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Wengerter kommen an die Grenzen

Die Weingenossenschaften in Württemberg rechnen dieses Jahr mit guten Qualitäten, aber überschaubaren Mengen. Das wird Auswirkungen auf Bestände und Preise haben.

Die Hauptlese ist in vollem Gang: Die Wengerter im Landkreis fahren in diesen Tagen ihre (mäßige) Ernte ein. Rechts oben schaut Friedegard Heckendorn ins Refraktometer. Fotos: Alfred Drossel
Die Hauptlese ist in vollem Gang: Die Wengerter im Landkreis fahren in diesen Tagen ihre (mäßige) Ernte ein. Rechts oben schaut Friedegard Heckendorn ins Refraktometer. Foto: Alfred Drossel
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Vaihingen. Die Wengerter im Landkreis Ludwigsburg schwärmen in diesen Tagen mit ihren Helfern aus, um die für sie wichtigsten Rebsorten in die Keller zu bringen: Lemberger, Trollinger und Riesling. Die Burgundertrauben haben sie bereits eingefahren. Was sie auf ihren Flächen sehen, die teils steil über den Neckar und die Enz aufragen, ruft gemischte Gefühle in ihnen hervor. Nach dem Katastrophenjahr 2020, das den Wengertern den kleinsten Jahrgang seit 35 Jahren beschert hat, fällt die Ernte wohl auch 2021 mäßig aus.

Der Präsident des baden-württembergischen Genossenschaftsverbandes, Roman Glaser, geht davon aus, dass sich die Lesemenge bei gut 65 Millionen Litern einpendeln werde – etwa 20 Prozent über dem schwachen Vorjahr, aber rund zehn Prozent unter der Durchschnittsernte. Das sagte Glaser am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in der Lembergerland-Kellerei im Vaihinger Ortsteil Roßwag. Immerhin rechnen die Weingenossen mit sehr guter Qualität trotz Frost, Schadpilzen und Fliegen. „Gerade die Weißweine machen große Freude“, so die Weinfachberaterin Ute Bader. Bei den Roten erwartet sie aber keinen großen Jahrgang.

Wie ist das Weinjahr für die Wengerter gelaufen?

„Sehr herausfordernd und arbeitsreich“, sagt der Präsident Glaser. Auf einen milden Winter folgte ein kühles und nasses Frühjahr mit Frost im April, der massive Schäden in den Weinbergen anrichtete. Steigende Temperaturen im Juni führten dann offenbar zu einer explosiven Rebenentwicklung, die die Weingärtner kaum bewältigen konnten. „Die sehr häufigen Niederschläge taten ihr Übriges“, sagt Bader. Schadpilze führten etwa im Bottwartal, im Weinsberger Tal oder in Hohenlohe zu hohen Ausfällen. „Die Weingärtner kamen dieses Jahr an die Grenzen des körperlich und mental Machbaren.“

Wird der Wein jetzt teurer?

„Das ist unabdingbar“, sagt Uwe Kämpfer, Vorstand der Weingärtner-Zentralgenossenschaft WZG mit Sitz in Möglingen. Er verweist auf die Inflation, die bei 4,1 Prozent liegt, sowie Kostendruck bei Glas und Paletten. Bezogen auf das gesamte Sortiment rechnet er mit Preissteigerungen von vier bis fünf Prozent. „In einzelnen Segmenten könnte der Anstieg gar zweistellig ausfallen“, sagt Christian Kaiser, der Geschäftsführer der Lembergerland-Kellerei.

Das Problem nach Jahren der Trockenheit: Den Weingenossen ist es offenbar nicht gelungen, Bestände aufzubauen. „Wir leben von der Hand in den Mund“, sagt der WZG-Vorstand Kämpfer. „Die Situation ist angespannt.“ Trotzdem gehen die Fachleute davon aus, dass alle Rebsorten durchgängig lieferbar sein werden.

Wie reagieren die Konsumenten?

Im Lebensmitteleinzelhandel ist die Zeit des Wachstums wohl beendet. „Die Rallye ist vorbei“, sagt Kämpfer. Nach dem coronabedingten Höhenflug des vergangenen Jahres gingen die Absätze im zweiten Quartal 2021 um acht Prozent zurück, die Umsätze sanken um 4,5 Prozent. Der Grund: Die Gastronomie ist wieder offen, Weinfeste wieder möglich. „Wir erleben gerade ein Live-Experiment“, sagt der WZG-Vorstand. Er ist gespannt, ob sich das Rad wieder zurückdreht – oder die Menschen in Zukunft weiter Wein verstärkt zu Hause konsumieren werden. Kämpfer: „Die Leute haben während der Pandemie nicht mehr oder weniger Wein getrunken – sie haben das nur an anderer Stelle getan.“

Wer gehört im Handel zu den Gewinnern?

Nach Ansicht der Weingenossen haben sich deutsche Weine besser als die meisten ausländischen entwickelt, was den Absatz und den Umsatz angeht. Als klarer Sieger des ersten Halbjahres 2021 schneidet jedoch Spanien ab: plus 15,9 Prozent beim Absatz. Zu den Verlierern im Lebensmittelhandel zählen nach Angaben der WZG Frankreich und die Neue Welt.

Wie blicken die Genossenschaften in die Zukunft?

„Mit den Öffnungen in der Gastronomie und den ersten erfolgreich organisierten Weinfesten hoffen wir auf einen Schritt in eine weitgehende Normalität“, sagt der Präsident Glaser am Donnerstag in Roßwag. Darüber hinaus rechnet er mit einer Renaissance der Genossenschaften. „Die Menschen merken, wie wichtig und wertvoll regional tätige Unternehmen sowie vor Ort erzeugte Produkte sind. Genau das leisten Genossenschaften.“

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