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Wildtiere
Waschbär breitet sich weiter aus

Da guckt selbst die Katze blöd aus der Wäsche: Ein Waschbär labt sich wahrscheinlich an ihrer Trinkstelle. Das Foto hat unser Leser Alexander Kern aus Steinheim aufgenommen. Foto: privat
Da guckt selbst die Katze blöd aus der Wäsche: Ein Waschbär labt sich wahrscheinlich an ihrer Trinkstelle. Das Foto hat unser Leser Alexander Kern aus Steinheim aufgenommen. Foto: privat
„Ach wie niedlich“, ist bei vielen der erste Gedanke, wenn sie einen Waschbären sehen. Nicht mehr ganz so groß ist die Freude, wenn er auf dem heimischen Dachboden gewütet hat. Da der Waschbär sich zunehmend ausbreitet, darf er auch gejagt werden – aber nur mit Genehmigung.

Kreis Ludwigsburg. Der Fall des toten Waschbären in Affalterbach im September hatte für Aufregung gesorgt: Das Tier war nahe eines Waldes am Ortsrand entdeckt worden. Es steckte mit seiner Vorderpfote in einer Schlagfalle und musste wegen seines entzündeten Beins eingeschläfert werden. Die Tierschutzorganisation Peta erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, mutmaßlich war die Falle illegal aufgestellt worden. Das Töten von Waschbären ist zwar gesetzlich erlaubt, aber es braucht eine Ausnahmegenehmigung.

„Der Waschbär breitet sich von Südosten aus und ist wahrscheinlich vom Rems- und Neckartal eingewandert“, so Michael Zerrweck, Wildtierbeauftragter des Landkreises Ludwigsburg. Im Landkreis ist er eher im südöstlichen Bereich zu finden – in der Umgebung von Kornwestheim und Remseck bis nach Großbottwar, weniger im Stromberg. Im Hardtwald ist der Waschbär schon lange heimisch, weiß auch Volker Schiele, Leiter des Hegeringes Hardtwald.

Rund 50 Stück wurden in den vergangenen zwei Jahren jeweils gesichtet, dieses Jahr dürften es noch mehr sein. „Man muss die Jagdsaison abwarten, aber ich bekomme mehr Anrufe wegen der Bären“, berichtet Schiele. Häufiger auch direkt aus den Ortschaften – in Steinheim gebe es einige, auch in Gronau. Besonders wohl fühlt sich das Tier an Gewässern: Zum einen fischt der Waschbär hier seine Nahrung, zum anderen wäscht er sie, daher der Name. Tagsüber schlafen die possierlichen Tierchen in Baumkronen, nachts machen sie sich auf Futtersuche. Würmer, Lurche, Kröten, Frösche, aber auch Vögel frisst der Waschbär. Auf seiner Futtersuche kommt er inzwischen auch in die Städte, im Müll findet sich immer der eine oder andere Leckerbissen. Umgeworfene Mülleimer und herausgerissene Blumen hinterlässt er als Spuren. Manchen bringt er auch um den Schlaf: Er hat Pfoten wie Hände, mit denen er zum Beispiel Dachziegel anheben und in den Dachboden schlüpfen kann. So hauste er zum Beispiel auch bei den Theaterfreunden in der Dorfbühne Wolfsölden. „Seine Pfoten sind richtige Werkzeuge, er überlebt sehr gut“, betont Zerrweck.

Deshalb darf der Waschbär auch bejagt werden: Er gilt als Neozoon. Der in ganz Mitteleuropa eingebürgerte Kleinbär stammt ursprünglich aus Nord- bis Mittelamerika. Er ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Pelztierzüchter eingeschleppt worden und hat sich dank seiner Intelligenz und Anpassungsfähigkeit in Deutschland weit verbreitet, nicht zuletzt auch, weil er bis 1954 unter Schutz stand. Aus den hessischen Pelzfarmen im Raum Kassel büchste er immer wieder aus, weshalb die Stadt als eine Hochburg gilt. Von dort hat er sich auch nach Baden-Württemberg ausgebreitet. Bislang war er im Remstal weit verbreitet.

Heute gilt der Waschbär als sogenannte invasive Art und als Gefahr für das heimische Ökosystem. Seit 2016 steht er auf der Liste über invasive gebietsfremde Arten nach der EU-Verordnung. Gelistet sind aktuell 66 Tier- und Pflanzenarten wie Götterbaum, Riesenbärenklau, Drüsiges Springkraut, Nutria, Bisamratte, Nilgans oder Marmorkrebs. Je mehr der Waschbär sich vermehrt, umso mehr wird er zur Gefahr für einheimische Tierarten. Als Nesträuber räumt er die Nester von Singvögeln oder die Kobel von Eichhörnchen aus. Auch die Gelege von Rebhühnern und Feldhasen verspeist er.

Da er anpassungsfähig ist und viel kann, wie klettern oder sich klein machen, kommt er überall gut zurecht, seine natürlichen Feinde wie Adler oder Wolf sind nahezu ausgestorben. So breitet er sich immer weiter aus.

Um dies einzudämmen, darf er bejagt werden. „Man sieht die sich abzeichnenden Konflikte in Städten und Gemeinden“, begründet Zerrweck. Die Jagdzeit ist von Juli bis Mitte Februar begrenzt, Jungtiere dürfen das ganze Jahr gejagt werden. Aber eben nur von Experten. „Man braucht die Sachkunde“, betont Zerrweck. Der Waschbär wird mit großen Lebendjagdfallen in Kastenform gejagt. Diese dürfen nur von Stadtjägern und anerkannten Wildtierschützen aufgestellt werden. Als Lockmittel werden Fisch, süßer Mais oder Gummibärchen eingesetzt. „Es soll so tierschutzgerecht wie möglich sein“, so Zerrweck.

Wenn man auf einem privaten Grundstück eine Falle aufstellen will, braucht es eine Ausnahmegenehmigung der unteren Jagdbehörde. In der Regel informiert diese einen Wildtierbeauftragten. „Man muss aber schon den Nachweis erbringen, entweder Aufnahmen einer Wildtierkamera oder Spuren“, so Zerrweck. Danach werden die Tiere erschossen, auch wenn dies für viele hart klingt. Der Bär ist schließlich ein possierliches Tierchen, „aber es ist falsch verstandene Tierliebe, wenn man ihn auch noch füttert und erst recht in die Wohngebiete lockt“, so Volker Schiele.

Die gleichen Spielregeln gelten übrigens für Marder. „Die Schäden, die er hinterlässt, sind noch größer“, so Zerrweck, zum Beispiel an Autos. Füchse indes sind weniger ein Thema. „Sie finden sich immer noch in Städten, aber da hat sich schon ein gewisser Gewöhnungseffekt eingestellt“, sagt Zerrweck.

„Man sieht die sich abzeichnenden Konflikte in Städten und Gemeinden.“

Michael Zerrweck
Wildtierbeauftragter