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Projekt

Wo Naturschutz richtig schmeckt

Zahlreiche Streuobst-Projekte gibt es auf Hemminger Gemarkung, in Sachen Nachhaltigkeit sei man damit spitze, heißt es. Die Bemühungen sollen vor allem mit alten Apfelsorten auch ausgebaut werden.

Früher waren Streuobstwiesen im wahren Wortsinn weit verbreitet, heute gibt es von manchen Apfelsorten gerade mal noch einen Baum in Hemmingen.Symbolfoto: Patrick Seeger/dpa
Früher waren Streuobstwiesen im wahren Wortsinn weit verbreitet, heute gibt es von manchen Apfelsorten gerade mal noch einen Baum in Hemmingen.Symbol Foto: Patrick Seeger/dpa
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Foto: Andreas Becker

Hemmingen. Es gab eine Zeit, da wurden Äpfel, die von den Bäumen gefallen waren, einfach liegengelassen. Für den Hemminger „Ortspomologen“ Matthias Braun und den Ditzinger Cidre-Spezialisten Urs Renninger sowie die Vertreter von Nabu, Obst- und Gartenbauverein, Verein der Gartenfreunde und Bürgermeister Thomas Schäfer wäre das undenkbar. Sie waren am Freitag in den Etterhof gekommen, um jene Produkte zu präsentieren, die aus alten Streuobstsorten gemacht wurden. Und teilweise zum ersten Mal auch zu probieren.

Etwa den Bohnapfel-Secco, fruchtig-süß. In ihm stecken zum einen der Ertrag jener 80 bis 100 Jahre alten Bäume, für die er Pate ist, vor allem aber viel Handarbeit – und Zeit. Denn in einem Buch von 1854 hatte Braun gelesen, dass Bohnäpfel nicht gleich gepresst werden sollten, sondern noch „schwitzen“ müssen, damit sich das Aroma weiter ausbildet. Also lagerte er die Äpfel in Eimer und ließ den Deckel nur leicht geöffnet. Zwei, drei Wochen später entwickelte sich ein Geruch, als ob es Bananen wären, berichtet Braun. 200 Kilogramm haben er und Renninger verarbeitet, zu 120 Flaschen Secco, die nun vor allem zu feierlichen Anlässen der Gemeinde ver- oder ausgeschenkt werden.

Auch der Apfelsaft, ebenfalls aus heimischem Streuobst wie Bohnäpfeln und anderen alten Sorten gepresst, geht in Verwaltungshand über, und wird an die örtlichen Kinderbetreuungseinrichtungen verteilt – wenn es genügend Äpfel gibt. Das war dieses Jahr zwar nicht so, für 2020 hofft Braun aber auf eine bessere Ernte. Vor allem bei seinen Bohnäpfeln, denn einer seiner Bäume könne bis zu 600 Kilogramm liefern – wenn er nicht gerade ein Ruhejahr einlegt, was immer im Wechsel mit dem Erntejahr geschieht.

Kaufen kann man dagegen ein weiteres Produkt, den „Dämmerungs-Cuvée“. Der ist das Produkt einer spontanen abendlichen Aktion, als Renninger Braun anrief und beide von einer Wiese Bohnäpfel auflasen, ausgestattet mit Grubenlampen. Dazu kommen noch – ebenfalls hier vorkommende – oberösterreichische Weinbirnen, eine laut Braun „gute Verwertungsbirne“ mit wenig Gerbstoffen.

Eine alte Sorte scheint es Braun aber besonders angetan zu haben: der Luikenapfel, der dank seiner Initiative nun eine der „Arche-Passagiere“ der Organisation Slow Food ist. Er heißt zwar ähnlich, hat sonst aber kaum Ähnlichkeit mit der Gewürzluike. Und ist vor allem heutzutage nicht mehr so verbreitet. Er wisse nur noch von einem Baum beim Autohaus Scheller, zudem gebe es drei in Heimerdingen, so Braun. Vier Bäume hatten deshalb er und jene Beteiligte, die nun im Etterhof zusammengekommen waren, im Februar 2018 am Eulenberg gepflanzt.

Denn der Luikenapfel ist nicht nur einfach eine alte Sorte, sondern wesentlicher Bestandteil der schwäbischen Mostkulturgeschichte, die nun auch über den Cidre wieder eine gewisse Renaissance erfahre, so Schäfer. Vor 150, 170 Jahren sei im Ort mehr Most als Wasser getrunken worden, auch weil die Qualität des Letzteren nicht immer einwandfrei war. Hauptsorte für die Produktion war der Luikenapfel, der am meisten verbreitet war. Damals habe der Spruch gegolten „Wer den Luiken nicht kennt, ist kein echter Württemberger.“ Die neue Hemminger Flüssigvariante ist aber kein Most, sondern ein Schnaps, gebrannt mit Unterstützung der Uni Hohenheim. „Die waren auch ganz angetan von unserem Projekt“, so Braun.

Doch bei all der Vergärung und Brennerei geht es nicht nur um die Verarbeitung von Obst, für das es sonst vielleicht keine Verwendung geben würde. Sondern vor allem um Naturschutz. So fänden etwa selten gewordene Vögel Brutmöglichkeiten in den Streuobstbäumen, sagt Thomas Gölzer vom Nabu, auch werde die Kulturlandschaft erhalten und das soziale Miteinander gestärkt, so Bürgermeister Schäfer. Und all das soll auch ausgebaut werden. Braun und Renninger wollen einen Partnerschafts-Cuvée kreieren, mit alten Apfelsorten aus der mit Hemmingen verbundenen italienischen Gemeinde Almenno, so es die dort gibt, alternativ mit Birne. Zudem ist geplant, mit den Äpfeln vom Nabu-Grundstück am Eulenberg einen Secco herzustellen. Und denkbar ist auch ein Destillat aus Bohnäpfeln, zählt Braun auf. Einfach Streuobst liegenlassen, das wird es also in Hemmingen wohl nicht mehr geben – aus doppelt gutem Grund. So wie es Hildegard Gölzer (Nabu) formulierte: „Die Diskussionen zum Naturschutz wirkten zuletzt etwas verkrampft, so als ob man dafür viel aufgeben müsse. Aber man kann ja auch viel gewinnen.“

Internet: www.naturcidre.de

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