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Interview
„Schnelle Erfolge wird es nicht geben“

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Landrat Dietmar Allgaier erwartet nicht vor dem Frühjahr eine echte Entlastung bei den Corona-Infektionen. Im Interview setzt auch er seine Hoffnung auf den Impfstoff. Das Impfzentrum in Ludwigsburg sei am 15. Januar startbereit.

Kreis Ludwigsburg. Herr Allgaier, wie haben Sie Weihnachten und Silvester gefeiert?

Dietmar Allgaier: Ich habe die Feiertage ganz in Ruhe mit meiner Familie verbracht. Eine meiner Töchter ist in den USA, sie war per Skype zugeschaltet. An Silvester war ich mit meiner Familie zu Hause bei gemütlichem Raclette.

Sie sind jetzt genau ein Jahr im Amt. Hätten Sie sich das erste Jahr so turbulent vorgestellt?

Nein. Ich wundere mich manchmal, dass ich erst ein Jahr im Amt bin. Ich musste sehr schnell in die neue Aufgabe hineinwachsen. Mit Hilfe von vielen guten Mitarbeitern sind wir im Landkreis Ludwigsburg verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen. Was mich traurig macht, ist, dass auch im Landkreis Ludwigsburg viele Menschen gestorben sind.

Wie kommt der Landkreis in den nächsten Monaten durch die Krise?

Ich hoffe sehr, dass durch den Lockdown die Infektionszahlen und der Inzidenzwert deutlich zurückgehen. Derzeit bereiten wir das Kreisimpfzentrum mit den zwei Impflinien in Ludwigsburg vor. Das kann am 15. Januar auf jeden Fall starten. Logistisch ist das sehr gut und wir werden bis dahin auch genügend Personal für die Impfungen haben.

Aber wahrscheinlich gibt es bis dahin noch gar nicht genügend Impfstoff. Wie reagieren Sie darauf?

Wir sind auf die Zuteilungen und Lieferungen durch das Land angewiesen. Ich gehe nicht davon aus, dass wir ab 15. Januar eine Vollauslastung mangels ausreichendem Impfstoff im Kreisimpfzentrum haben werden. Deshalb gilt weiterhin: Abstand halten, Kontaktpersonen verfolgen. Das gilt im Übrigen auch, wenn wir mit dem Impfen begonnen haben. Denn wir brauchen mindestens ein halbes bis dreiviertel Jahr, bis alle geimpft sind. Es stecken sich auch weiterhin Menschen an. Aber das wird hoffentlich Woche für Woche weniger.

Der Lockdown ist zunächst bis 10. Januar befristet. Erwarten Sie, dass wir danach wieder zu Lockerungen kommen?

Nein. Denn wir müssen damit rechnen, dass in den kommenden Tagen und Wochen die Infektionen noch einmal deutlich in die Höhe gehen. Eine echte Entlastung bekommen wir vermutlich erst im Frühjahr.

Welches Ziel verfolgen Sie in der Zeit?

Das Hauptziel ist, möglichst viele Impfungen durchführen zu können, und wir müssen weiterhin alles tun, um unsere Kliniken zu entlasten. Schnelle Erfolge wird es nicht geben.

Die Schulen sind noch bis zum Ende der Ferien geschlossen. Sind das für Sie die Treiber der Pandemie? Sollten die Schulen noch länger geschlossen bleiben oder in den Wechselunterricht gehen?

Die Infektionslage ist weiterhin sehr diffus. Aber wir wissen, dass es auch in den Schulen zum Teil sehr viele Ansteckungen gegeben hat. Deshalb müssen wir alles daran setzen, dass die Schulen als Infektionsherde zurückgefahren werden. Der Wechselunterricht ist in Hotspot-Regionen auf jeden Fall eine Alternative. Wo es möglich ist, sollte der Schulbeginn meines Erachtens auch zeitversetzt stattfinden.

Aber alle Maßnahmen bringen wenig, wenn die Schüler morgens wie die Ölsardinen in den Bussen stehen.

Ja, deshalb setzen wir mehr Busse ein. Aber der Kreis kommt dabei langsam an seine Kapazitätsgrenzen. Es fehlt an Bussen und Busfahrern. Deshalb wäre der zeitversetzte Schulbeginn eine Möglichkeit, um die Enge in den Bussen zu reduzieren, oder im Zweifel die Alternative Wechselunterricht.

Das Kultusministerium hält nicht so viel vom Wechselunterricht.

Was ich nachvollziehen kann. Ich glaube auch nicht, dass die Organisation des Wechselunterrichts das Problem ist, sondern dass es für die Eltern eine weitere große Herausforderung darstellen würde, Familie und Berufsleben in Einklang zu bringen. Aber bevor Schulen wieder vollständig geschlossen werden müssen, wäre der Wechselunterricht immer noch das mildere Mittel.

