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Wärmeversorgung

„Wir schreiben Klimageschichte“

Mit Modellprojekt will Stadt eine klimaneutrale Wärmeversorgung aufbauen – Hohe Fördersumme

Solarkollektoren sollen am Freibadparkplatz aufgestellt werden.Archivfoto: dpa
Solarkollektoren sollen am Freibadparkplatz aufgestellt werden. Foto: dpa

Steinheim. Das neue innovative Wärmenetz könnte ein Leuchtturmprojekt werden, schwärmt Bürgermeister Thomas Winterhalter: Nicht nur, weil aufgeständerte Solarthermiekollektoren auf dem Wellarium-Parkplatz aufgestellt werden, sondern weil in das so genannte LowEx-Wärmenetz verschiedene Formen von erneuerbarer Energie eingespeist werden können, Biomasse, Photovoltaik, Windenergie, Wärmepumpen. Ausgehend von einem Wärmespeicher in der Nähe der bisherigen Heizzentrale sollen das Wellarium und die benachbarten Quartiere Campus und die Musikerstraßen sowie in einer weiteren Ausbaustufe die Dichterstraßen klimaneutral mit Wärme versorgt werden.

Mit der Schaffung der Stelle einer Klimaschutzmanagerin kam die Sache ins Rollen. Denn immerhin entstehen ein Drittel der Co-Emissionen durch den Wärmesektor. In Steinheim erfolgt die Wärmeversorgung bisher hauptsächlich mit Öl und Gas, 6,6 Millionen Euro kostet dies jährlich. Rund 35 Megatonnen CO-Emissionen gibt es, wodurch 6,3 Millionen Euro gesellschaftliche Kosten entstehen. Diese würden durch eine Wärmewende entfallen. Das Ziel Klimaneutralität würde erreicht.

Das Konzept für die Wärmewende, mit dem Steinheim auch die erste Hürde für die Förderung „kommunale Klimaschutz-Modellprojekte“ genommen hat, hatte die Ludwigsburger Energieagentur (LEA) erstellt, Geschäftsführer Anselm Laube präsentierte es in der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend. „Mich hat der hohe Gasverbrauch im Wellarium gestört“, erklärte er und arbeitete sich tiefer in die bestehende Wärmeversorgung ein. Ausgehend von der Heizzentrale mit einem Hackschnitzelofen soll das Wärmenetz erweitert werden, alle Energieformen können hier eingespeist werden.

In einer ersten Ausbaustufe soll eine Solarthermieanlage über dem Freibadparkplatz an der Höpfigheimer Straße errichtet werden – als positiver Nebeneffekt werden die Parkplätze beschattet. Die so erzeugte Wärme versorgt in Ergänzung zur Holzhackschnitzelanlage und anderen regenerativen Energiequellen das Wellarium und die benachbarten Quartiere. In zwei weiteren Ausbaustufen wird das Netz ausgebaut und um weitere Erzeuger sowie einen saisonalen Wärmespeicher ergänzt. Der Clou ist das LowEx-Netz, das mehrere Energieformen zulässt und zudem die Wärme mit geringen Wärmeverlusten in den Leitungen transportiert. Das Temperaturniveau im Wärmenetz wird dann deutlich geringer sein als in klassischen Wärmenetzen.

Mit der ersten Ausbaustufe können in 20 Jahren so 22.000 Tonnen CO eingespart werden, wird der Wärmespeicher realisiert und weitere Stadtviertel angeschlossen, können es bis zu 69.000 Tonnen werden. Ziel ist es, 65 Prozent der Haushalte in den umliegenden Quartieren anzuschließen. Sie werden mit einer Hausübergabestation an das Wärmenetz angeschlossen.

Ist Steinheim auch in der zweiten Bewerbungsrunde mit einem ausgearbeiteten Konzept erfolgreich, gibt es für die rund sieben Millionen Euro Kosten insgesamt fünf Millionen Euro Förderung über das Förderprogramm für Modellprojekte. „Wir sollten die Gunst der Stunde nutzen. Die Wärmewende wird sowieso kommen, jetzt aber bekommen wir die Förderung“, warb Winterhalter um Unterstützung aus dem Gemeinderat, die er auch auf breiter Front bekam. „Das ist der Einstieg in eine klimaneutrale Wärmeversorgung“, lobte der Grünen-Fraktionsvorsitzende Rainer Breimaier. Die hiesigen Handwerksbetriebe könnten profitieren und die Stadt sei unabhängig von den Ölbaronen dieser Welt. Trotz der wegen der Coronakrise schwierigen finanziellen Situation denkt er, dass die Stadt die übrigen zwei Millionen Euro stemmen kann. „Wir können Klimageschichte schreiben.“

Ähnlich euphorisch war die SPD-Fraktionsvorsitzende Annette Grimm. „Eine solche Versorgung bedeutet einen Paradigmenwechsel: Weg von der Heizanlage eines Einzelnen hin zu einer Versorgung wie beim Strom oder beim Internet.“ In Ilsfeld gebe es bereits ein ähnliches Projekt, die Gemeinde könne sich kaum retten vor Anfragen.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Uwe Löder betonte ebenfalls, dass Klimaschutz wichtig sei, stellte aber doch einige Fragen: Was mit dem Gasnetz passiere, wer das neue Netz betreiben solle, ob man genug Hausbesitzer überzeugen könne, warum man sich für Solarthermie und nicht für Photovoltaik entscheide. „Wir sehen die Risiken, aber auch die Chancen. Die Fragen werden wir im weiteren Verfahren klären“, betonte Winterhalter.

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