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Flüchtlingsarbeit

„Wir müssen aus Fehlern lernen“

Die ehemalige Fabrikhalle in der Asperger Gartenstraße ist die älteste Notunterkunft des Landkreises. Vor Weihnachten soll sie geschlossen werden. Eine Bilanz nach dreieinhalb Jahren Flüchtlingsarbeit unter schwierigen Bedingungen ziehen Sozialpädagoge Paolo Ricciardi und Aspergs Integrationsbeauftragte Gerlinde Bäßler.

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Nach dreieinhalb Jahren gemeinsamer Flüchtlingsarbeit in der Notunterkunft in der Asperger Gartenstraße ziehen Sozialpädagoge Paolo Ricciardi und Aspergs Integrationsbeauftragte Gerlinde Bäßler eine gemischte Bilanz. Foto: Oliver Bürkle

Asperg. Noch leben 40 Zufluchtsuchende in der Asperger Notunterkunft. Zu Spitzenzeiten waren es 130. Seit August 2014 waren in der Gartenstraße über 300 Männer untergebracht. Alle reisten allein nach Deutschland ein, meist waren sie jung, selten alt, in Einzelfällen minderjährig. Paolo Ricciardi, Sozialpädagoge bei der Ruprecht-Stiftung, hat den kleinen Vielvölkerstaat, in dem stets um die zehn Nationalitäten in wechselnder Zusammensetzung miteinander klarkommen müssen, hauptamtlich betreut, Gerlinde Bäßler als kommunale Integrationsbeauftragte die ehrenamtliche Mitstreiter koordiniert. Was lief gut in den dreieinhalb Jahren, wo gab es Probleme, was ist gescheitert? Eine Stichwortliste.

Integration: „Eine Langzeitaufgabe“, sagt Ricciardi. Integrationsarbeit müsse sich daher auf Kinder und Jugendliche fokussieren. „Wer glaubt, dass er einen 50-jährigen Araber noch zum Deutschen machen kann, der irrt!“ Für Ricciardi kommt es deshalb zunächst darauf an, den Zufluchtsuchenden Orientierung zu geben, ihnen zu helfen, sich hier zurechtzufinden. Wenn er einen Flüchtling in Arbeit bringen kann, ist das ein Bonuspunkt. Fundamental ist, ihn mit hiesigen Regeln und Standards vertraut zu machen. Die Feuerwehr hat Ricciardi gerade erzählt, dass „seine“ Halle die einzige Sammelunterkunft im Kreis ist, in der es 2017 noch keinen Feuerwehreinsatz gab. Das zeigt ihm: „Es ist uns gelungen, die Hausordnung durchzusetzen!“ Das zahlt sich aus – auch für die Akzeptanz der Flüchtlinge. „Es gibt kaum Beschwerden von Nachbarn“, berichtet Gerlinde Bäßler. Vielmehr erhalte der Arbeitskreis Asyl viel Lob für seine Arbeit.

Begegnungen: Die Lebensbedingungen in einer Sammelunterkunft sind schwierig – für alle. Umso wichtiger sind Ventile. In Asperg gibt es gleich neben der Unterkunft eine zweite Halle, in der die Flüchtlinge Sport treiben, sich unterhalten, spielen können. Dass auch dieser Treffpunkt mit der Unterkunft wegfällt, hält Ricciardi für schwierig. Zumal die Flüchtlinge hier nicht unter sich blieben. Es fanden Rockkonzerte statt oder ein Fußballturnier. Im Finale spielte die Polizei gegen Gambia. „Die begegnen sich sonst doch nur dienstlich“, sagt Bäßler und lacht.

Ordnung: „Es gibt keine Ordnung mehr“, die sei im Sommer 2015 verloren gegangen, klagt Ricciardi. Seither seien die Behörden überfordert, weil alle Arten der Einwanderung unter den Begriff Flüchtling subsumiert würden: politisch Verfolgte, Menschen aus Kriegs-, Bürgerkriegs- und Katastrophengebieten, Arbeitssuchende aus ärmeren Ländern und schließlich auch „Wirtschaftsflüchtlinge, die gar nicht arbeiten wollen“. Bäßler und Ricciardi plädieren für präzise Unterscheidungen – und für eine offene und ehrliche Debatte, welche Einwanderungspolitik dieses Land betreiben wolle. Zugleich beklagen sie, dass nichts aus dem Ordnungsverlust gelernt werde. So bringe der Landkreis nach wie vor friedfertige Schutzsuchende, Gewalttäter, Traumatisierte, Alkohol- und Drogenkranke in ein und derselben Unterkunft unter – unter Bedingungen, die schon von sich aus zu Konflikten führen müssten. Selbst Tuberkulosekranke habe man in die Gartenstraße einquartiert und somit die Gesundheit der Flüchtlinge, ihrer Betreuer und der ehrenamtlichen Helfer gefährdet. Wer aus solchen Geschehnissen keine Folgerungen ziehe, verspiele den Einsatz der Ehrenamtler, warnt Bäßler. „Die Freiwilligen werden dann bei der nächsten Flüchtlingswelle fehlen.“

Konsequenz: „Wer auch nach juristischer Überprüfung kein Aufenthaltsrecht hat, muss zurück in seine Heimat“, fordert Ricciardi. Mit Schaudern erzählt er von einer Messerstecherei „aus wie immer nichtigem Grund“. Während das Opfer tagelang im Krankenhaus lag, kehrte der Täter am nächsten Morgen aus dem Polizeigewahrsam in die Unterkunft zurück. Vorige Woche wurde der Mann zu einer Bewährungsstraße verurteilt – und lebt nun in einer anderen Unterkunft. „Welches Zeichen setzen wir da“, fragt Ricciardi. Und auf Zeichen kommt es in der Flüchtlingspolitik vielfach an, nicht nur der AfD wegen. Wenn ein Ausreisepflichtiger gleichwohl aus humanitären oder anderen Gründen nicht abgeschoben werden könne, müsse man ihm wenigstens zu arbeiten erlauben. Nicht nur der Zeichenhaftigkeit wegen. Auch, weil Beschäftigung vor Verwahrlosung schützt. Und das Recht auf Menschenwürde haben auch Migranten ohne Papiere und Aufenthaltstitel.