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Bühne
Verschränkt und verloren

Psychische Verwirrung: Boris Godunow (Adam Palka) mit Chor.Foto: Matthias Baus
Psychische Verwirrung: Boris Godunow (Adam Palka) mit Chor.Foto: Matthias Baus
Das „Boris“-Musiktheater von Mussorgsky und Sergej Newski in der Stuttgarter Oper

Stuttgart. Empörte Buhs und langsam anschwellender Applaus: Am Ende von fast vier Stunden vielschichtigem Musiktheater mit visueller Überflutung reagierte das Publikum in der Stuttgarter Oper spontan kontrovers. Erst als der schwarze Vorhang wieder hochging und sich der fantastische Chor und die 16 (!) Gesangssolisten präsentierten, galt ihnen einhelliger Beifall für eine großartige Ensembleleistung. Die Bravos verdiente sich auch Titus Engel, der das Staatsorchester wirkungsvoll durch die gegensätzlichen Klangwelten von Mussorgskys „Boris Godunow“ und Sergej Newskis Zwischenszenen der „Secondhand-Zeit“ führte. Als dann das zehnköpfige Regieteam auf die Bühne geholt wurde, gab es erneute Buhs.

Die äußere Handlung von Mussorgskys musikalischem Volksdrama über einen russischen Zaren an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert ist schnell erzählt: Der Bojar Boris wird vom unterdrückten Volk als neuer Zar bejubelt, während ein junger Mönch in einem fernen Kloster den Entschluss fasst, sich für den angeblich ermordeten Zarewitsch Dmitri auszugeben und Boris vom Thron zu stürzen. Auf dem Weg nach Moskau kann der falsche Dmitri seinen Häschern entfliehen, im Kreml bringt die Nachricht von seiner Wiederkehr den Zaren in innere Bedrängnis: Sein Gewissen ist konfrontiert mit seiner Verantwortung am Tod des Zarewitsch. Das Volk wird Zeuge seiner psychischen Verwirrung und gerät in Aufruhr, Boris stirbt an seiner Schuld.

Ins Ghetto von Minsk deportiert

In Stuttgart wird die Urfassung der Oper von 1869 gespielt, verschränkt mit Sergej Newskis zwischen Gesang und Rezitation wechselnden Szenen mit Zeitzeugen der weißrussischen Dichterin Swetlana Alexijewitsch aus der postsowjetischen Gegenwart. Allein diese Struktur des „Boris“-Musiktheaters verlangt vom Zuschauer viel Verstand und Einfühlungsvermögen, obwohl Newski seine Intermezzi thematisch und musikalisch geschickt in die vier Mussorgsky-Akte montiert. In den auf Deutsch dargebotenen Monologen wechselt zum Beispiel der Bariton Elmar Gilbertsson vom Mönch Grigori in die Rolle des jüdischen Partisans, der als Kind von den deutschen Besatzern ins Ghetto von Minsk deportiert wurde und als alter Mann über seine Vergangenheit berichtet; auf drei Sänger ist diese Figur in verschiedenen Intermezzi verteilt, weitere fünf Parallelfiguren tauchen auf. Besonders eindrucksvoll treten Maria Theresa Ullrich als „Die Mutter des Selbstmörders“ und Stine Marie Fischer als „Die Frau des Kollaborateurs“ in Erscheinung. Grandios in den Hauptrollen der Mussorgsky-Oper agieren der mit mächtigem Volumen auftrumpfende Adam Palka (Boris) und der ebenso bassgewaltige Goran Juric (Pimen), Matthis Klink mit tenoraler Intensität als zwielichtiger Schuiski und das Opernstudio-Mitglied Carina Schmieger als Zarentochter Xenia.

Penetrant und häufig überladen ist der Videoanteil dieser Produktion. Während die Drehbühne von Joki Tewes und Jana Findeklee von der archaischen, ölverschmierten Kate zur Treppe der Macht, zur Klosterzelle, aus deren Sarg der Chronist Pimen an Zügeln der Geschichte steigt, zur grotesk mit an Milcheutern hängenden Babuschkas, zu Kreml-Interieurs und am Ende zum Sprech-Melodram an der Rampe wechselt, läuft auf einem darüber gestülpten Video-Fries die Bilderflut der „Secondhand-Zeit“. Von Stalin und Roosevelt und Churchill in Jalta bis zu Chrustschow, Gorbatschow und Putin, von Stukas bis zu umgekehrten Moskauer Stadtkulissen, über die sich Ströme von Blut ergießen, von tanzenden Ballerinenfüßen bis zu vollbandagierten Köpfen wird alles aufgeboten, was nur irgendwie mit Motiven der Bühnenhandlung in Verbindung gebracht werden könnte.

Der Regisseur Paul-Georg Dittrich scheint die Inszenierungsflut von Schlingensief und Frank Castorf gut studiert zu haben, auf jeden Fall scheint ihn beim „Boris“ der sprichwörtliche Horror Vacui, also die Angst vor der Leere, gepackt zu haben. Alles muss bebildert werden, sogar bei Newskis Chor-Prolog (über Lautsprecher) quält sich ein schlammverklebtes Pelikanküken im bühnenportalgroßen Reptilauge auf der Leinwand, und nach der Pause schaut man zwei Gesichtern minutenlang beim Bepflastern ihrer schönen Wangen zu, was auch Protest im Publikum hervorruft. So desavouiert sich der interessante konzeptuelle Ansatz des Stuttgarter „Boris“ selbst.

Info: Die nächsten Vorstellungen gibt es am 7., 16. und 23. Februar.