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OPS-Neubau

Störungen frühzeitiger erkennen

Wegen Problemen mit dem Rohbauunternehmen verzögert sich der Neubau der Oscar-Paret-Schule (OPS) in Freiberg derart, dass der Umzug ins neue Gebäude erst ein Jahr später als geplant stattfinden kann (wir berichteten). „So weit hätte es nicht kommen müssen“, sagt Marcel Weissinger, Akademischer Mitarbeiter am Institut für Baubetriebslehre der Universität Stuttgart.

Um Verzögerungen im Baufortschritt auf einer Großbaustelle zu vermeiden – unser Bild zeigt den entstehenden Neubau der Oscar-Paret-Schule –, müssen auftauchende Probleme schnell erkannt werden, sagt der Wirtschaftsingenieur Marcel Weissinger aus Frei
Um Verzögerungen im Baufortschritt auf einer Großbaustelle zu vermeiden – unser Bild zeigt den entstehenden Neubau der Oscar-Paret-Schule –, müssen auftauchende Probleme schnell erkannt werden, sagt der Wirtschaftsingenieur Marcel Weissinger aus Freiberg. Foto: Andreas Becker

Freiberg. „Einzug in neue OPS ein Jahr später“, lautete die Überschrift eines Artikels, in welchem unsere Zeitung vergangene Woche darüber berichtete, dass sich die Inbetriebnahme der neuen Oscar-Paret-Schule um ein ganzes Jahr verschiebt, weil die Baufirma Wolfer & Goebel aus Stuttgart den vereinbarten Zeitplan nicht einhalten kann. Das rief Marcel Weissinger auf den Plan. „Als gebürtiger Freiberger muss ich leider mitverfolgen, wie der Neubau der OPS gegen die Wand fährt“, wandte sich der 27-Jährige per E-Mail nicht nur an die Stadtverwaltung, sondern auch an unsere Zeitung. Für ein Projekt dieser Dimension müssen laut Weissinger auf der Bauherrenseite entsprechende Personalkapazitäten mit den notwendigen Kompetenzen und Erfahrungen vorgehalten werden, zumal die Verwaltung parallel mit weiteren Bauaktivitäten beschäftigt sei. Die Wahrscheinlichkeit sei sehr hoch, dass das eingesetzte Personal nicht ausreicht.

„Im Fall der OPS glänzt auch der Projektsteuerer nicht so ganz“, so Weissingers Einschätzung. Er frage sich, weshalb man erst abwarte, bis Störungen eingetreten sind. Dem Rohbauunternehmen hätte man rechtzeitig klarmachen müssen, dass es keinen anderen Fertigstellungstermin als den Sommer 2021 geben wird. Um solche Probleme, wie sie die Stadt Freiberg mit dem Bau der OPS hat, zu vermeiden, schlägt Weissinger die Anwendung eines sogenannten Baubegleitenden Störungscontrollings (BSC) bei Großprojekten vor. Dabei handelt es sich, vereinfacht ausgedrückt, um ein Konfliktmanagement, das bei Problemen hinsichtlich der Planung und des Bauablaufs greifen soll. Marcel Weissinger hat darüber als Student des Wirtschaftsingenieurwesens seine Masterarbeit geschrieben (Note 1), welche bereits in einem Fachmagazin veröffentlicht wurde und sehr praxisbezogen ist.

Eines der wichtigsten Elemente im BSC ist das rechtzeitige Erkennen von Problemen. So ist es laut Weissinger absolut notwendig, jede Woche den Status quo auf der Baustelle abzurufen und zu dokumentieren. „Diesem Bau-Ist stellt man das Bau-Soll dagegen“, sagt der Wissenschaftler. So erkenne man bei jeder Bauphase die Abweichung und könne umgehend gegensteuern. Werden die vereinbarten Fristen nicht eingehalten, könne man somit schnell neue Vereinbarungen treffen. Dafür sei es notwendig, mit einem kooperativen Kommunikationsstil vorzugehen. „Das ist besser, als sich hinterher die Köpfe einzuschlagen“, sagt Weissinger, zumal es nahezu bei jedem Bauprojekt zu Störungen kommen würde. Doch wenn man diese rechtzeitig erkenne und reagiere, lasse sich vieles noch auffangen. Dabei sei es wichtig, dass alle Beteiligten früh die Risiken und Konflikte ansprechen und jederzeit auf dem gleichen Informationsstand sind. „Je früher alle Beteiligten mit ins Boot genommen werden, desto besser kann man reagieren, wenn es zu Problemen kommt“, sagt Weissinger.

Funktioniert die Kommunikation nicht, betrachtet es auch der 27-Jährige aus Freiberg als notwendig, einen Rechtsbeistand hinzuzuziehen. Und zwar ebenfalls zu einem sehr frühen Zeitpunkt. Seiner Meinung nach hätte die Freiberger Stadtverwaltung „viel schneller Beratung von anwaltlicher Seite hinzuziehen sollen“. Eine neue Fristsetzung für den Bauunternehmer müsse zügig erfolgen und fundiert belegt sein. „Es gibt auch die Möglichkeit, dem Unternehmen den Bauauftrag zu entziehen“, sagt Marcel Weissinger. Doch dafür sei viel juristisches Wissen notwendig.

Wenn die Stadt Freiberg an ihrer Projektsteuerung nichts ändert, sieht Weissinger noch große Probleme auf die Verantwortlichen zukommen. Seiner Meinung nach liegt dort kein richtiger Fahrplan vor. „Es ist komisch, wenn schon beim Errichten des Rohbaus solche eklatanten Mängel auftreten.“ Das Zusammenspiel der Gewerke in der technischen Gebäudeausrüstung, die nach der Fertigstellung des Rohbaus erfolgt, sei deutlich komplexer. „Ich möchte nicht wissen, was da noch alles passiert“, so Weissinger.

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