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VVS wird 47 Problemzonen los

Um die Tarifreform des VVS, ihre Auswirkungen auf die Fahrgäste, aber auch auf die Kassen der öffentlichen Hand ging es bei einem Informationsabend unter der Überschrift „Verkehrswende – Was tun gegen Stress, Staus und dicke Luft?“

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Die Tarifreform des VVS greift ab dem kommenden Frühjahr und soll mehr Fahrgäste zum Umstieg auf S-Bahn und Bus bewegen.Archivfoto

Marbach. Man kennt das: An Weihnachten lassen viele Menschen gerne mal fünfe gerade sein, und die durch Lebkuchen, Christstollen und andere Leckereien einverleibten Kalorien schlagen sich sogleich auf den Problemzonen nieder. Im Fall des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) aber summierten sich die Häppchen im Lauf der Jahre nicht nur zu Speckröllchen, sondern zu einem ausgewachsenen Rettungsring. 52 verschiedene Zonen führten zu einem undurchschaubaren Tarifdickicht und manchen Ungerechtigkeiten für die Fahrgäste.

Doch jetzt soll alles besser werden: Mit der im April 2019 in Kraft tretenden Tarifreform werden die 52 Tarifzonen zu fünf Ringen zusammengefasst. „Damit werden wir 47 Problemzonen los“, sagte VVS-Geschäftsführer Thomas Hachenberger, als er am Donnerstagabend auf Einladung des Grünen-Landtagsabgeordneten Daniel Renkonen im Schlosskeller über aktuelle Entwicklungen im regionalen Nahverkehr berichtete.

Tatsächlich ergeben sich für viele Fahrgäste Verbesserungen, zum Teil auch im Landkreis Ludwigsburg. Pendler beispielsweise, die täglich von Vaihingen nach Stuttgart fahren, müssen für ihr Jahresticket ab April nicht mehr 1960 Euro, sondern nur noch 1430 Euro zahlen – eine satte Ersparnis von 27 Prozent. Wer zwischen Ludwigsburg und Esslingen pendelt, bekommt ein Jahresticket nach der Tarifreform für 865 Euro und spart sogar 40 Prozent. Stark profitieren auch die Affalterbacher: Wer von hier aus in die Landeshauptstadt fährt, passiert künftig zwei Zonen weniger.

Diese Entlastungen kosten natürlich Geld, der VVS rechnet mit jährlichen Mindereinnahmen von 42 Millionen Euro. Das Land Baden-Württemberg finanziert einen Teil dieser Ausfälle, allerdings nur über einen Zeitraum von sechs Jahren. „Danach müssen es die Landkreise stemmen“, sagte Hachenberger.

Dabei sei mit erheblichen Beträgen zu rechnen, alleine auf den Landkreis Ludwigsburg kämen nach Wegfall der Landeszuschüsse dauerhaft Mehrkosten von fünf bis sechs Millionen Euro im Jahr zu. Seien die Landkreise nicht zu dieser zusätzlichen Subvention bereit, „müssen wir uns das Geld von den Fahrgästen holen“, so Hachenberger.

Das 2013 beschlossene Gesetz zur Förderung des Klimaschutzes in Baden-Württemberg sah vor, den CO-Ausstoß im Südwesten bis 2020 (im Vergleich zu 1990) um 25 Prozent zu reduzieren. „Dieses Ziel werden wir krachend verfehlen“, sagte der Landtagsabgeordnete Renkonen. Alleine im Kreis Ludwigsburg sind rund 330 000 Fahrzeuge zugelassen, Tendenz steigend. Nur der Ausbau des Nahverkehrs könnte verhindern, dass die Landesregierung bei ihren Klimaschutzzielen noch weiter ins Hintertreffen gerät.

Doch der Verband Region Stuttgart (VRS) unterstütze die im Landkreis diskutierten Infrastrukturprojekte eher halbherzig. Im Regionalplan sei lediglich eine Erweiterung der S-Bahn-Linie 5 von Bietigheim nach Kirchheim mit mittlerem Bedarf verzeichnet, so Hachenberger. „Die Stadtbahn Ludwigsburg, die Anbindung von Bosch in Schwieberdingen und die Bottwartalbahn sind nicht im dringlichen Bereich.“

Renkonen sieht aber auch Hoffnungsschimmer. Er geht davon aus, dass der Nahverkehr schon im nächsten Jahr durch die dann eingeführten Metropolexpresszüge und neue, mit Klimaanlagen und WLAN ausgestatteten Waggons attraktiver wird. Auch die Verdichtung des S-Bahn-Takts auf 15 Minuten bis 2021 und neue Expressbuslinien sollen Anreize bieten, auf Bus und Bahn umzusteigen.

Der Fokus dürfe sich aber nicht alleine auf den Nahverkehr richten, betonte Renkonen. Viele Kommunen hätten in den vergangenen Jahrzehnten eine völlig falsche, weil ausschließlich auf das Auto ausgerichtete Stadtplanung betrieben. Parallel zum Ausbau der Infrastruktur müssten sich die Rahmenbedingungen in den Innenstädten verändern. „Wir werden auch über mehr Parkgebühren und die Verknappung von Parkraum nachdenken müssen“, meinte der Grünen-Landtagsabgeordnete.