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Interview

„Weihnachten gibt Hoffnung in der Pandemie“

Der evangelische Dekan Dr. Ekkehard Graf (Marbach) und sein katholischer Kollege Alexander König (Ludwigsburg) sehen in Weihnachten ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes in Zeiten der Pandemie.

Der Christbaum in der Marbacher Stadtkirche ist für die Weihnachtsgottesdienste festlich geschmückt. Foto: Holm Wolschendorf
Der Christbaum in der Marbacher Stadtkirche ist für die Weihnachtsgottesdienste festlich geschmückt. Foto: Holm Wolschendorf
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Kreis Ludwigsburg. Wie werden Sie heute den Heiligen Abend feiern?

Ekkehard Graf: Ich werde zunächst am Nachmittag und Abend zwei Gottesdienste feiern und dann am Abend mit meiner Frau gemütlich zusammen sein. Alexander König: Ab 14 Uhr bin ich in unserer „offenen Kirche“, da wir kein Krippenspiel haben. Unser Krippenspielteam hat eine Weihnachtsgeschichte mit Fotos von Kindern zusammengestellt, die als Hirten und Engel verkleidet sind. Anschließend leite ich zusammen mit Dekan Zimmermann den ökumenischen Gottesdienst auf dem Ditzinger Marktplatz. Am Abend werde ich viel telefonieren und zum Abschluss die Christmette feiern.

Sind Gottesdienste in Zeiten des Lockdowns überhaupt sicher? Welche Vorkehrungen haben Sie getroffen, um das Infektionsrisiko zu verringern?

König: Wir haben einen Hygieneplan mit Desinfektionsspendern, Abstand in den Kirchenbänken und einer Höchstzahl an Teilnehmern. Jeder muss sich vorher online anmelden. Deshalb wird es auch keine Schlangen vor den Kirchen geben.

Graf: Bei uns gilt sogar ein Mindestabstand von zwei Metern. Da wir diese Regeln schon seit Mai befolgen, vertraut uns auch die Landesregierung an Weihnachten. Es gab bislang noch in keinem evangelischen oder katholischen Gottesdienst bei uns eine Coronainfektion.

Dennoch haben sich zahlreiche Gemeinden entschlossen, die Weihnachtsgottesdienste abzusagen. Warum gibt es hier keine einheitliche Linie?

Graf: Bei uns herrscht da die evangelische Freiheit. Prinzipiell wird seitens der Kirchenleitung empfohlen, Präsenzgottesdienste zu feiern. Aber wo Kirchengemeinderatsgremien vor Ort große Bedenken haben, können sie auch darauf verzichten und in virtuelle Formate wechseln. Ich selbst als Dekan ermutige die Gremien, die am Überlegen sind, Gottesdienste anzubieten, denn die Entscheidung kann jeder Einzelne für sich treffen, ob der Besuch persönlich ratsam ist oder nicht. Aber das Angebot soll es geben, dafür hatte sich ja auch die Politik starkgemacht!

König: Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat am 15. Dezember einen Pandemiestufenplan herausgegeben, der nebeneinander Regeln für verschiedene Szenarien festlegt. So gilt während des Lockdowns eine Obergrenze von 200 Personen bei Gottesdiensten. Wenn aber in einem Landkreis die 7-Tage-Inzidenz über 300 Infizierten liegt, dürfen keine Präsenzgottesdienste stattfinden, das ist in Heilbronn und Pforzheim im Moment der Fall.

Würden Sie Ihren eigenen Eltern raten, an Weihnachten einen Gottesdienst zu besuchen?

König: Ja, meine Eltern, beide Mitte 80, besuchen am 2. Weihnachtsfeiertag meinen Gottesdienst. Ich mache mir, trotz ihres Alters, keine Sorgen.

Graf: Auch meine Eltern sind über 80. Sie werden an ihrem Wohnort an Heiligabend in die Kirche gehen und mich am 27. Dezember in meinem Gottesdienst besuchen und anschließend mit uns feiern.

Kein Gesang, gemurmelte Gebete, kein Friedensgruß. Wie soll da überhaupt eine festliche Stimmung aufkommen?

Graf: Orgelmusik, strahlender Christbaum, die Weihnachtsbotschaft und die festlichen Weihnachtslieder werden erklingen, von einer kleinen Gesangsgruppe. Da kommt sehr viel „passives Weihnachtsfeeling“ auf.

König: Vielleicht wird es sogar ein besonders bewegtes Weihnachten, viel emotionaler – nach allem, was wir hinter uns haben.

In Baden empfiehlt die Landeskirche ab einer Inzidenz von 200 Neuinfektionen digitale Angeboten oder Hausgottesdienste. Werden Sie selbst auch so einen Hybridgottesdienst anbieten und was halten Sie von diesen Formaten?

