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Gotthilf Fischer

Schon zu Lebzeiten Legende

Gesangverein Concordia und Liedertafel trauern um Chorleiter – Auftritte auf der ganzen Welt

Das letzte Konzert von Gotthilf Fischer mit dem Gesangverein Concordia in der Bönnigheimer Cyriakuskirche. Archivfotos: Alfred Drossel
Das letzte Konzert von Gotthilf Fischer mit dem Gesangverein Concordia in der Bönnigheimer Cyriakuskirche. Foto: Alfred Drossel
Fischer bei den Bönnigheimer „Kulturköpfen“ im Gespräch mit Jürgen Frey.
Fischer bei den Bönnigheimer „Kulturköpfen“ im Gespräch mit Jürgen Frey.
Gotthilf Fischer mit Chefredakteurin Ulrike Trampus am LKZ-Weihnachtsstand in Ludwigsburg. Archivfoto: Ramona Theiss
Gotthilf Fischer mit Chefredakteurin Ulrike Trampus am LKZ-Weihnachtsstand in Ludwigsburg. Foto: Ramona Theiss
Kirchenkonzerte, wie hier in Bönnigheim, waren für den Dirigenten wichtig.
Kirchenkonzerte, wie hier in Bönnigheim, waren für den Dirigenten wichtig.

Bönnigheim/Ludwigsburg. Deutschlands bekanntester Chorleiter, Gotthilf Fischer, ist tot (wir berichteten). Das hat bei den Sängerinnen und Sängern im Landkreis Ludwigsburg große Trauer ausgelöst. Vor allem auch in Bönnigheim, wo Fischer den Chor der Concordia Bönnigheim 56 Jahre lang, bis zu seinem 90. Geburtstag, geleitet hat. Fischer starb mit 92 Jahren.

Bis vor zwei Jahren dirigierte der Mann mit den schlohweißen Haaren fast täglich einen anderen Chor: Dienstags war er in Stuttgart, mittwochs in Schwaikheim, donnerstags in Bönnigheim und freitags in Fellbach. Bönnigheim war für Gotthilf Fischer dabei eine wichtige Station seines Lebens und für den Gesangverein Concordia eine Erfolgsgeschichte.

1962 hatten die Bönnigheimer den damals in Ochsenbach lebenden Fischer als Nachfolger von Chorleiter Albert Zäh geholt. Seither war Gotthilf Fischer Dirigent in der Ganerbenstadt. 1964 wurde die Concordia in die Fischerchöre integriert. Jeden Donnerstag kam der berühmte Chorleiter in den Musiksaal der Ganerbenschule und übte dort zunächst mit dem Männerchor. Zu ihm gehörte auch der jetzt 90-jährige Ernst Müller. Danach war der Frauenchor an der Reihe, zu dem die fast 80-jährige Emmi Müller zählte, die 24 Jahre Solistin im Chor war.

Mit 14 Jahren leitete Fischer seinen ersten Chor in Deizisau. Der gewann 1949 beim großen Schwäbischen Sängerfest in Göppingen in der Kategorie Volks- und Kunstgesang. Durch diesen Erfolg gelangte Fischer zu erster lokaler Bekanntheit. In der Folge sammelten sich weitere Gesangsvereine unter seiner Leitung. Diese Teilchöre bilden die sogenannten Fischer-Chöre. Mit dabei war auch die Liedertafel Ludwigsburg. Mit Gotthilf Fischer taten sich für den Verein völlig neue Chancen auf. Es wurden Konzerte sowie Veranstaltungen geplant und Reisen ins In- und Ausland unternommen.

Neben seinen musikalischen Erfolgen hatte der Autodidakt, der nie eine musikalische Ausbildung durchlief, auch wirtschaftlichen Erfolg. Fischer verstand es gut, sich in Szene zu setzen; einer der Höhepunkte seiner Laufbahn war der Auftritt der Fischer-Chöre mit weit über 1000 Sängern beim Abschluss der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in München.

Überall mit dabei war Emmi Müller. „Mädle, du singst gut“, hatte Fischer einst zu der damals 21-Jährigen gesagt, „du wirst meine Solistin.“ Die Bönnigheimerin stand in der ersten Reihe beim Besuch des Papstes in Rom, beim US-Präsidenten Jimmy Carter und bei einem Konzert vor den Pyramiden. „Für mich war Gotthilf Fischer der absolute Dirigent, der mit einem Fingerzeig Hunderte Sänger leitete“, sagt Emmi Müller. Sie trauert wie alle Sänger in Bönnigheim um ihren Dirigenten. Aber die Erinnerung an einen Chorleiter, der keine Starallüren hatte, werde bleiben.

Ein langjähriger Weggefährte Fischers in Bönnigheim ist auch der jetzt über 90-jährige Ernst Müller. Der frühere Lokomotivführer wurde unter Fischer sogar zum Schallplattenstar. Ernst Müller und seine Frau waren jahrzehntelange Mitglieder des Chores.

In Bönnigheim gab es im November vor drei Jahren, anlässlich Fischers 55-jähriger Dirigententätigkeit, das letzte große Konzert in der Cyriakuskirche. Damals sagte Fischer: „Denken Sie aber schon mal an die Feierlichkeiten zu meinem 100. Geburtstag“.

Im Laufe seines Lebens wurden Gotthilf Fischer viele Ehrungen zuteil. In Bönnigheim bekam er die höchste Kulturehrung und er wurde zum Ehrendirigenten der Concordia ernannt. Fischer ist zudem Träger des Bundesverdienstkreuzes. Für seinen Einsatz zur Erhaltung des Friedens auf der Welt erhielt er den 1. Weltfriedenspreis 2006 der Internationalen Chorolympiade. 2008 wurde die Krone der Volksmusik für sein Lebenswerk verliehen.

Für seinen Einsatz nach dem Amoklauf in Winnenden, wo er mehrfach zugunsten der Stiftung gegen Gewalt an Schulen auftrat, wurde Fischer 2010 von dessen Förderverein zum Ehrenmitglied ernannt. Erst im vergangenen Jahr wurde der „König der Chöre“ für einen Internet-Erfolg ausgezeichnet: Seine Aufnahme der Europahymne „Ode an die Freude“ mit der Liedzeile „Freude schöner Götterfunken“ kam nach Angaben seines Managements auf mehr als 17 Millionen Youtube-Aufrufe und Zehntausende Downloads. Dieses Jahr erschien seine letzte Single – mit Blick auf Corona unter dem Titel „Die Gedanken sind frei“. In den vergangenen Wochen war Fischer unglücklich, weil wegen der Coronakrise nicht gesungen werden durfte. Gotthilf Fischer hatte eine besondere Beziehung zum Tod. Einer seiner Sprüche war: „Sterben ist des Lebens Schluss, der Junge kann, der Alte muss.“

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