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Mahd

Wenn die Mutter ihr Kitz vermisst

Unter Umständen bemerkt es ein Landwirt gar nicht, wenn er beim Mähen ein Rehkitz überfährt. Zwar ergibt sich aus dem Tierschutzgesetz eine Pflicht, die Wiese vorher zu kontrollieren. Aber selbst bei gutem Willen sind die jungen Kitze schwer auffindbar. Hier kommt der Verein Flugmodus mit Drohnen und Wärmebildkameras ins Spiel.

Tierrettung vor der Mahd: Mit Drohne und Wärmebildkamera halten die Freiwilligen vom Verein Flugmodus im hohen Gras … Fotos: Flugmodus/p
Tierrettung vor der Mahd: Mit Drohne und Wärmebildkamera halten die Freiwilligen vom Verein Flugmodus im hohen Gras … Foto: Flugmodus/p
… nach kleinen Rehkitzen Ausschau.
… nach kleinen Rehkitzen Ausschau. Foto: Flugmodus/p

Kreis Ludwigsburg/Rems-Murr-Kreis. Frühmorgens in der Dämmerung, wenn die meisten Menschen noch schlafen, ist die beste Zeit, um Rehkitze zu retten. Die Wiesen sind dann meist noch feucht und vor allem möglichst kühl. Denn nur bei einem ausreichenden Temperaturunterschied zwischen Umgebung und Tieren können die Jungtiere mit Wärmebildkameras erkannt werden. „Man sieht die Kitze dann absolut deutlich, aber nur, wenn man das schon ein paarmal gemacht hat“, sagt Andreas Metz, der Vorsitzende des Vereins Flugmodus, der sich ehrenamtlich und für Landwirte kostenfrei der Rehkitzrettung verschrieben hat.

In 50 Metern Höhe fliegt die Drohne bei der Suche über die Wiese. Ein potenzielles Rehkitz ist dabei laut Andreas Metz nur bis zu fünf Sekunden auf dem Display sichtbar. Konzentration ist also gefragt, auch um die Tiere von erwärmten Erdhügeln oder Pflanzen zu unterscheiden. Die meisten Kitze kommen im Mai und Juni zur Welt. Die Ricke, wie das weibliche Reh genannt wird, legt sie gern im hohen Gras ab, wo sie vermeintlich geschützt sind. Um die 150 Kitze und zwei Igel konnten die Freiwilligen von Flugmodus nach eigenen Angaben in dieser Saison bereits retten sowie zahlreiche Feldhasen vertreiben. Ein Ende ist erst mit dem Ausklingen der Mähsaison im Juli in Sicht.

Angefangen hat laut Andreas Metz alles vor zwei Jahren, als seine Arbeitskollegin Stefanie Schlotterbeck und deren Bekannte Stefanie Stärk im Pferdestall mit einer Landwirtin ins Gespräch kamen. Diese hatte trotz Vorsicht und vorherigem Ablaufen ihrer Wiese mehrere Kitze übermäht. Als Vermesser im Landratsamt Ludwigsburg brachte Andreas Metz Erfahrung im Umgang mit Drohnen mit. Nach einem ersten, eher spontanen Versuch, bei dem die drei gleich erste Rehkitze retten konnten, stand für sie fest: „Wir wollen das machen!“ Sie sammelten Spenden in ihrem Umfeld und retteten in der Saison 2020 weitere 26 Kitze. Nach der Vereinsgründung sind sie nun mit besserer Ausstattung und mittlerweile drei Teams unterwegs.

Der Verein ist derzeit vor allem im Umkreis von 15 bis 20 Kilometern um Backnang aktiv, da viele Beteiligte von dort stammen. Auch in Gronau im Oberen Bottwartal waren sie schon. Zudem kommt mit René Weber einer der Drohnenpiloten aus Remseck. Schwerpunkt wird laut Andreas Metz wohl Backnang bleiben, er gehe im kommenden Jahr von einer weiter steigenden Nachfrage aus. Daher ist sein Verein auf der Suche nach zusätzlichen Helfern, Spenden für weitere Drohnen und Piloten, die diese steuern können: „Da brauchen wir Leute, die in der Mähsaison so gut wie jeden Tag Zeit haben.“ Er habe durchaus Verständnis, wenn jemand nicht immer könne: „Man ist nach ein paar Tagen Dauereinsatz so fertig.“ Doch eine möglichst feste Zuordnung von Drohne, Pilot und Co-Pilot sei wichtig, weil die Akkus regelmäßig geladen, die Flugrouten geplant und gemeinsam Erfahrung gesammelt werden müsse.

