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Freizeit

Suche nach dem richtigen Weg

Im Gerlinger Wald häufen sich die Klagen über Probleme mit Mountainbikern. Die Stadt will deshalb ein Konzept für legale Strecken erstellen, dabei sollen alle Nutzer einbezogen werden.

Das Fahren auf besonders schmalen Wegen im Wald ist bei so manchem Mountainbiker beliebt. Doch dabei kommen sie auch mal Wanderern in die Quere und schädigen die Natur.Foto: dpa
Das Fahren auf besonders schmalen Wegen im Wald ist bei so manchem Mountainbiker beliebt. Doch dabei kommen sie auch mal Wanderern in die Quere und schädigen die Natur. Foto: dpa

Gerlingen/Stuttgart. Wer auf der Suche nach den besten Mountainbikestrecken in der Region Stuttgart ist, der landet bei einer Internetrecherche häufig nahe eines Ortes: Gerlingen. Gleich mehrere Touren schlägt etwa eine Outdoor-App ausgehend von der Solitudehöhe und dem benachbarten Wald vor. Was Mountainbike-Fahrer erfreut, stößt manchem bitter auf. Immer häufiger gibt es Klagen über rücksichtslose Radler, gerade auch auf den schmalen Wegen mit einer Breite von weniger als zwei Metern, die sie gar nicht befahren dürfen. Oder auch über illegale Anlagen, die unter anderem als Schanzen genutzt werden und an anderer Stelle wieder errichtet werden, wenn sie von Fortsmitarbeitern entfernt werden. „Ein Katz- und Mausspiel“ nennt das Kämmerer Alexander Kern. Die Stadt will deshalb prüfen, ob nach dem Vorbild im Bottwartal bestimmte Strecken, sogenannte Trails, ausgewiesen werden können, um nicht nur eine rechtlich sichere Möglichkeit für den Freizeitsport zu schaffen. Denn damit könnten auch andere Bereiche des Walds zur Tabuzone werden. Angedacht ist etwa das besondere Schutzgebiet beim Stöckach. Die Erstellung eines entsprechenden Konzepts hat der Finanz- und Verwaltungsausschuss unlängst einstimmig abgesegnet, daran beteiligt werden soll auch ein Verein aus Stuttgart.

Vorbild Oberstenfeld

„Ganz ergebnisoffen“ wolle man an das Thema herangehen, so Kern. Ob es die Trails am Ende gibt, ist also noch unklar. Lob gibt es aber dennoch schon: Zum einen vom neuen Chef des Kreisforstamts, Dr. Michael Nill. „Ich finde das aus Forstsicht eine gute Initiative“, sagte er, denn das Katz- und Mausspiel helfe keinem, weder den Förstern noch den Waldbesitzern oder den Mountainbikern, die Situation sei deshalb für alle unbefriedigend. Und Lob hat er auch für das parat, was vor drei Jahren in Oberstenfeld gestartet wurde, und nach vielen Gesprächen und Begehungen vor rund einem Jahr mit der Einweihung des ersten offiziellen Mountainbike-Trails im Kreis einen wichtigen Schritt schaffte. Insgesamt zwölf Kilometer lang ist der Rundkurs. Durch die Legalisierung habe sich das Verhältnis zu Wanderern, Jägern und Naturschützern „deutlich verbessert, wenngleich es immer Leute gibt, die dagegen sind“, sagte er. „Zuletzt waren Klagen über Mountainbiker Themen in den Gemeinderäten von Oberstenfeld, Großbottwar und Beilstein. Es soll deshalb Runde Tische geben.“

Verein will mithelfen

Auch für den Gerlinger Stadtwald sehe er eine „große Chance“, der Einschätzung schloss sich Bürgermeister Dirk Oestringer an. Er bestätigte die Zunahme der Probleme aus eigener Erfahrung, vor allem seit der Corona-Zeit. Ähnlich äußerte sich Petra Bischoff (Freie Wähler), die sich zuletzt öfters habe quasi entschuldigen müssen, dass sie zu Fuß auf kleinen Waldwegen unterwegs sei. „Das ist eine erschreckende Beschreibung, die wir gehört haben“, sagte SPD-Rätin Barbara Günther, die sich angesichts der Entwicklung im Bottwartal aber zuversichtlich zeigte, ebenso wie Thomas Fauser, obwohl seine CDU-Fraktion vor zwei Jahren noch gegen ähnliche Pläne gewesen sei. Doch der Druck sei immer größer geworden, deshalb die geänderte Haltung. Er schlug einen zweijährigen Probelauf vor. Sollte das Miteinander im Wald nicht funktionieren, könnte der Trail dann wieder geschlossen werden. Nill ist aber gegen eine Befristung. Vieles müsse sich erst einspielen – und wenn es wirklich nicht laufe, könnte man schon früher einen Schlussstrich ziehen. Darauf hofft aber natürlich keiner.

„Auch unser Ziel ist ein friedliches Miteinander, der Wald ist ja für uns alle da“, sagte Benedikt Herré, Vorsitzender des MTB Stuttgart, im Gespräch mit unserer Zeitung. In der Landeshauptstadt sei sein Verein in einem ähnlichen Prozess wie nun in Gerlingen involviert, ebenso in weiteren Orten – „das ist eine gewaltige Aufgabe“. Zwei Jahre Dauer bis zur Umsetzung sei dafür durchaus realistisch, so seine Einschätzung – und am Ende vielleicht noch nicht alles abgeschlossen, weil nachgebessert werden müsse. Der Verein sei aber bereit, die Verantwortung zu übernehmen, sei es für den Trailbau, wenn es mit vorhandenen Wegen nicht funktioniere, aber auch für die Pflege. In dem Zusammenhang sei auch geplant, eine Unterorganisation in Gerlingen zu gründen, zumal man eh schon einige Mitglieder aus der Stadt habe, so Herré. Diese wie alle übrigen Aktive im MTB wollen aber auch eines sein: Vorbild. Denn klar ist, dass es immer einen gewissen Prozentsatz an Menschen gebe, der sich nicht an Regeln halte. Man hoffe da aber auf entsprechenden sozialen Druck.

Das gelte auch mit Blick auf die „baulichen Anlagen“, sogenannte Kicker, die je nach Geschwindigkeit wie eine Schanze funktionieren und das Fahren attraktiver machen. Dabei könne es aber Stürze geben, oder ein zufällig vorbeikommender Fahrer von dem plötzlich auftauchenden Hindernis überrascht werden. Waldbesitzer hätten das Problem, dass sie von der Versicherung des Verunglückten herangezogen werden können. Das sei ein „rechtlicher Graubereich“, so Benedikt Herré. Die Frage der Haftung hatte auch die Gerlinger Stadträte umgetrieben. Doch hier diente die Gemeinde Oberstenfeld ebenfalls als Vorbild. Dort sei klar gewesen, dass es nur funktioniere, wenn bauliche Anlagen verboten sind, so Michael Nill. Er wie auch Herré zeigten sich aber überzeugt, dass sich auch dieses Thema einvernehmlich lösen lasse. „Der große Wille ist ja da“, so Herré.

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