König: Wir haben uns gegen Onlinegottesdienste entschieden. Die TV-Sender bieten viele ansprechende Weihnachtsgottesdienste an. Diesen technischen Aufwand können wir in unseren Kirchengemeinden nicht toppen. Jede Familie hat ihr Ritual. Kerzen werden entzündet, Musik wird gespielt. Die werden in diesem Jahr sicher bewusster gepflegt. Und dazu gehören sicher auch Hausgottesdienste.

Graf: Ich bin begeistert von den vielen Möglichkeiten, die derzeit entwickelt werden. Neben Präsenz-, Haus-, oder Onlinegottesdiensten werden Weihnachtsstationen im Ort angeboten sowie Open-Air-Gottesdienste. Wir in Marbach zeichnen im Vorfeld auch einen Gottesdienst auf, der an Weihnachten online übetragen wird. Eine Anleitung für Hausgottesdienste kann man sich leicht bei uns herunterladen. Die Vielfalt ist so groß wie nie. Wer will, der kann Heiligabend feiern.

Weihnachten, das ist ein Fest der Familie. Durch den Lockdown können die Familien aber nicht wie gewohnt zusammenkommen. Was raten Sie, wie sie Weihnachten feiern sollten?

König: Natürlich sollten die Menschen zu Hause bleiben und in aller Ruhe mit der Familie feiern – eben denen, die auch zu Hause sind. Eltern oder Großeltern freuen sich auch über einen Anruf.

Graf: Die Besuche kann man aufteilen und gut überlegen, wo es wirklich Sinn macht. Wir werden in ganz kleinen „Häppchen“ mit unseren engsten Angehörigen feiern.

Corona führt zu Isolation, vor allem alte Menschen, aber auch viele Singles müssen alleine feiern. Wie kann dieser Einsamkeit gerade an Heiligabend begegnet werden?

Graf: Whatsappen – so viel wie möglich. Sich bewusst Zeit nehmen, mal seine ganze Adressliste durchzuschauen und die Freunde zu kontaktieren. Ich werbe schon seit Wochen dafür, dass die Menschen öfter zum Telefonhörer greifen und Menschen anrufen, die alleine sind.

König: Viele ältere Menschen sind seit Jahren schon alleine. Aber sie leben damit. Nicht nur zu Weihnachten sollte man seine Kontakte pflegen.

Welche Botschaft kann Weihnachten in Zeiten von Corona senden?

Graf: Gott lässt uns nicht alleine. Jesus würde auch unter Coronabedingungen in diese Welt kommen und diese Herausforderung mit uns teilen. Er wäre mit uns mittendrin.

König: Wir haben seit dem ersten Weihnachten die Perspektive vom ewigen Leben. Das ist der Trost in der Angst. Wir haben die Aussicht auf ein Wiedersehen nach dem Tod und es gibt ein Leben über dieses Leben hinaus.

Graf: Wir haben Hoffnung über den Tod hinaus – und das ist gerade jetzt, da so viele Menschen sterben, enorm wichtig.

Die Einschränkungen durch die Pandemie haben viele Menschen schon sehr müde gemacht. Viele fühlen sich ausgelaugt. Wie kann der Glaube in diesen Momenten der Verzweiflung helfen?

Graf: Viele Menschen tanken durch kleine Zeichen viel Zuversicht. Ich sende Hoffnungsworte in eine Whatsapp-Gruppe. Oft helfen kleine Botschaften über die Verzweiflung hinweg.

König: Ja, Corona zehrt an den Nerven. Wir sind dünnhäutiger. Aber alle Mühen lohnen sich. Vielleicht nicht sofort. Aber sicher in der Zukunft. Es geht dabei nicht nur um einen selbst. Wir tragen die Maske ja auch nicht, um uns selbst zu schützen, sondern um die anderen zu schützen. Wenn alle die Maske tragen, sind alle geschützt.

Wie nie zuvor werden unsere Freiheiten eingeschränkt. Die Ausgangssperre wird polizeilich überwacht. Wer an Weihnachten mit zu vielen Menschen feiert, riskiert ein Bußgeld. Wie lange hält eine Gesellschaft solche Restriktionen aus?

König: Ewig hält die Gesellschaft das nicht aus. So verstehe ich auch die Bemühungen unserer Politik. Wir brauchen abseits der Hygiene- und Abstandsregeln auch einen Hoffnungsanker. Und das ist Weihnachten.

GRAF: Ganz scharfe Restriktionen haben wir erst seit einer Woche. Die allermeisten Menschen tragen diese Einschränkungen mit. Niemand mit Begeisterung. Aber mit der Hoffnung, dass es danach besser wird.

Auch wirtschaftlich trifft die Pandemie viele Branchen hart. Der Verlust von Jobs droht, Menschen bangen nicht nur um ihre Gesundheit, sondern auch um ihre Existenz. Was sagen Sie der Bedienung, der Verkäuferin, die wegen des Lockdowns ihre Arbeit verliert?

König: Das ist eine ganz schwierige Situation. Denken Sie nur an die Gastronomie, die sich so sehr um Hygienemaßnahmen bemüht hat. Ich habe dafür kein Patentrezept. Aber wir brauchen diese Menschen. Ob in ihrem angestammten Job oder in einem neuen.

