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Altenpflege

„Wir backen uns eine Pflegekraft“

Die Pflegeheime tun sich schwer, Fachkräfte zu finden. Die Einrichtungen im Kreis schlagen Alarm, weil sie zum Teil den Bedarf nicht decken können, und greifen zu ungewöhnlichen Mitteln, um auf den Notstand aufmerksam zu machen.

Bewohnerinnen des Hauses Kastanienblüte in Remseck-Hochberg beim „Mitarbeiterbacken“. Foto: Ramona Theiss
Bewohnerinnen des Hauses Kastanienblüte in Remseck-Hochberg beim „Mitarbeiterbacken“. Foto: Ramona Theiss
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Remseck/Kreis Ludwigsburg. Es ist eine Aktion mit Symbolwert: Die Mitarbeiter und Bewohner im Altenpflegeheim im Haus Kastanienblüte in Remseck-Hochdorf backen sich einen Pfleger. „Wenn schon keine Fachkräfte auf dem Markt zu finden sind, dann müssen wir uns eben welche aus Teig machen“, sagt Einrichtungsleiter Jörg Wenzel mit einem Augenzwinkern, der die Aktion gestartet hat. Denn seit über einem halben Jahr sucht er nach Nachwuchs, um die offenen Stellen zu besetzen. „Der Markt ist einfach leer gefegt“, beklagt der Heimleiter, der seit drei Jahren in der Einrichtung arbeitet. 53 Plätze gibt es in der Dauerpflege in dem Haus in Remseck. Sie sind in vier Wohnungen untergebracht. Gut 20 Mitarbeiter kümmern sich um die Senioren. Eigentlich ein kleines Haus. Dennoch sind neue Mitarbeiter rar. „Wir müssen stärker die positiven Aspekte des Berufs in den Vordergrund rücken“, nennt der Fachmann aus der Praxis mögliche Ansätze, um den Job attraktiver zu machen: die gemeinsame Arbeit mit den älteren Menschen, die Dankbarkeit, die man erfahre. Dabei sei es auch wichtig, dass die Arbeitszeiten verlässlich sind. Kommende Woche will Wenzel die Weckmänner in den Farben der Benevit-Gruppe, zu der das Haus Kastanienblüte gehört, an der Altenpflegeschule in Ludwigsburg an Lehrlinge im dritten Ausbildungsjahr verteilen.

Diese Erfahrungen hat auch Stefan Ebert gemacht. Der Geschäftsführer der Kleeblattheime beschäftigt in seinen derzeit 30 Häusern (darunter 26 Pflegeheime) rund 1100 Mitarbeiter. „Doch der Bedarf ist deutlich größer“, sagt er. Derzeit habe die Gruppe, die von den Kommunen im Kreis getragen wird, rund 50 offene Stellen. In 2018 war es deutlich. schwieriger.„Das war ein furchtbares Jahr“, so Ebert. Denn die Lücken konnten lediglich durch Leiharbeiter gestopft werden, die aber ungefähr das 2,5-fache an Kosten verursachen. Durch massive Werbung und die große öffentliche Aufmerksamkeit im Jubiläumsjahr sei es gelungen, eigene Mitarbeiter einzustellen. Für die Zukunft sieht er aber wieder graue Wolken am Horizont aufziehen. Denn rund 25 Prozent der Belegschaft ist heute 55 Jahre oder älter. „Da rollt eine Pensionierungswelle auf uns zu.“ Außerdem seien schon jetzt Erweiterungen beschlossen oder im Bau. So werden in Löchgau, Tamm, Erdmannhausen und Murr weitere Plätze geschaffen. Alleine in Murr kommen 25 Plätze hinzu. In Löchgau und Hemmingen entstehen dringend benötigte Tagespflegeeinrichtungen. Gut 160 Plätze wären laut der Planungen des Landratsamtes notwendig. Derzeit gibt es noch nicht einmal ein Viertel. Wie viele Pflegekräfte es überhaupt im Kreis gibt, dazu liegen keine aktuellen Daten vor. Zuletzt wurden sie 2015 erfasst. Danach gab es 1576 ambulante Pflegekräfte und 3931 im Heim. Wie hoch der zukünftige Bedarf ist, dazu konnte das Landratsamt keine Angaben machen. Allerdings weist der Pflegeplan des Landkreises für 2025 einen Bedarf von zusätzlichen 1200 Dauerpflegeplätzen auf dann 5462 aus. Hierfür werden dann mehr Pflegekräfte benötigt.

Doch was sind die Gründe, dass nicht genügend Pflegerinnen und Pfleger gefunden werden? „An der Bezahlung liegt es nicht“, meint Ebert. Sein Unternehmen zahlt nach Tarifvertrag im öffentlichen Dienst. Auch sei der Job nicht unattraktiv. „Die Arbeit mit den Menschen gibt den Mitarbeitern sehr viel“, sagt der KleeblattGeschäftsführer. „Die meisten beklagen aber, dass sie nicht genügend Zeit für die Heimbewohner haben.“ Auch hierfür bräuchte es mehr Personal.

Könnten ausländische Fachkräfte diese Lücke schließen? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will mexikanische Pfleger ins Land holen. Ebert winkt ab. Die Erfahrungen, die man vor Jahren mit Spaniern gemacht habe, seien ernüchternd gewesen. Sie seien, so Ebert, entweder nach kurzer Zeit in ihre Heimat oder bei größeren Anbietern untergekommen. Auch die Bürokratie sei ein Hemmschuh. So habe man einen Versuch mit chinesischen Pflegekräften unternommen. Allerdings habe das Regierungspräsidium Stuttgart sich mit der Anerkennung sehr schwergetan. Zuletzt seien zehn Serben angeworben worden. Davon seien noch zwei im Betrieb.

Viel positiver bewertet Ebert die von Spahn geschaffene Möglichkeit, zusätzliche Stellen gefördert zu bekommen. So seien bundesweit Mittel für rund 13.000 Pflegekräfte im Bundesetat. Dass noch nicht einmal die Hälfte davon beantragt wurden, liege nicht an Ludwigsburg. Über acht Stellen seien so zusätzlich geschaffen worden, sagt Ebert. Der Aufwand für die Krankenkassen, die diese genehmigten, sei aber immens. „Aber das tut den übrigen Mitarbeitern gut, weil sie etwas Entlastung erfahren.“

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