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Interview
Rielingshäuser Ortsvorsteher: „Die Entfernung ist ein Hemmnis“

Jens Knittel vor dem Rielingshäuser Rathäusle. Dessen Sanierung steht auf seiner Wunschliste ganz oben. Foto: Ramona Theiss
Jens Knittel vor dem Rielingshäuser Rathäusle. Dessen Sanierung steht auf seiner Wunschliste ganz oben. Foto: Ramona Theiss
Die Gemeindereform der 1970er Jahre hat auch diese Ehe gestiftet: Marbach und Rielingshausen besiegelten vor 50 Jahren ihren Bund, der kleinere Ort wurde eingemeindet. Der ehrenamtliche Ortsvorsteher Jens Knittel zieht eine Bilanz, blickt aber auch auf Unvollendetes und Zukunftswünsche.
Marbach.

LKZ: Sind Sie zufrieden damit, wie Rielingshausen 50 Jahre nach der Eingemeindung dasteht?

Jens Knittel (lacht): Dass ich zufrieden bin, darf ich natürlich nicht offiziell sagen, irgendetwas fehlt immer. Aber tatsächlich sind bis auf einen Punkt alle, die im Eingemeindungsvertrag stehen, in den vergangenen fünf Jahrzehnten abgearbeitet worden, Rielingshausen hat eine ordentliche Infrastruktur bekommen. Die Entwicklung geht voran, wir haben jetzt 2800 Einwohner, mit der Aufsiedlung des Baugebiets Keltergrund werden es dann über 3000 sein. Im Großen und Ganzen kann man zufrieden sein.

Sie deuten damit an, dass es noch einiges auf der Agenda für Rielingshausen gibt. Was sollte denn aus Sicht der Bürger im Teilort in nächster Zeit mit Priorität angegangen werden?

Der dritte Kindergarten, den wir inzwischen benötigen, ist ja in einem Provisorium untergebracht, da ist natürlich Druck von den Eltern da, dass da ein richtiger Kindergarten gebaut wird, und auch der Waldkindergarten sollte in absehbarer Zeit realisiert werden. Nach allen Prognosen platzt zudem nächstes, spätestens übernächstes Jahr die Grundschule aus allen Nähten, da müssen wir anbauen. Da laufen bereits Grundstücksverhandlungen und erste Planungen. Diese zwei Themen drücken ziemlich, weil einfach mittlerweile viele Kinder im Ort leben. Ein Dauerthema ist auch das Gewerbegebiet, mit dem wir seit längerem nicht weiterkommen. Wir müssen seit Jahren Anfragen nach Gewerbeflächen absagen.

Warum ist denn Rielingshausen so attraktiv, beziehungsweise so attraktiv geworden? Vor ein paar Jahren stand ja die Existenz der Grundschule wegen rückläufiger Schülerzahlen noch auf der Kippe...

Zum einen haben wir zum Beispiel mit dem Bau von rund 50 Wohneinheiten auf dem Jenner-Areal im Ortskern verdichtet, und auch andere Bauprojekte haben viele junge Familien angezogen. Und dann darf man die Flüchtlingsunterkunft nicht vergessen, in der viele Familien mit Kindern leben.

Die Stadt Marbach hat aber auch einige Millionen in die Ortskernsanierung gesteckt, die Hauptstraße wurde umgestaltet. War das so etwas wie eine Initialzündung, wurde Rielingshausen damit aus dem Dornröschenschlaf geholt?

Ich denke, wir haben da die Gelegenheit genutzt, mithilfe von Förderprogrammen einiges auf den Weg zu bringen. Es wurden ja nicht nur Gebäude saniert und Straßen mit Bäumen und Pflasterbelag verschönert, wir haben ja auch die teils uralten Kanäle erneuert und damit viel für die Infrastruktur getan.

Sie haben das künftige Wohngebiet Keltergrund schon angesprochen. Reicht denn die Infrastruktur im Ort aus, wenn damit weiteres Wachstum einhergeht? Braucht Rielingshausen zum Beispiel langfristig einen Supermarkt oder reicht das Sortiment aus, das der Euli-Service bietet?

Walter Eulenberger wird ja dieses Jahr noch mit seinem Laden umziehen und ist dann größer als bisher, und wir haben ihm zugesichert, erst einmal abzuwarten, wie das angenommen wird. Der Keltergrund wird in zwei bis drei Ausbaustufen aufgesiedelt, insofern hoffen wir, dass wir das mit der bestehenden Infrastruktur hinbekommen. Tatsächlich gibt es aber immer wieder mal Anfragen von Supermarktketten, die Interesse signalisieren, hier eine Filiale zu bauen. Aber wir können da derzeit gar keine Flächen anbieten.