Die Ausgangssperren werden konsequent von der Polizei überwacht. Können wir den Menschen so eine Überwachung und Einschränkung über Wochen zumuten?

Wir haben dazu keine Alternative. Gerade im privaten Bereich stecken sich die meisten Menschen an. Die privaten Treffen finden in der Regel abends und am Wochenende statt. Deshalb müssen wir der Gesellschaft diese notwendigen Maßnahmen zumuten und diese auch überwachen. Sonst werden sie nicht im nötigen Maß eingehalten.

Wie kann man die Bereitschaft in der Bevölkerung zur Einhaltung der Maßnahmen hochhalten?

In weiten Teilen der Bevölkerung ist das Verständnis für die Maßnahmen weiterhin sehr groß. Wir sind immerhin seit zehn Monaten in einer Ausnahmesituation. Das Verständnis bleibt auch erhalten, wenn die Einschränkungen dazu führen, dass die Infektionszahlen runtergehen. Die Perspektive und Zuversicht heißt für mich ganz klar: Impfstoff.

Vor allem in den Altenheimen wütet Corona. War es ein Fehler, dass nicht konsequenter getestet wurde? Sollte das jetzt zum Standard werden?

Ich halte es für richtig, dass in den Altenheimen konsequent durchgetestet wird und dies auch zum Standard wurde. Allerdings bieten die Schnelltests keine absolute Sicherheit. Auf einen Mund-Nasen-Schutz kann deshalb dort weiterhin nicht verzichtet werden.

Jetzt sind die ersten älteren Menschen in den Pflegeheimen geimpft worden. Wie schnell können alle Bewohner der Altenheime im Kreis geimpft werden?

Theoretisch wären wir in der Lage, drei bis vier Heime pro Tag vollständig zu impfen. Bei 74 Heimen wären somit nach rund 22 Tagen alle Pflegeheimbewohner durchgeimpft. Aber das wäre der „best-case“ unter der Voraussetzung, dass wir von Beginn an ausreichend Impfstoff geliefert bekommen.

In der Stadt Tübingen scheint die Situation durch kostenlose FFP2-Masken, regelmäßige Testungen in den Alten-heimen etwas besser zu sein. Wäre das auch für den Landkreis eine Option?

Wir müssen die tatsächliche Situation in den Tübinger Pflegeheimen hinterfragen. Dort gibt es auch zahlreiche Ausbrüche, Menschen sterben. Außerdem ist die Inzidenz aktuell höher als im Landkreis Ludwigsburg. Aber natürlich macht es Sinn, mehr zu testen, gerade in Altenheimen. Dies tun wir.

In den vergangenen Wochen gab es häufig Kritik, dass die Gesundheitsämter mit der Nachverfolgung nicht nachgekommen sind. Wie sind Sie für die kommenden Wochen aufgestellt?

Wir sind bei der Kontaktpersonennachverfolgung gut aufgestellt. Wir haben bereits seit Ende Oktober das Corona-Team deutlich aufgestockt. Es arbeiten dort inzwischen knapp 300 Menschen. Außerdem erhalten wir Unterstützung von der Bundeswehr.

Haben Sie im Oktober die Situation unterschätzt?

Wir haben nicht damit gerechnet, dass sich nach der Entspannung im Sommer das Virus wieder so rasant ausbreitet. Viele dachten, wir hätten das Schlimmste überstanden und waren vielleicht nicht mehr so konsequent in der Einhaltung der AHA-Regeln. Außerdem haben die Reiserückkehrer die Zahlen nach oben getrieben. Wir hatten uns zwar darauf vorbereitet, aber wir hatten anfangs noch zu wenig Mitarbeiter im Einsatz.

Die Kliniken sind am Limit. Worauf müssen wir uns in den kommenden Wochen noch einstellen? Wie können wir verhindern, dass es zu einer Triage auch bei uns kommt?

Es ist nicht auszuschließen, dass auch bei uns eine solche Situation entstehen kann. Aber durch den Lockdown wird sich die Gefahr hoffentlich verringern. Ohne den Lockdown wäre eine dritte Welle im Januar unausweichlich. Diese hätte dann Ausmaße, die wir medizinisch kaum noch beherrschen könnten.

Ist noch genug Personal vorhanden – zuletzt mussten 15 Pfleger in Quarantäne im Ludwigsburger Klinikum.

Ja, aber auch wir haben mit Personalausfall zu kämpfen. Im Moment haben wir die Kapazitäten für andere Behandlungen wieder zurückgefahren. Es hilft uns, dass Covid-19-Patienten landesweit verteilt werden können, damit einzelne Kliniken nicht überlaufen. Das bedeutet aber auch, dass Patienten aus Ludwigsburg notfalls in Heidelberg oder Tübingen untergebracht werden. Oder umgekehrt.