Und dann ist da noch „das allergrößte Problem bei der Kitzrettung“, wie der Vereinsvorsitzende sagt. Man müsse nämlich unterscheiden zwischen den ganz jungen Kitzen, die in den ersten zwei Wochen noch keinen Fluchtinstinkt haben, und den schon etwas älteren, die meist wegspringen, wenn ein Mensch sich nähert. Die Kleinen packen die Freiwilligen mit Handschuhen und Gras in einen Wäschekorb. In diesem dürfen die Tiere neben dem Stress auch deshalb nicht zu lang bleiben, weil die Ricke etwa alle vier Stunden zum Säugen zurückkommt. Die Größeren kehren nach der Flucht oft bald an die Stelle zurück, an der sie vorher lagen. Der Abstand zwischen der Suche und dem Mähen muss deshalb so kurz wie möglich gehalten werden. Im Idealfall steht der Landwirt gegen Ende der Rettungsaktion schon zum Mähen bereit.

„Der Landwirt kann die Kitze vom Traktor aus nicht sehen“, so Andreas Metz. In der Regel merke er es beim Mähen auch nicht, wenn er ein Kitz erfasse. Die Tiere würden einfach zerhäckselt. Das falle dann erst beim Einfahren des Heus auf, wenn ein Raubvogel kommt oder wenn eine Ricke suchend auf dem gemähten Feld steht. Je nach Mähwerk ist das Rehkitz laut dem Vereinsvorsitzenden am Ende eventuell gar nicht tot, sondern hat etwa nur keine Beine mehr. Dann müsse es der Jäger töten.

Aus dem Tierschutzgesetz ergibt sich für die Landwirte die Pflicht, ihre Wiesen zu kontrollieren, bevor sie sie mähen. Dafür müssen sie sich im Vorfeld mit dem jeweiligen Jagdpächter abstimmen. Der Landesjagdverband verweist hier auf das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz von Baden-Württemberg. Demzufolge umfasst die Jagdausübung nicht nur das Fangen und Erlegen, sondern auch das Aufsuchen von Wildtieren und das Nachstellen – also auch die Suche nach Rehkitzen, egal ob zu Fuß oder per Drohne. Deshalb ist für die Rettungsaktionen immer das Einverständnis des Jagdpächters erforderlich. Den Freiwilligen vom Verein Flugmodus ist es am liebsten, wenn auch dieser neben dem Landwirt vor Ort ist und alle drei Parteien eng zusammenarbeiten.

Bevor Andreas Metz in die Rehkitzrettung einstieg, vermutete er die Tiere vor allem in Waldnähe. Doch meist seien sie vom Waldrand 50 bis 80 Meter entfernt, durchaus auch mal mitten auf einem Feld. „Ich würde pauschal keinen Ort ausschließen“, sagt er heute. Auch auf Obstbaumwiesen könnten sie sich verstecken. Nah an den Stämmen seien sie auch mit der Wärmebildkamera schwer zu erkennen, denn die Bäume würden ebenfalls als warm und damit hell angezeigt.

Da der Verein derzeit so viele Anfragen bekommt, dass er nicht immer zusagen kann, wirbt der Vorsitzende vor allem für die Sache an sich: „Wir möchten zeigen, was es technisch für tolle Möglichkeiten gibt.“ Mit einem flächendeckenden Einsatz könne man sehr viel für die Kitze tun.

INFO: Näheres zum Verein gibt es auf der Seite www.flug-modus.de. Der Landesjagdverband hat in einer Broschüre die wichtigsten Aspekte rund um die Rehkitzrettung zusammengestellt: www.unserebroschuere.de/landesjagdverband

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