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Verkehr

Weniger Personal hier, mehr dort

Das DB-Reisezentrum im Korntaler Bahnhof war ein letztes Mal geöffnet. Nun gibt es eine Beratung nur noch per Video-Übertragung in einem Pavillon – und mit zunächst mehr Unterstützung als geplant.

Das DB-Reisezentrum (links hinten) ist nun geschlossen, stattdessen gibt es einen Pavillon im Verband Region Stuttgart-Design. Foto: Ramona Theiss
Das DB-Reisezentrum (links hinten) ist nun geschlossen, stattdessen gibt es einen Pavillon im Verband Region Stuttgart-Design. Foto: Ramona Theiss

Korntal-Münchingen. Montag kurz vor halb zwölf. Im Reisezentrum im Korntaler Bahnhof hat sich eine kleine Schlange gebildet, geduldig stehen die Menschen und warten, bis sie der Mitarbeiter bedient. Nur wenige Meter weiter ein ganz anderes Bild: Auch dort gibt es einen Schalter – ganz ohne Warteschlange. Denn nicht jeder will ihn nutzen. Doch seit Montagabend gibt es dazu keine Alternative – das Reisezentrum ist seitdem geschlossen, stattdessen gibt es eine Beratung nur noch per Knopfdruck und Videoübertragung in dem Pavillon.

Seit Anfang Dezember ist dieses „Video-Reisezentrum“ im Testbetrieb, parallel zum klassischen Schalter. Ab Anfang Januar ist es dann die einzige Möglichkeit, Beratung zu bekommen, auch in Marbach gibt es diese Änderung, im Ludwigsburger Bahnhof, wo die Video-Berater und künftig auch der Mitarbeiter aus Korntal sitzen, gibt es einen Parallelbetrieb (wir berichteten). Ein „verbessertes und erweitertes Serviceangebot“, soll es dadurch geben, hatte die Deutsche Bahn das formuliert, und der Verband Region Stuttgart (VRS) dem als Aufgabenträger der S-Bahn vor einem halben Jahr auch zugestimmt. Begründet wurde das vor allem mit den längeren „Öffnungszeiten“, zudem könne bei Bedarf auch außerhalb dessen ein Taxi gerufen oder ein Notruf abgesetzt werden.

Doch das Video-Reisezentrum als Ersatz überzeugt nicht jeden. Schon im Herbst hatte eine Gruppe um den VdK-Vorsitzenden Otto Koblinger und Dagmar Müller-Buchalik Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt und mehr als 2300 an die VRS-Regionaldirektorin Nicola Schelling übergeben. Viele Ältere oder Behinderte hätten Berührungsängste, wenn sie über einen Automaten Kontakt mit einem Mitarbeiter aufnehmen müssten, hieß es, zudem fürchten die Gegner Ausfälle.

Und auch am Montagvormittag gibt es niemanden, der die Änderung gutheißt. Nach einer jungen Frau, die das erste Mal die Beratung nutzte, kommt ein älteres Paar heraus. Wie auch einige andere, so Koblinger, haben sie von der Schließung noch nichts mitbekommen. Ob sie künftig den Pavillon nutzen? „Das müssen wir ja. Aber der Berater hier war uns immer sehr sympathisch“. Und ihr Mann wird deutlicher: „Ich finde es nicht gut, dass das Reisezentrum zugemacht wird.“ Ähnlich äußert sich Carlo Hartinger. Die persönliche, direkte Ansprache sei ihm sehr wichtig – so sehr, dass er von Januar an lieber nach Stuttgart fährt, entweder nach Zuffenhausen, so lange es dort noch das Reisezentrum gibt, oder gleich zum Hauptbahnhof. Er kritisiert, dass sich der Staat, vor allem bei der Post und der Bahn, immer mehr von Aufgaben zurückziehe, anstatt seinen Auftrag richtig und korrekt zu erfüllen.

Korrekt geht es beim Reisezentrum auf alle Fälle zu – Punkt 12 Uhr werden die Türen und der Sichtschutz geschlossen: Mittagspause. Der Sehbehinderte kommt nur ein wenig zu spät. „Jeder macht zu“, klagt er über den zunehmenden Verlust von Serviceeinrichtungen, in denen Menschen arbeiten. Ob er den Pavillon nutzen wird? Wohl eher nicht, sagt der Mann aus Leonberg, auch ihn werde es wohl eher nach Stuttgart ziehen.

Beim VRS und der Bahn dürfte man das nicht gerne hören – zumal es in den kommenden drei Monaten sogar einen verstärkten Personaleinsatz geben wird. Nach den Weihnachtsferien werden „VRZ-Guides“ in Marbach und Korntal bei Bedarf helfen, und zwar nicht nur 20 Stunden pro Woche wie in der VRS-Vorlage abgestimmt, sondern sogar 35, heißt es auf Anfrage. Ein halbes Jahr dauert die Pilotphase, so lange bleiben die Schalterräume der beiden Bahnhöfe unverändert. Währenddessen wird auch erfasst, wie das System angenommen wird. Bei positiver Resonanz kommen weitere reine Video-Standorte dazu, unter anderem Zuffenhausen – dort hatte sich der Bezirksbeirat jüngst einstimmig gegen die Mitte 2020 geplante Schließung gewandt – und Stuttgart-Universität, sowie für Kornwestheim und Backnang als Ergänzung zum Schalter.

Koblinger, Müller-Buchalik und die anderen Gegner sind überzeugt, dass diese Entscheidung aber schon jetzt ansteht. Wer das System nicht nutzen wolle, werde bei der Evaluation in den kommenden Monaten nicht erfasst, hatte Koblinger kritisiert. Oder, schildert er anhand eines jüngsten Erlebnisses, dass wohl nur vermerkt werde, dass nach Hilfestellung eine Fahrkarte verkauft wurde. Ohne den verzweifelten Hinweis der Frau, als sie am Schalter von der Schließung erfuhr: „Wie soll das denn dann gehen?“

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