GRAF: Gerade die Selbstständigen und Künstler leiden massiv unter den Maßnahmen. Aber durch die staatlichen Hilfen werden zum Glück nur wenige komplett aufgeben müssen.

Rückt wegen der Pandemie der Kommerz an Weihnachten in den Hintergrund?

KÖNIG: Das glaube ich nicht. Sehr viel wird über das Internet gekauft. Aber: Wenn ich dieses Jahr Plätzchen geschenkt bekomme, dann sind die dieses Jahr besonders lecker. Viele mache es sich ganz bewusst schön.

Graf: Es ist doch schön, dass wir uns an Weihnachten gegenseitig beschenken und eine Freude machen. Damit sollte die Freude über die Geburt von Jesus Christus ja ursprünglich auch ausgedrückt werden.

In den vergangenen Tagen ist die Zahl der Opfer der Pandemie erneut in die Höhe geschossen. Wie erleben Sie die Situation in den Pflegeheimen und Kliniken?

König: Die Angst ist riesengroß. Alle Altenheime, die ich seelsorgerisch betreue, haben bis zu 20 Infizierte. Die Pfleger funktionieren, weil sie um ihre Verantwortung wissen, und halten noch durch. Vielleicht ist die Arbeit, das Funktionieren aber auch die einzige Möglichkeit, mit der Angst umzugehen.

Graf: Die Pflegekräfte sind körperlich und mental am Anschlag – oder sogar weit darüber hinaus. Das macht mir Sorge und ich bete regelmäßig für sie.

In manchen Bundesländern werden Ärzte schon mit der Frage konfrontiert, wen sie an ein Beatmungsgerät anschließen und wer sterben muss. Wie steht die Kirche zur Triage und wie kann man Ärzte unterstützen, die eine solche schwerwiegende Entscheidung treffen müssen?

König: Die Ärzte haben sich darauf vorbereitet. Schon alleine vor dem Hintergrund der schrecklichen Bilder aus Bergamo im Frühjahr. Ärzte müssen auch ohne Corona entscheiden, wie weit ein Patient noch behandelt wird.

Graf: Ich bin in der Feuerwehr- und in der Notfallseelsorge aktiv. Bei einem schlimmen Unfall mit vielen Verletzten muss genau so agiert werden wie jetzt in der Pandemie. Das muss, so schlimm und belastend es ist, pragmatisch entschieden werden, so dass möglichst viele Menschenleben gerettet werden.

Wer an Covid-19 stirbt, stirbt meist einen einsamen Tod. Die Angehörigen können einen nicht begleiten, ein echter Abschied ist kaum möglich. Was sagen Sie den Hinterbliebenen, wie können Sie sie trösten?

Graf: Die Angehörigen müssen sicher sein können, dass alles getan wurde, um das Leben zu retten. Aber es ist ein wichtiger Beitrag der Angehörigen, die Pandemie zu bekämpfen, wenn sie eben nicht im Krankenhaus sind und sich eventuell selbst anstecken.

König: Wir sind im Glauben verbunden. Das ist der Trost, den wir spenden können.

Graf: Unsere Krankenhausseelsorge ist vor Ort. Deshalb muss es kein einsames Sterben sein. Und natürlich müssen wir alles tun, um die Hinterbliebenen in ihrem Schmerz aufzufangen.

Der Lichtblick am Ende des Tunnels, so auch Bundespräsident Steinmeier, ist die bevorstehende Impfung. Lassen Sie sich auch impfen?

König: Ja.

Graf: Selbstverständlich. Ich werde sogar beim Impfen im DRK-Impfzentrum helfen.

Welche Konsequenz sollten die Menschen jetzt zu Weihnachten aus der Pandemie ziehen?

König: Ich erfreue mich an Kleinigkeiten, freue mich über einen farbigen Mundschutz. Oder dass ich bei Sonnenschein meine Weihnachtsbriefe austragen konnte. Wir dürfen Hilfe annehmen und müssen zusammenhalten. Die Pandemie überstehen wir nur, wenn wir Regeln haben und uns daran halten. Wir lernen die Familie neu schätzen und unsere Kontakte und Freunde. Und wir sollten Rituale und Glauben einüben, solange es möglich ist, das merke ich bei Menschen, die schon seit Jahren Weihnachten feiern und wissen, worum es im Glauben geht, sie haben jetzt einen Erfahrungsschatz, aus dem sie leben können.

Graf: Ich staune über die Sensibilität der Politik für dieses wichtige christliche Fest. Weihnachten stand anders als Ostern nie zur Disposition. Ich vermute, dass die Dimension des christlichen Glaubens wieder deutlicher geworden ist – und es nicht nur um Familienfeiern ging. Ich wünsche mir, dass nach Weihnachten der Glaube nicht einfach wieder abgehakt wird, sondern uns 365 Tage lang trägt. Gerade in Zeiten der Pandemie.

Info: Das gesamte Interview als Video unter lkz.de/weihnachtsinterview

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