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Ausstellung

Sentimentale Liebesgeschichten

Unverständnis bei den Jüngeren, wissendes Nicken bei den Älteren: Die Reaktionen auf die neue Sonderausstellung im Gerlinger Stadtmuseum sind vorprogrammiert, wenn sie ab Sonntag den „verschwundenen Dingen“ nachspürt – vom Wählscheibentelefon bis zur Kittelschürze.

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Gerlingen. Die gelbe Telefonzelle ziert die Ausstellung zwar nur als Foto, aber sie ist typisch für das Schicksal vieler Dinge des täglichen Gebrauchs: Als sie noch unabdingbar zum Alltag gehörten, waren sie ständig kaputt, dreckig und nie hatte man die passenden Münzen, wenn es um den einen, wirklich wichtigen Anruf ging. Die neue Generation bestand nur noch aus einer Säule und funktionierte ausschließlich mit Telefonkarte. Leichte Nostalgie setzte ein, weil einem beim Telefonieren buchstäblich der kalte Wind des Fortschritts um die Ohren blies. Und dann kam das Handy auf, mit immer schnellerem Verfallsdatum. Die Hochtechnologie von gestern ist der Dinosaurier von heute.

Je begehrter ein Statussymbol war,

desto tiefer sein Fal


Die Sonderschau, gestaltet von der früheren Museumsleiterin Catharina Raible und ihrer Nachfolgerin Christina Vollmer, ist vor allem ein Nachruf auf das, was einem früher wichtig war: das Wählscheibentelefon, teilweise sogar durch eine Samt-Brokat-Hülle geschützt. Die TKKG-Hörspielkassetten, die man sich vom Taschengeld zusammengespart hatte. Doch auch der wirklich überlebensnotwendige Feuermelder, der dann auf einmal weg war und dessen Verschwinden gar nicht weiter auffiel.

Die Präsentation selbst hat Magazin-Charakter und kommt ohne Beschreibungen aus. Vielmehr ist sie für den generationenübergreifenden Museumsbesuch gedacht, bei dem die Älteren den Jüngeren vom Wesen der „verschwundenen Dinge“ berichten sollen. Ganz knitz hofft man, so auch Gerlinger Anekdoten zu sammeln, hat dazu auf der alten Schulbank Karteikarten bereit gelegt, auf denen die Gäste ihre Erlebnisse mit Tonbandgerät aufzeichnen können.

Überwiegend stammen die Exponate aus dem Museumsfundus, in den auch der überwiegende Teil der von Bürgern zur Verfügung gestellten Stücke eingehen wird. „Meistens wollen die Leute sie nicht mehr zurückhaben“, sagt Christina Vollmer. Eine Ausnahme sei das Kinder-Wählscheibentelefon. „Das benützt der Besitzer mit seinen Enkeln zusammen.“ In der Ausstellung kann man damit vom einen Ende des Raums zum anderen telefonieren.

Überraschend im Reigen der Dinge ist ein immaterieller Verlust eingereiht: das Verschwinden des Reiserufs, mit dem Reisende in Notfällen über das Radio aufgerufen wurden, sich zu Hause zu melden. Über die Hintergründe und den gewaltigen Recherche-Aufwand informiert nun an einer Hörstation ein Beitrag des Hessischen Rundfunks aus dem Jahr 2009. Auch das Programm befasst sich mit dem schwerer darstellbaren immateriellen Verschwinden: So gibt es etwa am 12. März um 19.30 Uhr einen Vortrag über das Sammeln und Bewahren von Traditionen.

Was beim Rundgang besonders auffällt, ist die Fallhöhe des Verschwindens: Je begehrter ein Statussymbol war, desto tiefer sein Fall. Besonders seit sich das Karussell von Ex und Hopp immer schneller dreht: Vielleicht ist das aber auch der Grund, warum sich vor allem immer mehr Sammler diesem im Grunde unsäglichen Trend entgegenstemmen. Noch steht das Datum nicht fest, aber im Beiprogramm soll es auch Gelegenheit geben, eigene „verschwundene Dinge“ von zwei Antiquitätenexperten schätzen zu lassen.

Info: Die Schau „Verschwundene Dinge“ wird am kommenden Sonntag, 3. November, um 11.15 Uhr im Gerlinger Stadtmuseum an der Weil-imdorfer Straße eröffnet. Um 14.30 Uhr gibt es eine Führung durch die Ausstellung. Geöffnet ist bis zum 19. April – dienstags von 15 bis 18.30 Uhr, sonntags von 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter (0.71.56) 20.53.66.

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