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Altstadt

Sperrzeiten sorgen für Verdruss

In diesem Sommer können Gast-wirte in der Besigheimer Altstadt bis 22.30 Uhr ihre Gäste draußen bewirten. Diese probeweise Regelung sorgt für Unmut – bei den Gastronomen, die sich in ihrer Gastfreundschaft eingeschränkt sehen, sowie bei den Anwohnern, die spätabends einfach ihre Ruhe möchten. Die Postkartenaktion einiger Gastronomen sorgt für zusätzlichen Ärger.

Geselliges Beisammensein in der Altstadt: Was zur Mittagszeit kein Problem ist, sorgt in den späten Abendstunden für Diskussionen. Fotos: Drossel
Geselliges Beisammensein in der Altstadt: Was zur Mittagszeit kein Problem ist, sorgt in den späten Abendstunden für Diskussionen. Foto: Drossel
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Besigheim. Es hatte sich bereits im November vergangenen Jahres angedeutet, dass es offensichtlich nicht möglich ist, allen Interessen gerecht zu werden. Damals beschäftigte sich der Gemeinderat mit einem Antrag von 20 Gastronomen, von April bis Oktober bis 23 Uhr draußen bewirtschaften zu dürfen. Etwa 40 Anwohner wiederum hatten in einer Stellungnahme dafür plädiert, die Außenbewirtschaftung sonntags bis donnerstags auf 21.30 Uhr zu beschränken, freitags und samstags sollte die Sperrzeit wie gehabt von 22 Uhr an gelten. Der damalige Kompromiss des Gremiums: Von April bis Ende Oktober dieses Jahres kann an allen Abenden bis 22.30 Uhr draußen bewirtet werden. Danach soll ein Resümee gezogen werden (wir berichteten). „Wir werden uns zunächst bei Polizei, Ordnungsamt und Landratsamt erkundigen, wie bei ihnen die Resonanz war“, sagte Bürgermeister Steffen Bühler unserer Zeitung. Dann werde sich das Gremium mit den Sperrzeiten beziehungsweise dem Probesommer befassen. Wichtig wäre Bühler, dass dann eine dauerhafte, längerfristige Regelung getroffen wird.

Dass der Gemeinderat nun aber bereits am Dienstagabend über die abendliche Außenbewirtschaftung redete, lag vor allem an der Postkartenaktion, die von Altstadtgastronomen gestartet wurde. Um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, verteilen sie die Postkarten an ihre Gäste. Darauf steht: „Liebe Gäste, Einheimische und Touristen. Wir wollen uns für kürzere Sperrzeiten in den Sommermonaten von April bis September einsetzen. Wenn auch Sie dafür sind, an lauen Sommerabenden bis um 23 Uhr unsere Gastfreundschaft und das Ambiente auf unseren Terrassen zu genießen, dann freuen wir uns auf Ihre Unterstützung.“ Auf der Rückseite soll dann angekreuzt werden, ob Außenbewirtung bis 23 Uhr gewollt ist – und wer der Teilnehmer ist „Bewohner der Altstadt“, „Besigheimer“, „Gast“ oder „Tourist“. Hinzukommen Plakate, auf denen beispielsweise steht „Lasst uns bitte einen guten Job machen“, „Leben und leben lassen“ oder „Für eine belebte Innenstadt“ (Foto).

Den Zeitpunkt bezeichnen viele von Stadtverwaltung und Gemeinderat als unglücklich. Schließlich sei es ja ein Probelauf; jetzt, wenige Wochen vor Ende der Draußensaison so eine Aktion zu starten, stößt bei einigen auf Unverständnis. Und bei manchen Besigheimern löst sie Wut aus: „Dieser Werbeprospekt macht Stimmung in unschöner Art und Weise gegen uns Altstadtbewohner“, sagte eine Frau in der Bürgerfragestunde des Gemeinderats. Das sei so was von hässlich, „das kann nicht sein“. Sie habe bereits vor Wochen an die Stadtverwaltung geschrieben, und um einen runden Tisch wegen der Sperrzeiten gebeten – „den möchte ich wirklich haben“. Sollte es den Wirten so schlecht gehen, „dann lassen wir einen Klingelbeutel rumgehen“. Dafür gab’s vereinzelt Applaus von den Zuhörerplätzen.

Doch das Finanzielle, so betonen die Gastronomen, spiele hier nicht die Rolle: „Uns Wirten geht es nicht darum, von 22.30 bis 23 Uhr noch das große Geld zu machen. Vielmehr wollen wir unseren Gästen die Chance geben, in Ruhe ihren Abend ausklingen zu lassen und ein gutes Stück sympathisches Besigheim noch nach 22.30 Uhr zu genießen“, teilen die Altstadtgastronomen Frank Land (Marktwirtschaft), Bernhard Kobar (Altstadt Hotel Berne Kobar), Michael Klingler (Ratsstüble), Dean Koppe (Restaurant Hirsch) und Philipp Leibrecht (Hotel am Markt) unserer Zeitung in einem Schreiben mit. In den anderen 3.B-Tourismusstädten sei die Außenbewirtung auch bis 23 Uhr möglich. Die fünf Wirte wollen am Wochenende in einem Pressegespräch die Ergebnisse der Postkartenaktion erläutern.

Bürgermeister Steffen Bühler antwortete in der Bürgerfragestunde, die Aktion sei nicht mit der Stadtverwaltung abgesprochen gewesen. Frank Land sitzt seit Mai für WIR im Gemeinderat, war aber, genau wie seine beiden Fraktionskollegen, für die Sitzung am Dienstagabend entschuldigt. Einen runden Tisch sieht Bühler skeptisch – einfach, weil wegen der verhärteten Fronten wohl kaum ein Entgegenkommen von beiden Seiten zu erwarten sei. „Der runde Tisch wäre in einer Zeit möglich gewesen, in der man sich mit dem Thema emotionsloser auseinandergesetzt hat.“

Dass allerdings etwas passieren muss, wurde am Ende der Gemeinderatssitzung deutlich. Da meldete sich BMU-Stadträtin Miriam Staudacher zu Wort und meinte, die Plakat- und Postkartenaktion sei sehr fragwürdig. „Ich finde es nicht in Ordnung, wie da vorgegangen wird.“ Anwohner und Gäste würden gegeneinander ausgespielt. Sibylle Reustle (SPD) war der Meinung, dass etwas getan werden müsse. Im Vergleich zu früher werde das Zusammenleben in der Altstadt immer krisenhafter. Reustle lebt in der Altstadt, allerdings nicht direkt an der Kirchstraße oder am Marktplatz. Sie kam auf ein grundsätzliches Dilemma zu sprechen: Wenn etwa auf der Enztreppe – auf der anderen Seite des Flusses in der Weststadt gelegen – gefeiert werde, müsse um 22 Uhr Schluss sein. Der Altstadtbewohner hingegen hat vor seinem Schlafzimmerfenster noch bis 22.30 Uhr Betrieb – „wir behandeln nicht alle gleich“. Ein moderierter runder Tisch sei bei dem Thema wahrscheinlich notwendig. Ruben Wald (CDU) schloss sich seinen Vorrednerinnen an. „Es gibt Fälle, wo so etwas bis vors Verwaltungsgericht ging“, kam er auf Beispiele anderer Kommunen zu sprechen. Das sollte, wenn möglich, in Besigheim vermieden werden.

Die Stadtverwaltung denkt jetzt darüber nach, zu gegebener Zeit eine Anwohnerbefragung zu machen. Zumindest soll Ende des Jahres, Anfang 2020 über die derzeitige Probephase der Sperrzeiten im Gemeinderat geredet werden.

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