Die Coronapandemie bedeutet für die Kliniken auch eine hohe finanzielle Belastung. Was passiert, wenn die Pandemie jetzt noch drei Monate anhält? Mit welchem Defizit rechnen Sie dann?

Wir gehen derzeit von einem Defizit von 4,6 Millionen Euro aus. Wenn die Pandemie andauert, dann wird sich die Lücke vergrößern. Bund und Länder müssen die Kliniken auch finanziell weiter unterstützen. Wir müssen als Landkreis zum ersten Mal für den operativen Teil ein Defizit ausgleichen. Das gab es noch nie. Bisher hat der Landkreis lediglich im investiven Bereich finanziell unterstützt.

Im kommenden Jahr wird die Pandemie auch im Kreishaushalt voll durchschlagen. Wird die Kreisumlage auf diesem Niveau zu halten sein?

Wir müssen jetzt zum einen alle Ausgaben kritisch hinterfragen. Dazu werden wir die freiwilligen Leistungen auf den Prüfstand stellen. Zum anderen müssen wir über die Einnahmen nachdenken. Konkret rechnen wir mit ein Prozent mehr Kreisumlage ab 2022. Außerdem haben wir in der Kreisverwaltung eine Organisationsuntersuchung gestartet, um zu prüfen, wie wir unsere Aufgaben in der Zukunft effizienter und für die Bürger serviceorientierter erledigen können.

In zwei Wochen soll der Kreistag über die Erhöhung der Müllgebühren entscheiden. Es droht dagegen eine Klage. Wie wollen Sie dem begegnen?

Indem die neue Müllgebührensatzung rechtskonform vom Kreistag verabschiedet wird. Die Gebühren zu erhöhen, macht niemanden Spaß. Und schon gar nicht um 13 Prozent. Aber die Nachsorge auf den Deponien ist deutlicher teurer, als das bislang durch die Gutachten vorhergesagt wurde. Diese hohen Kosten, etwa auf der Deponie Lemberg, müssen bezahlt werden. Dies trifft den Gebührenzahler.

Wieso merkt man das erst jetzt?

In den vergangenen Jahren mussten der Kreistag und die Verwaltung bei den Nachsorgekosten mit Unsicherheiten und mit Schätzungen arbeiten. Jetzt haben wir klare Kalkulationen durch Fachbüros vorliegen. Hinzu kommen die allgemeinen Kostensteigerungen.

Welche sind Ihre politischen Schwerpunkte im kommenden Jahr?

Da könnte ich jetzt vieles aufzählen. An erster Stelle steht natürlich die Bewältigung der Pandemie und ihrer Folgen.

Und dann?

Möchte ich das Stadtbahnprojekt weiterführen, beim Bündnis für bezahlbaren Wohnraum vorankommen, den neuen Nahverkehrsplan auf den Weg bringen, die Investitionen an unseren Schulen weiter ausbauen, die Wirtschaftsförderung im Kreis neu aufstellen und vernetzen sowie die Landkreisverwaltung zukunftsorientierter und moderner aufstellen.

Wie sieht es bei den Kliniken aus?

Wir werden mit den Kliniken im Frühjahr eine Strategieklausur durchführen. Dabei geht es vor allem darum, welche medizinischen Leistungen wo stattfinden und was wir an baulicher Infrastruktur angehen müssen. Wir müssen darauf reagieren, dass immer mehr Menschen sich ambulant behandeln lassen. Außerdem müssen wir die Einigung zum Gesundheitscampus in Marbach umsetzen und in Ludwigsburg den Hubschrauberlandeplatz erneuern.

Wie reagieren Sie auf die Wohnungsknappheit im Landkreis?

Durch das Bündnis für bezahlbaren Wohnraum. Wir werden mit den interessierten Kommunen dazu zeitnah ein Konzept entwickeln.

Welche Impulse neben der Stadtbahn wollen Sie beim Nahverkehr geben?

An erster Stelle steht die gesicherte Finanzierung des ÖPNV. Durch die Pandemie sind hier starke Umsatzrückgänge entstanden. Darüber hinaus möchte ich mit der Fortschreibung des Nahverkehrsplans verbesserte Angebote schaffen. Wir werden weiter die Möglichkeiten für den Radverkehr optimieren, beispielsweise durch den Bau von Radschnellwegen. Bei der Strohgäubahn bietet es sich an, in der Trassenführung auch über den Landkreis hinauszudenken.

Was ist Ihr Wunsch für 2021?

Dass wir alle wieder einen Weg zurück in die Normalität finden. Dass wir uns wieder bei Veranstaltungen begegnen und Gespräche führen können. Dass all das, auf das wir dieses Jahr verzichten mussten, wieder in unseren Alltag zurückkehrt und natürlich, dass wir gesund aus dieser Pandemie herauskommen.