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Sicherheit

Stellen Windräder eine Gefahr dar?

Windenergieanlagen gelten als sichere Bauwerke. Der Tüv-Verband spricht allerdings von „tickenden Zeitbomben“ und geht laut Geschäftsführer Dr. Joachim Bühler von „50 gravierenden Schäden pro Jahr“ aus. Tatsächlich sind abgebrochene Rotorblätter, beschädigte Masten und brennende Windräder keine Seltenheit. Der Tüv-Verband fordert daher eine bundesweite Prüfpflicht für Windenergieanlagen.

Am Ingersheimer Windrad hat es noch keine Schäden gegeben. Archivfoto: Oliver Bürkle
Am Ingersheimer Windrad hat es noch keine Schäden gegeben. Foto: Oliver Bürkle

Ingersheim. Es war im Dezember vergangenen Jahres, als bei Gau-Bickelheim in Rheinhessen ein Rotorblatt eines Windrades abgebrochen ist. Das zehn Tonnen schwere Teil stürzte auf einen Acker, verletzt wurde dabei niemand. Ein Vorfall, der auch am Ingersheimer Windrad nicht ausgeschlossen werden kann. „Bei uns hat es glücklicherweise noch keine Probleme gegeben“, sagt Dieter Hallmann vom Vorstand der Energiegenossenschaft Ingersheim und Umgebung eG. Als Betreiber habe die Genossenschaft mit dem Anlagenhersteller Enercon einen Wartungsvertrag abgeschlossen, der regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen beinhalte. „Bei Enercon handelt es sich um den Mercedes der Anbieter – wir wollten das in sichere Hände geben“, so Hallmann. „Sonst könnten wir nicht schlafen.“ So würden unter anderem die Rotorblätter jährlich von Hand abgetastet, der Blitzschutz untersucht und die Schmiermittel geprüft. Auch die Schrauben am Mast, wo der Stahl mit Beton verbunden ist, werden einer jährlichen Überprüfung unterzogen. Alle sicherheitsrelevanten Untersuchungen werden laut Hallmann im Wartungsbuch dokumentiert. „Das kostet uns viel Geld, doch auf diese Weise haben wir bezüglich der Sicherheit der Anlage auch keine Bedenken.“

Keine Windstärken wie in der Nordsee

Das sieht auch Bürgermeister Volker Godel so: „Mit den regelmäßigen Überprüfungen durch den Hersteller ist die Sicherheit der Anlage gewährleistet.“ Außerdem stehe das Windrad in einem separierten Bereich, wo sich nicht oft Menschen aufhalten. Darüber hinaus sei die Anlage bei weitem nicht Windstärken wie in der Nordsee ausgesetzt. Er habe großes Vertrauen in die Zusammenarbeit zwischen der Energiegenossenschaft und Enercon. Dennoch würde Godel eine Prüfpflicht der Anlage „nicht als Fehler erachten“.

Da es keine offizielle Statistik über Schäden an Windenergieanlagen gibt – siehe Begleittext – greift der Tüv-Verband zur Dokumentation solcher Vorfälle laut Geschäftsführer Joachim Bühler vor allem auf Fachpublikationen und Tageszeitungen zurück. Weil es demnach immer wieder zu Schäden an den Rotorblättern und Blitzschutzeinrichtungen, am Turm sowie am Fundament komme, beharrt der Tüv-Verband auf bundesweite Vorgaben. „Wir fordern einheitliche Prüfkriterien, einheitliche Prüfzyklen mindestens alle zwei Jahre und einheitliche Anforderungen an die Sachverständigen“, sagt Bühler.

Regelmäßige Wartungsintervalle

Laut Wolfram Axthelm, Geschäftsführer im Bundesverband Windenergie (BWE), gab es Stand 31. Dezember 2018 genau 29.213 Windenergieanlagen in Deutschland, davon 725 in Baden-Württemberg. Im Landkreis Ludwigsburg gibt es die einzige Anlage in Ingersheim. Laut dem „BWE-Hintergrundpapier Sicherheit von Windenergieanlagen“ wird das Regelwerk zur Überprüfung von Windenergieanlagen kontinuierlich weiterentwickelt. Dem Papier zufolge müssen sowohl das Bauwerk und die Maschine als auch der Arbeitsschutz in der Anlage regelmäßig überprüft werden. Die dort festgelegten Wartungsintervalle reichen je nach Typenzertifizierung der Anlage von halbjährlich bis jährlich. Die Prüfungen des Bauwerks von der Tragstruktur bis zu den Rotorblättern haben laut Richtlinie des Deutschen Instituts für Bautechnik alle zwei bis vier Jahre zu erfolgen.

Die Sorge, dass Windenergieanlagen nicht ausreichend geprüft werden, ist laut Axthelm unbegründet. „Der Bundesverband Windenergie sieht im Vorstoß des Tüv den Versuch, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Der Verband scheint übertriebene Panikmache nutzen zu wollen, um die qualitativ hochwertigen Prüfverfahren an Windenergieanlagen zu diskreditieren“, sagt Axthelm.

Joachim Bühler vom Tüv-Verband widerspricht: „Das ist ein Totschlagargument. Wir wollen darüber sprechen, wie wir die Sicherheit von Windenergieanlagen verbessern können.“

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