Man kann ein wenig den Eindruck gewinnen, dass sich zentrale Entwicklungen für Marbach derzeit in Rielingshausen abspielen – Stichworte Keltergrund, Familienzuzug, neues Alten- und Pflegeheim. Verschafft Ihnen das eine bessere (Verhandlungs-)Position gegenüber der Kernstadt?

Das könnte man zwar hoffen, tatsächlich ist aber die finanzielle Lage von Marbach so angespannt, dass man mit großen Wünschen nicht mehr kommen kann. Dabei steht zum Beispiel die Sanierung des Rathauses schon als Aufgabe im Eingemeindungsvertrag. Doch mehr als Schönheitsreparaturen wurden nicht vorgenommen. Zuletzt wurde die Sanierung zum dritten Mal verschoben, von 2022 nach 2028. Dabei geht es nicht nur um eine energetische Sanierung, sondern auch um den Brandschutz und somit um die Sicherheit der Mitarbeiter hier. Das geht ganz klar aus einem Gutachten hervor, für das die Stadt Geld bezahlt hat. Wenn man nun sagt, man könne das Projekt nochmals um sechs Jahre schieben, ist das schon ein bisschen fragwürdig.

Neben aller dörflichen Idylle plagt viele Bürger in Rielingshausen die Frage, ob der Steinbruch Klöpfer nochmals erweitert werden darf. Sollte das so kommen: Wäre das ein Entwicklungshemmschuh für den Ort, konkret für das mögliche Baugebiet „Westlich der Kirchberger Straße“?

Ich denke, derzeit kann niemand sagen, wie die Regionalversammlung entscheiden wird und ob Regierungspräsidium und Landratsamt im Nachgang die Erweiterung genehmigen. Aber das Thema kocht natürlich immer wieder hoch. Was das Baugebiet „Westlich der Kirchberger Straße“ angeht: Da gibt es viele Grundstückseigentümer und nicht alle wollten ihr Grundstück zu den angebotenen Konditionen an die Stadt verkaufen. Auch die Frage der Steinbrucherweiterung konnte man da nicht außer Acht lassen. So ist letztlich die Entscheidung gefallen, zuerst im Keltergrund aktiv zu werden. Das Gebiet wird voraussichtlich die nächsten 10 bis 15 Jahre ausreichen, wenn man der Eigenentwicklung Vorrang gibt.

Das Problem der Ehe zwischen Marbach und Rielingshausen sind ja die sieben Kilometer Luftlinie, die zwischen den Ortschaften liegen. Trennt die Entfernung immer noch, ist Rielingshausen nicht doch sehr eigenständig, obwohl es zu Marbach gehört?

Die Frage kann man ganz klar mit Ja beantworten. Wir sind hier schon für uns. Zudem liegen ja noch die Gemarkungen von Steinheim und Erdmannhausen zwischen Marbach und Rielingshausen. Was das für Schwierigkeiten macht, sieht man ja schon an dem Radweg, den versuchen wir seit Jahrzehnten hinzukriegen. Jetzt sind wir endlich mal einen Schritt weiter, vielleicht klappt es jetzt über Erdmannhäuser Gelände. Es wäre schon schön, wenn man das jetzt auf einem kürzeren Weg als über Steinheim hinbekommt. Also: Diese Entfernung ist ein Hemmnis, deshalb brauchen wir hier am Ort auch Kindergärten, die Grundschule und den Einzelhandel.

Was schätzen Sie an Rielingshausen ganz besonders?

Vor allem die Dorfgemeinschaft und eine intakte Vereinslandschaft. Wir haben hier zum Beispiel den Marbacher Tennisclub RTC, einen großen Reit- und Fahrverein, den TBR, die Handballspieler mit vielen engagierten Leuten. Auch die Rielingshäuser Feuerwehr ist mit ihrer hohen Tagesverfügbarkeit für die Marbacher Wehr unverzichtbar. Man hält hier einfach zusammen. Das ist vielleicht der Vorteil des Dorfes: Man identifiziert sich da auch mehr mit einem Verein. So haben sich zum Beispiel für das Bürgerfest am 23./24. Juli mehr Rielingshäuser Vereine angemeldet als je zuvor. In Marbach musste umgekehrt die Veranstaltung vor ein paar Jahren mangels Beteiligung abgesagt werden. Und bis auf wenige Ausnahmen machen auch jetzt keine Vereine aus der Kernstadt mit. Schade, dass trotz des Jubiläums da nicht mehr aufgesprungen sind. Das haben wir uns anders vorgestellt.