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Phänomen

Wenn das Wasser nach oben wächst

Mit dem Foto einer ganz besonderen Naturerscheinung hat sich Günter Fischer aus Freiberg an unsere Zeitung gewandt. Es zeigt einen etwa 17 Zentimeter langen, messerähnlichen Eiszapfen, der aus einer Vogeltränke schräg nach oben gewachsen ist. „Ich habe mit meinen 78 Lebensjahren so etwas noch nicht gesehen“, teilt Fischer mit und kann sich nicht erklären, wie dieses Phänomen zustande kam.

Eine riesige Eisnadel wächst aus der Vogeltränke. Foto: privat
Eine riesige Eisnadel wächst aus der Vogeltränke. Foto: privat

Freiberg. Es war am vergangenen Sonntag, als der Rentner morgens aus dem Wohnzimmerfenster auf die Terrasse geschaut und das Gebilde entdeckt hat. Ohne Stütze sei das Eisobjekt in die Höhe gewachsen. Tropfen von oben können es auch nicht gewesen sein, die das Objekt ähnlich einem Stalagmiten haben wachsen lassen. „Über der Tränke ist in weitem Umkreis außer dem blauen Himmel nichts“, versichert Fischer. In der Nacht zum Sonntag habe eine Temperatur von minus drei Grad vorgeherrscht. Regen habe es nicht gegeben, außerdem sei es windstill gewesen.

Was steckt hinter diesem Naturphänomen? Klar, dass die Recherche im Kollegenkreis gestartet wird. „Das können wir nicht abdrucken“, witzelt ein Kollege, der ganz offensichtlich einen phallusartigen Gegenstand darin erkennt. Also wird Jochen Drexel aus Ingersheim konsultiert, der für unsere Leser jeden Donnerstag einen Blick auf das Wetter in der Region wirft. „Wenn hier niemand einen Streich gespielt hat, hätte ich eine Theorie“, meint Drexel. Vielleicht habe ein Vogel, eine Katze oder ein Marder mit dem Eis gespielt und wollte an das Wasser unter der Eisschicht gelangen. Es sei möglich, dass sich dabei ein Stück Eis aufgestellt habe und dann wieder festgefroren sei. „In der Eisdecke scheint mir auch eine Bruchkante sichtbar zu sein; das senkrechte Stück dürfte ungefähr dem Durchmesser der Vogeltränke entsprechen“, so der Wetterexperte.

Klingt plausibel, doch ist das tatsächlich des Rätsels Lösung? Das sollen uns Wissenschaftler sagen, die sich täglich mit den Erscheinungen des Wetters beschäftigen. Also gilt der nächste Anruf dem Institut für Physik und Meteorologie der Universität Hohenheim. Dort sind die Dozenten entweder in Vorlesungen oder mit Messungen beschäftigt. Zeit für eine Erklärung des Eisgebildes sei somit nicht da, ist von der Sekretärin zu erfahren, die ohnehin bezweifelt, dass ihre Kollegen eine fundierte Antwort liefern könnten. Schließlich würden sich diese eher mit anderen Themen beschäftigen.

Stellt sich also die Frage, wer sich auf wissenschaftlicher Ebene mit der Bildung von Eis auskennt. Da scheint ein Glaziologe der richtige Ansprechpartner zu sein. Schließlich hat die Glaziologie direkt mit Eis und Schnee vorwiegend in alpinen Gletschern zu tun. Wer sich mit Gletschern auskennt, für den dürfte ein nach oben wachsender Eiszapfen kein Problem darstellen. Bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München beschäftigen sich Forscher im Bereich Erdmessung und Glaziologie mit „alpinen Gletschern als Klimaindikatoren, ihre Rolle im kontinentalen Wasserkreislauf und ihre Wechselwirkung mit der festen Erde“. Die müssten es wissen. Doch die Antwort ist ernüchternd. Das dorthin weitergeleitete Foto wird als „interessant“ befunden. Man werde aber nicht schlau daraus. „Wir beschäftigen uns mit Gletschern und damit mit anderen Skalen und Prozessen“, lautet die Rückmeldung verbunden mit dem Bedauern, „dass wir Ihnen nicht weiterhelfen können“.

Zurück also zu den Wetterexperten. Ein Anruf bei der Stuttgarter Niederlassung des Deutschen Wetterdienstes scheint den Durchbruch zu bringen. Wetterdiensttechniker Rainer Kittstein hat ein solches Gebilde zwar noch nie gesehen, liefert allerdings sofort eine logische Erklärung. Demnach friert das Wasser in der Vogeltränke von außen nach innen zu. Aus einem verbliebenen kleinen Loch oder Riss drückt das gefrierende und sich damit ausdehnende Wasser nach oben und gefriert dort ebenfalls von außen. Durch einen so entstehenden Krater werde das Wasser nach oben gedrückt. „Das geschieht so lange, bis der Riss entweder zufriert oder kein Wasser mehr da ist“, so Kittstein, der dabei von einem Eisvulkan spricht.

Damit scheint der Mann richtig zu liegen, wie ein Blick ins Internet zeigt. Dort ist von Eisnadeln (englisch: Ice Spikes) die Rede. Immer wieder wird auf eine amerikanische Internetseite mit dem Namen www.snowcrystals.com verwiesen. Auch dort wird das Phänomen mit einem Vulkan verglichen. Das Wasser fließe dabei allerdings nicht wie Lava am Krater herunter, sondern gefriere oben. Durch das Loch fließe immer weiter gefrierendes Wasser nach, bis die Eisnadel entsteht. Mit destilliertem Wasser ließen sich Ice Spikes sogar im Gefrierschrank herstellen.

info: Haben Sie eine andere Erklärung, so schicken Sie diese bitte an kreisredaktion@lkz.de.

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