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Tischtennis

Siege mit Schnitzel und Bienenstich

Obwohl Hartmut Freund schwer geistig behindert ist, gilt er als einer der besten Tischtennisspieler der Welt. Für seine Familie ist das allerdings nicht so einfach.

Hartmut Freund trainiert vier bis fünf Mal die Woche.Archivfoto: privat
Hartmut Freund trainiert vier bis fünf Mal die Woche. Foto: privat
Gemeinsame Trophäen: Hartmut und sein Bruder Norbert Freund.Foto: Alfred Drossel
Gemeinsame Trophäen: Hartmut und sein Bruder Norbert Freund. Foto: Alfred Drossel

Bietigheim-Bissingen. Die Schau beginnt: Hartmut Freund betritt den Trainingsraum. Leicht abwesend steht er da. Mit viel Akribie platziert er seine Bälle auf der Platte, manche gehen auch daneben. So ist das eben bei einer Trainingseinheit. Auf der anderen Seite steht sein älterer Bruder Norbert. Erbarmungslos spielt er die Bälle abwechselnd auf die Vor- und auf die Rückhand. Schon nach kurzer Zeit beginnt es nach Schweiß zu riechen. Das Training für Hartmut Freund hat begonnen.

Er ist konzentriert, spielt jeden Ball mit einer ungeheuren Wucht zurück. Schaut genau. Dann kommt die Ballmaschine, die die Bälle ganz unterschiedlich auf der Tischplatte verteilt. Hin und wieder spricht Hartmut Freund zu sich, die meiste Zeit allerdings ist er leise und schlägt zurück. Training ist ein hartes Geschäft, auch mit Autismus, Epilepsie und anderen geistigen Krankheiten.

Seit 51 Jahren ist er in ein familiäres Geflecht eingebettet. Sein Bruder Norbert kümmert sich um ihn nicht nur beim Training an der Tischtennisplatte, er fährt ihn auch zum Training oder erledigt seinen Schriftkram. Und das ist nicht wenig. Denn inzwischen spielt Hartmut Freund auch bei Weltmeisterschaften wie den Special Olympics in Abu Dhabi oder den Weltspielen in Australien.

Mit den beiden Veranstaltungen hat das Team aus Bietigheim ein ganz neues Fass aufgemacht, denn Hartmut Freund passt bisher in noch keine Kategorie. Die geistig Behinderten sind in den Verbänden in der Minderheit. Das musste auch Norbert Freund miterleben. Für die Weltspiele wurde er zwar angemeldet, doch er bekam keine finanzielle Unterstützung. Diese musste in Bietigheim organisiert werden.

Inzwischen hat der Deutsche Behindertensportverband nachgedacht und ein Projekt angeschoben. Es soll darüber nachgedacht werden, wie neue Klassen geschaffen werden können und mit welchen Teilnehmern. „Über diese Entwicklung bin ich sehr froh, doch bis es zu einem Ergebnis kommt, kann es noch ein paar Jahre dauern“, sagt Norbert Freund.

Für seinen Bruder ist Tischtennisspielen wie Arbeit. Eigentlich trainiert er vier bis fünf Mal in der Woche. Hartmut Freund ist Mitglied in sechs ganz normalen Vereinen und trainiert mit anderen ganz normalen Spielern. Zudem übt er in zwei Behinderten-Sportvereinen in Walldorf und in Reutlingen. Hinzu kommen noch die Trainingsstunden im eigenen Hobbykeller.

„Tischtennis ist eine sehr taktische und intellektuelle Sportart. Hartmut spielt sie allerdings sehr intuitiv. Daher muss man als Betreuer manchmal nachhelfen. Dazu haben wir verschiedene Stichwörter gefunden. Besonders beliebt ist Schnitzel und Bienenstich, das mag er ganz arg“, erzählt sein zwei Jahre älterer Bruder.

Schon früh haben sich die Eltern, Gregor und Edeltraud Freund, für Inklusion eingesetzt, ein Wort, das es damals noch gar nicht gab. Sie wollten ihren Sohn immer in ein ganz reguläres Leben begleiten. Dafür setzten sie sich ein, nicht immer mit Unterstützung der Lehrer. Zuerst wurde Hartmut aus dem Kindergarten entfernt, später landete er auf der Bietigheimer Sonderschule im Gröninger Weg. Auf der damaligen Lernbehindertenschule lernte er später Lesen und Schreiben. Nach der Schule folgten ein Berufsvorbereitungsjahr und dann eine Anstellung. Er bediente verschiedene Maschinen über zwölf Jahre. Dann war Schluss, denn in dem Unternehmen wollte man nicht mehr mit Behinderten zusammen arbeiten.

Damit war der Zeitpunkt fürs Tischtennis gekommen. Schon zuvor hatte er als reiner Amateur gespielt, doch nach dem Job-Aus ging es richtig los. Mit dabei ist stets die Familie, die sich um den aufstrebenden Tischtennisstar kümmerte.

Inzwischen hat Hartmut Freund Sponsoren, die ihm weiterhelfen. Doch es bleibt ein schwieriges Geschäft. Auch wenn viele Tischtennisprofis bis ins Alter von über 60 Jahren spielen. Doch bis dahin ist noch viel Zeit.

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