist.

„Verkehrlich brauchen wir die Bahn definitiv“, sagt Thomas Winterhalter, Bürgermeister von Steinheim. Zum Streckenverlauf habe er in diesem frühen Stadium noch keine abschließende Meinung, auch sei die Kostenfrage noch nicht geklärt. Entwicklungspolitisch biete die Bahn aber die einzige Möglichkeit, dass sich Steinheim weiter vergrößern kann. Doch Thomas Winterhalter ist auch klar, dass mehr Gewerbe oder Wohnen wiederum zu mehr Verkehr führen würde: „Das Potenzial schafft auf der anderen Seite auch wieder ein Problem. Ich bin da etwas hin- und hergerissen.“

Verband Region Stuttgart legt Entwicklungsachsen im Regionalplan fest

Ob die Trasse tatsächlich zur Entwicklungsachse wird, entscheiden am Ende die Regionalplaner. „Man muss schon ein Stück weit ehrlich sein“, sagt Thomas Kiwitt, Technischer Direktor beim Verband Region Stuttgart, und betont, dass der Unterhalt einer Schienenstrecke teuer sei und Subventionen gerechtfertigt sein müssten. Aufgrund der demografischen Situation sei die Region Stuttgart auf Zuzug von außen angewiesen. Und wenn man schon mehr oder größere Wohngebiete ausweise, dann dort, wo es eine gute Nahverkehrsanbindung gebe. Um welche Art von Bahn es sich dabei handle – eine S-Bahn oder eine Regionalstadtbahn, wie sie die Bürgeraktion Bottwartalbahn favorisiert –, sei dabei zweitrangig. Wie Thomas Kiwitt erklärt, wird der gesamte Regionalplan nur etwa alle 15 Jahre neu gefasst, doch punktuelle Änderungen gebe es ständig. So kam etwa vergangenes Jahr die neue Entwicklungsachse Ludwigsburg/Kornwestheim – Backnang dazu.

Dem Regionalplaner ist aber auch bewusst, dass das Bottwartal nicht zuletzt aufgrund seiner Landschaft attraktiv ist. „Es geht nicht darum, das ganze Ding zuzubauen“, so Thomas Kiwitt. „Der Freiraumschutz gilt unabhängig davon, ob eine Gemeinde einen Bahnhof hat oder nicht.“ Laut Regionalplan verlaufen im Bottwartal ein Grünzug und mehrere Grünzäsuren. Zudem ist dort festgelegt, dass die alte Bahntrasse von Bebauung frei zu halten ist. „Es zeigt sich nun, wie wichtig das war“, so Thomas Kiwitt. „Denn sonst wäre die Diskussion vorbei.“

In Großbottwar und Oberstenfeld betont man die Verkehrsentlastung

Im Oberen Bottwartal sieht man derzeit vor allem die Vorteile des Projekts. „Die Bahn ist eine Chance, das Thema Verkehr in den Griff zu bekommen“, sagt Ralf Zimmermann, Bürgermeister von Großbottwar. „Wir sind am Limit, und es bringt ja nichts, wenn der Bus im Stau steht.“ Die Stadt Großbottwar sehe die Bahn als zentrale Achse, um die herum durch Zubringerbusse von beiden Seiten ein neues Netz entstehen könne. Einen Konflikt bezüglich einer regionalen Entwicklungsachse befürchtet Ralf Zimmermann nicht. „Ich gehe davon aus, dass wir verantwortungsvolle Rathäuser und Gemeinderäte haben“, sagt er im Hinblick auf die Siedlungsentwicklung.

„Sich an einer regionalen Entwicklungsachse zu befinden, ist per se nichts Negatives“, stimmt Markus Kleemann, Bürgermeister von Oberstenfeld, ein. „Sich entwickeln zu dürfen, schafft zunächst Möglichkeiten. Ob und wie diese Möglichkeiten genutzt werden, obliegt den Entscheidungsträgern.“ Auch er hält eine Verbesserung der Verkehrssituation für notwendig, wodurch die Lebensqualität im Bottwartal steigen würde: „Wichtig ist zunächst, dass die Bahn zur Entlastung realisiert wird, dass endlich entschieden wird, wie es mit dem Schienenverkehr im Bottwartal weitergeht.“