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Singen gegen Corona und fürs Selbstbewusstsein

Lehrer Peter Hömseder ist im Tonstudio mit genau so viel Begeisterung dabei wie seine Schüler.Foto: Ramona Theiss
Lehrer Peter Hömseder ist im Tonstudio mit genau so viel Begeisterung dabei wie seine Schüler.Foto: Ramona Theiss
Musikprojekt an der Steinheimer Blankensteinschule endet mit einer CD-Aufnahme in Ludwigsburger Tonstudio – Prima-Klima-Lied

Steinheim. Ein Gedicht mit elf Strophen auswendig lernen – normalerweise ist da das Gemurre bei Schülern groß. Nicht so bei „Herrn Hömseders musikalischer Klasse 4“ der Blankensteinschule Steinheim. Sie lernen alle elf auf einmal, weil sie wissen, dass daraus ein Rocksong wird und später ein großes Projekt: ihre eigene CD.

Meterstäbe als Abstandshalter

Lehrer Peter Hömseder bietet an der Blankensteinschule eine Musik-AG an, die Dritt- und Viertklässler treffen sich einmal in der Woche nachmittags und bereiten sich zwei Jahre auf den Aufnahmetag in den Ludwigsburger Bauer Studios vor. Dieses Mal war es besonders schwierig, die zarten Kinderstimmen am Leben zu halten, so Hömseder. Denn selbst die können einrosten und durch das Masketragen auch leiser werden. Die 21 Schüler sangen draußen bei Wind und Wetter auf der grünen Wiese mit Maske und Meterstäben als Abstandshalter, sie sangen mit Jacken und Mänteln in kalten Turnhallen und Klassenzimmern, sie sangen gegen die Kälte und gegen Corona und sie sangen für ihr Selbstbewusstsein.

Und so haben die Kinder beim großen Aufnahmetag von sechs Songs keine Scheu mehr. Völlig unbeeindruckt von Presse, Fernsehteam und Tonaufnahme absolvieren sie ihre Aufwärmübungen mit Sprüngen und imaginärem Zähneputzen. „Denkt an die Betonung und dass ihr klar singt, damit man euch versteht“, mahnt Hömseder und dann legen sie los und präsentieren voller Freude ihr Prima-Klima-Lied. Peter Hömseder hat es selbst geschrieben und damit manch Elternhaus wahrscheinlich zur Verzweiflung gebracht, denn die Kinder erzogen daraufhin ihre Eltern. „Mama lässt wegen meiner kleinen Schwester immer das Badezimmerlicht nachts an, das habe ich einfach ausgemacht. Und ich habe meinen Eltern gesagt, dass sie unter der Dusche beim Einseifen nicht das Wasser laufen lassen“, erzählt Lisa. Zarah zieht seit dem Lied alle Stecker aus der Steckdose. Deshalb gefällt Helena das rockige Prima-Klima-Lied auch am besten. „Weil man so die Welt verbessern kann.“

Lerninhalte werden mit Hilfe der Musik und viel Spaß transportiert. Das Gedicht „Neckarwellen“ hat zum Beispiel nicht nur elf Strophen, sondern es kommen Städte und Ortschaften sowie Flüsse darin vor. Es wurde von dem preisgekrönten Schriftsteller und Autor Claus-Peter Lieckfeld extra für die Klasse geschrieben. „Da schreibt ein in Bayern lebender Norddeutscher für die Schwaben ein Gedicht über den Neckar“, freut sich Hömseder, der mit Lieckfeld befreundet ist. Das Homo-Lisa-Lied erzählt die Geschichte der Steinheimer Urmenschfrau, die in jedem Geschichtsbuch als Homo steinheimensis steht – eine Identifizierung mit ihrem Heimatort. „Wir haben mehrere Fächer abgedeckt: Deutsch, Erdkunde, Sachkunde, Geschichte, Sport und Kunst, da die Schüler selbst die Choreographie zu den Liedern entwickeln und die Songtexte gestalten“, freut sich Hömseder. „Es macht so viel Spaß“, erzählt Zarah mit leuchtenden Augen, warum es ihr in der Musik-AG nie langweilig wird und sie nie die Geduld verliert, selbst wenn man die Strophe zum sechsten Mal singt. Denn sie wissen, was auch ihr Lehrer betont: „Ohne Fleiß kein Preis.“

Mutmacher und Integration

Und für Peter Hömseder ist das Projekt noch viel mehr: Viele der Schüler haben einen Migrationshintergrund, sie kommen aus dem Irak, aus Syrien, aus Benin, das Projekt schweiße sie zusammen und zeige: „Gemeinsam kann man viel erreichen. Die CD ist ein Mutmacher, ein Zeichen für Integration und Inklusion.“ Auch das Selbstbewusstsein werde gestärkt. Besonders gerührt hat Hömseder die Szene zum Abschluss des letzten Projekts. Ein Junge kam auf ihn zu und sagte: „Wissen Sie, Herr Hömseder, mein Papa wohnt weit weg und er kümmert sich nicht um mich. Aber dem werde ich unsere CD schicken, damit er mal sieht, was ich draufhabe.“