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Nach dem Tod von Tabitha
Schulpsychologen helfen Mitschülern bei Verarbeitung des Verbrechens

Im Gespräch kann der individuelle Bedarf an Hilfe eruiert werden. Foto: Studio Romantic/stock.adobe.com
Im Gespräch kann der individuelle Bedarf an Hilfe eruiert werden. Foto: Studio Romantic/stock.adobe.com
Der gewaltsame Tod der 17-jährigen Tabitha E. aus Asperg ist nicht nur für die Familie, sondern auch für Mitschüler und Vereinskameraden äußerst erschütternd und belastend. Kinder und Jugendliche können bei Bedarf die Hilfe der Schulpsychologischen Dienste in Anspruch nehmen.

Kreis Ludwigsburg. Der Schock saß noch tief bei den Klassenkameraden der 17-Jährigen, als sie am Dienstagvormittag gleich zu Beginn des Unterrichts in der Mathilde-Planck-Schule Besuch unter anderem von Vertretern der Kriminalpolizei und der Schulpsychologischen Dienste bekamen. Wie reagieren sie auf das belastende Ereignis? Benötigen sie Hilfe? Gibt es Redebedarf? Das zu klären, war die Aufgabe der Experten. Wie die Gespräche verliefen und wie viele Schüler die Hilfe von Profis in Anspruch genommen haben, bleibt freilich im Verborgenen. „Jede Beratung unterliegt der Schweigepflicht“, sagt Diplom-Psychologin Anne Henchen, Referentin für Schulpsychologische Dienste im Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) Baden-Württemberg. Ziel dieser Krisennachsorge, wie sie im Fachjargon bezeichnet wird, ist es laut der Spezialistin, „die Schule mit allen Betroffenen wieder handlungsfähig zu machen“.

Herausfinden, wer Hilfe benötigt

Dabei gelte es zu eruieren, was Schüler und Lehrkräfte – auch einzelne – an Hilfe benötigen und wie der weitere Schulalltag aussehen kann. Während ein Teil der Schüler in solchen Situationen nichts dagegen hat, mit dem Unterricht fortzufahren, wollen andere lieber über ihre Trauer sprechen. „Das System Schule soll das Gefühl haben, das es sich selbst helfen kann – dabei unterstützen wir“, sagt Anne Henchen.

Die Schüler werden keinesfalls nach ihrer aktuellen emotionalen Situation gefragt. Die Frage: „Wie geht es Dir?“ ist laut der Expertin ein Tabu, weil dadurch unnötig Emotionen hervorgerufen werden. Vielmehr erkundige man sich bei den Schülern danach, was sie benötigen und welche Hilfe sie sich wünschen. Das gelte gleichwohl für die Zeit nach der Schule, denn auch dann benötigen manche Kinder und Jugendlichen noch jemanden, der bei ihnen ist. Es sei immens wichtig, den Bedarf der einzelnen Schüler herauszubekommen. Manch einer benötige eventuell erst nach zwei Monaten Hilfe, die er dann selbstverständlich erhält. Wie die Belastung nach einem solchen traumaähnlichen Ereignis aussieht, ist von Schüler zu Schüler verschieden und kann laut Anne Henchen von Schlaf- und Konzentrationsstörungen über innere Unruhe bis hin zu Ängsten reichen. Dazu komme oft die Schuldfrage, bei der die Schüler überlegen, ob sie im Vorfeld etwas übersehen haben und ob sie hätten helfen können.

Polizei informiert Mitschüler aus erster Hand

Für die Polizei ging es am Dienstag in erster Linie darum, die Mitschüler aus erster Hand über die Geschehnisse zu informieren, um Gerüchten und Spekulationen vorzubeugen. Dabei ist die Betreuung der Schüler laut Steffen Grabenstein, Sprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, „ein ganz entscheidender Baustein im Prozess der Verarbeitung der Geschehnisse sowie der Trauerbewältigung“. Wie die Schulpsychologischen Dienste kommt auch die Polizei zu der Schlussfolgerung, dass die Reaktionen auf solche Geschehnisse sehr individuell ausfallen. „Beispielsweise können sich Angst, Verunsicherung, Verlust von Vertrauen in andere sowie sozialer Rückzug bilden. Daher ist es so entscheidend, den genannten Personenkreis frühzeitig im Blick zu haben und entsprechenden Tendenzen rechtzeitig entgegenwirken zu können“, sagt Grabenstein.

Dabei sei es wichtig, Räume zu schaffen, in denen sich die Betroffenen öffnen können. Die weitere Verarbeitung könne in der Klassengemeinschaft oder auch in Kleingruppen sowie im engen Freundeskreis erfolgen. „Manche suchen eine kreative Ausdrucksweise wie das Gestalten eines Kondolenzbuches, andere haben einen großen Bewegungsdrang“, weiß der Polizeisprecher. Entscheidend sei es, dass die Betroffenen begleitet werden, ohne ihnen bestimmte Vorgehensweisen vorzugeben oder gar aufzudrängen.

Meist ist es laut Grabenstein hilfreich, wenn die Betroffenen sich nicht alleine fühlen, sondern sich mit anderen austauschen können und wissen, wo und von wem sie Unterstützung erfahren können. Das können Familie, Freunde, Klassenkameraden und Lehrkräfte sein, aber auch andere Einrichtungen wie die Kinder- und Jugendtrauer Ludwigsburg.

Körperliche und emotionale Belastungen würden meist von selbst wieder nachlassen, die Betroffenen müssten begleitet, unterstützt und ernst genommen werden. Sollten gravierendere Probleme vorliegen, müsse gegebenenfalls ärztliche beziehungsweise therapeutische Hilfe hinzugezogen werden.