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Abschied

Volker Godel tritt nach 24 Jahren ab

24 Jahre lang war Volker Godel Bürgermeister in Ingersheim. Am Dienstag leitete er seine letzte Gemeinderatssitzung, am heutigen Donnerstag hat er in seiner letzten Amtshandlung noch zwei Unterschriften beim Notar zu leisten. Sein Abschiedsschmerz wird groß sein. „Es fällt schwer, nach einer solch langen Zeit loslassen zu können“, sagt der scheidende Schultes.

Volker Godel leitete am Dienstag seine letzte Gemeinderatssitzung. Heute hat er seinen letzten Arbeitstag. Foto: Ramona Theiss
Volker Godel leitete am Dienstag seine letzte Gemeinderatssitzung. Heute hat er seinen letzten Arbeitstag. Foto: Ramona Theiss

Ingersheim/Freiberg. Es war um 22 Uhr, als Volker Godel am Ende der Gemeinderatssitzung zu seiner letzten, halbstündigen Rede ansetzte. Zuvor hatten ihn Mitglieder des Gremiums unter Federführung von Hanne Hallmann (Freie Wähler) mit Präsenten und einem gut 20-minütigen Film überrascht. Er zeigte zahlreiche Weggefährten Godels von Landrat Dietmar Allgaier bis zum Bundestagsabgeordneten und Landesvorsitzendem der FDP Michael Theurer. Weil es für Godel wegen der Coronakrise keine Abschiedsfeier gibt, übermittelten sie ihre Grüße per Video.

Der scheidende Bürgermeister blickte auf seine 24-jährige Amtszeit zurück, lobte die Verwaltungsangestellten und appellierte an seine Nachfolgerin Simone Haist und den Gemeinderat, diese „zu fordern und zu pflegen“. Er bereue nichts, was er, Verwaltung und Gemeinderat gemeinsam erreicht haben und kündigte an, sich „völlig aus dem öffentlichen Leben“ zurückziehen zu wollen. „Mal sehen, was in ein paar Jahren ist“, sagte er.

Bis zum letzten Arbeitstag seiner Amtszeit, die offiziell am morgigen 1. Mai endet, ging Volker Godel ins Rathaus, um zu arbeiten. Dabei hätte der 59-Jährige, der aus gesundheitlichen Gründen seinen Posten zur Verfügung gestellt hatte, schon seit 1. März nicht mehr ins Büro gehen müssen. Doch auf die vielen Urlaubstage hat er verzichtet, um die Geschäfte am Laufen zu halten. Das verwundert nicht, schließlich war der FDP-Mann Bürgermeister mit Leib und Seele. Als er sich mit 35 Jahren für diesen Beruf entschied, lockten ihn die Gestaltungsmöglichkeiten, die man als Bürgermeister hat. „Ich wollte mit Menschen zusammenarbeiten und gemeinschaftlich mit der Verwaltung, dem Gemeinderat und einer engagierten Bürgerschaft Dinge gestalten. Das habe ich in Ingersheim gefunden, wofür ich sehr dankbar bin“, sagte Volker Godel im Gespräch mit unserer Zeitung.

Eine Beurteilung seiner Amtszeit lehnt er ab. Das obliege der Bevölkerung. Dennoch lässt er sich zu einem Rückblick hinreißen und zählt einige Meilensteine seiner vergangenen drei Amtszeiten auf. Da waren das Lkw-Durchfahrtsverbot und Tempo 30 in der Ortsdurchfahrt, das er als Erfolg bewertet. Für eine Verbindung der Landesstraßen 1125 von Bietigheim-Bissingen kommend und der L.1113 von Freiberg her seien die Weichen gestellt. „Sie wird eine spürbare Entlastung bringen“, so Godel. Auch der Ausbau der Kinderbetreuung sei auf einem guten Stand. Als eine der ersten Kommunen im Kreis habe Ingersheim vor rund 15 Jahren die Ganztagesbetreuung eingeführt. Eine ganz besondere Errungenschaft sei die Residenz Ingersheim der Evangelischen Heimstiftung, die 32 Pflegewohnungen, eine Tagespflege, einen Bewohnertreff, eine zweigruppige Kindertagesstätte und eine Begegnungsstätte der Gemeinde unter einem Dach vereint. „Das ist ein Novum im Landkreis“, sagt der Noch-Schultes. Die Einrichtung wird im Sommer in Betrieb gehen; der Tag der offenen Tür am kommenden Sonntag musste coronabedingt abgesagt werden.

Stolz ist Godel auch auf das Biotopvernetzungskonzept, das 2019 auf die Beine gestellt wurde, das Windrad, das „gegen großen Widerstand“ realisiert werden konnte, und die Veranstaltungsreihe Kultur im Schloss, in der von Schwoißfuaß bis Christoph Sonntag schon viele namhafte Künstler aufgetreten sind. Die Unterstützung der Vereinsarbeit sei ihm immer wichtig gewesen, sagte Godel und erinnerte nebenbei daran, dass in jeder seiner drei Amtszeiten ein Fußballfeld gebaut wurde. Nicht zuletzt zählte er auch die kommunale Sozialstation auf, die von anfangs zwei auf mittlerweile 24 Mitarbeiter ausgebaut wurde.

Als äußerst positiv empfand Volker Godel in den vergangenen 24 Jahren „die menschlichen Beziehungen mit der Verwaltung, den Vereinen, der Schule, den Pfarrern und mit einem Großteil des Gemeinderats – das wird mir fehlen“.

Dabei waren es durchaus auch diverse negative Erfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich, die dem 59-Jährigen zugesetzt haben. „Auf persönliche Vorwürfe unter der Gürtellinie – vor allem in der Diskussion um das Windrad – hätte ich gut und gerne verzichten können“, erinnerte sich Godel. Gleiches gelte auch für Leute, die nur eigene Interessen verfolgen. „Eine solche Entwicklung ist auch in Teilen des Gemeinderats zu sehen, wo versucht wird, nicht mehr das Große und Ganze zu sehen, sondern Sand ins Getriebe der anderen zu streuen“, bedauert Volker Godel.

Seine Nachfolgerin Simone Haist – sie wird am Dienstag, 5. Mai, um 18 Uhr offiziell ins Amt eingesetzt – übernehme die Verwaltung in einer schwierigen Zeit, sagte Godel und meinte damit die finanziell noch nicht absehbaren Folgen der Coronakrise. Aufgrund der Beteiligung an den Kosten der Freiberger Oscar-Paret-Schule in Höhe von über drei Millionen Euro sei die finanzielle Situation der Gemeinde ohnehin angespannt. Es sei abzuwarten, wie sich die Einnahme- und Ausgabesituation im Haushalt niederschlägt. „In einer solchen Situation übergibt man den Stab nicht sehr gern“, sagte Godel.

Eine Abschiedsfeier wird es für den scheidenden Bürgermeister nicht geben, sie hätte gestern Abend im großem Rahmen stattgefunden, wurde aber bereits Mitte März abgesagt. „Das ist konsequent und richtig, auch wenn ich mich sehr darüber gefreut hätte“, sagte Godel, der eine Feier zu einem späteren Zeitpunkt ablehnt. „Dann wäre der zeitliche Zusammenhang nicht mehr gegeben.“

Nach einer ambulanten Reha in Bietigheim-Bissingen wegen eines erkrankten Hüftgelenks werde man ihn im bevorstehenden Sommer vorwiegend bei Pflegearbeiten auf seinen Streuobstwiesen finden. Volker Godel: „Ich werde Traktor und Motorrad fahren – das ist für mich essenziell.“

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