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Nahverkehr
S-Bahn in der Region Stuttgart: Durchwachsene Bilanz

Drei Monate lang wird der Nahverkehr in ganz Deutschland vom Bund subventioniert - eine Reaktion auf die hohen Spritpreise. Archivfoto: Alfred Drossel
Drei Monate lang wird der Nahverkehr in ganz Deutschland vom Bund subventioniert - eine Reaktion auf die hohen Spritpreise. Archivfoto: Alfred Drossel
Die Pünktlichkeit der Flotte hat sich 2021 wieder etwas verschlechtert – doch die Fahrgäste vergeben bessere Noten.

Kreis Ludwigsburg. Früher war mehr Aufregung. Da wurden die Zusammenkünfte der regionalen Verkehrspolitiker und S-Bahn-Manager in Stuttgart hochtrabend zu Gipfeln ausgerufen – und die chronische Unpünktlichkeit der Flotte beklagt. Am Mittwoch durfte der S-Bahn-Chef Dirk Rothenstein nun weitgehend unwidersprochen im regionalen Verkehrsausschuss bilanzieren: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Tatsächlich?

Pünktlichkeit.

Weiterhin fährt die S-Bahn nach Angaben des regionalen Verkehrsdirektors Jürgen Wurmthaler ihren Pünktlichkeitszielen deutlich hinterher. Vereinbart ist, dass 94,5 Prozent aller Züge weniger als drei Minuten verspätet sein müssen. 2021 galt das aber nur für 89,6 Prozent (minus 1,1 Prozent im Vergleich zu 2020). Immerhin erreichten 97 Prozent der S-Bahnen ihr Ziel innerhalb der Sechs-Minuten-Pünktlichkeit (minus 0,3 Prozent) – vereinbart sind jedoch 98 Prozent.

Als Ursache nannte Rothenstein im Verkehrsausschuss „externe Einflussfaktoren“ wie Unwetter, Streiks oder eine größere Störung nach der Wiederinbetriebnahme der unterirdischen Stammstrecke nach den Sommerferien. „Vieles liegt nicht in unserer Hand“, sagte die Ludwigsburger CDU-Regionalrätin Elke Kreiser am Mittwoch. Unter dem Strich leistete die S-Bahn 2021 gut 782000 Zugkilometer weniger.

Wurmthaler machte allerdings auch deutlich, dass das Angebot der S-Bahn 2021 weiter gewachsen sei. Als Beispiele nannte er den durchgängigen 15-Minuten-Takt unter der Woche und den Einstieg in den 15-Minuten-Takt samstags.

Fahrgäste.

Sie geben der S-Bahn in der Region trotz der zurückgehenden Pünktlichkeit bessere Noten. Rothenstein sprach am Mittwoch gar von „Topwerten“. Die Zufriedenheit am Bahnsteig bewerteten die Kunden mit der Schulnote 2,2, im Zug gab es gar eine 1,9 – und für Informationen bei Störungen zückten sie immerhin noch eine 2,7.

Der Ditzinger Oberbürgermeister und verkehrspolitische Sprecher der Regio-SPD, Michael Makurath, nannte die Ergebnisse „spannend“. Die Grünen und die Genossen vermuten schon länger, dass die Kunden für das vergangene Pandemiejahr auch deshalb bessere Noten vergaben, weil es in den Zügen nicht mehr proppenvoll ist. Im Rekordjahr 2019 nutzten fast 133 Millionen Fahrgäste die S-Bahnen – im vergangenen Jahr waren es noch gut die Hälfte. „Ich bin verhalten optimistisch, dass wir das Tal erreicht haben“, sagt Rothenstein. Allerdings sei es bis zur 100-Millionen-Marke noch ein weiter Weg.

Strafzahlungen.

Weil der Fahrplan auch 2021 zu häufig durcheinandergeriet, muss die S-Bahn Stuttgart erneut Strafe zahlen – und zwar rund 280000 Euro. Immerhin: 2020 waren es noch 640000 Euro. Der Freie Wähler und ehemalige Böblinger Landrat Bernhard Maier sagte im Verkehrsausschuss: „Das ist ein Fortschritt.“ Er mahnte aber auch an, dass es nicht zur Routine werden dürfe, wenn die S-Bahn Pünktlichkeitsziele verfehle.

Zukunft.

Sie soll eine Modernisierung der Flotte mit sich bringen. Acht Züge der Baureihe ET423 fahren schon im neuen Außendesign, von dem sich der S-Bahn-Chef Rothenstein mehr Komfort verspricht. In den kommenden Wochen erreichen zudem die ersten der 58 weiteren Fahrzeuge der Reihe ET430 die Region Stuttgart. Erster Einsatzmonat soll der Mai sein. Nach den Sommerferien könnten dann S-Bahnen mit maximaler Zuglänge in der Hauptverkehrszeit gebildet werden.

Für September ist darüber hinaus der Start der neuen Express-S-Bahn-Linie62 geplant, die in der Rushhour morgens und nachmittags Weil der Stadt, Ditzingen, Korntal-Münchingen und Zuffenhausen verbindet und die S6 entlasten soll.

Im Kreis Ludwigsburg freuen sich nicht alle über dieses Angebot, da es zulasten der Strohgäubahn geht, die deshalb laut Region wegen fehlender Kapazitäten auf den Gleisen nicht über Korntal hinaus in die Landeshauptstadt fahren könne.

Zudem müssen sich die Fahrgäste in den Sommerferien auch auf Behinderungen einstellen, wenn der Stuttgarter S-Bahn-Tunnel erneut komplett gesperrt wird. Die Bahntochter DB Regio hat hier vor, wieder Gleise und Weichen zu erneuern sowie Haltepunkte zu revitalisieren. Verzichten kann Rothenstein dann aber sicherlich auf den Ausfall der Panoramabahn als Ausweichstrecke. 2021 kam es auf der Route zu erhöhtem Radverschleiß. Die S-Bahn musste den Betrieb teilweise einstellen.

69,5 Millionen Fahrgäste nutzten die S-Bahn in der Region Stuttgart noch im vergangenen Pandemiejahr. Selbst zu Beginn der Krise 2020 waren es mit 78,6 Millionen mehr. Ihren Höhepunkt erlebte die S-Bahn 2019. Damals stiegen 132,9 Millionen Fahrgäste in die Züge – fast doppelt so viele wie vergangenes Jahr. (phs)