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Bahnverkehr

Züge verschwinden, Krach bleibt

Das Eisenbahn-Bundesamt hat unlängst die erste Runde der Öffentlichkeitsbeteiligung zum Lärmaktionsplan Schiene abgeschlossen. Doch einige dabei genannte Daten werfen Fragen auf.

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Gerade in Korntal und Kornwestheim klagen viele Anwohner über Bahnlärm. Er wird derzeit zumindest erfasst.Foto: dpa

Korntal-Münchingen/Kornwestheim. Rund um den Korntaler Bahnhof gibt es seit einigen Monaten ein schwarzes Loch. Ob dafür aber der Untergrund, der schon für Risse im Rathaus gesorgt hat, verantwortlich ist, ist eher fraglich. Denn ein ähnliches Phänomen ist auch am südlichen Rand von Kornwestheim aufgetaucht – zumindest, wenn man den Zahlen der Lärmkartierung glaubt, die das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) im Zusammenhang mit der nun beendeten ersten Runde der Öffentlichkeitsbeteiligung zum Lärmaktionsplan Schiene veröffentlicht hat. Demnach verschwinden gerade auf diesen beiden Streckenabschnitten einfach Züge.

So weist beispielsweise der Abschnitt östlich des Korntaler Bahnhofs 44 610 Züge pro Jahr auf, davon 1242 im Güterverkehr. Noch weiter östlich, wo sich die Gleise aufteilen Richtung Zuffenhausen und Kornwestheim, sind es dagegen insgesamt 55 626 und davon gut 10 000 im Güterverkehr. Westlich des Bahnhofs sind die Züge dann plötzlich wieder da: insgesamt 55 626, davon 10 123 mit Gütern beladen.

Doch verschwunden sind die Züge nur, so kann man die Erklärung des EBA interpretieren, wegen Darstellungsfehlern. Der Bahnhof Korntal sei für einen der Abschnitte etwa 500 Meter weiter westlich verortet. Die Zahlen stimmten erst westlich des Bahnhofs wieder. Ähnlich verhalte es sich mit Kornwestheim, weil dort vier Strecken zusammenlaufen, vom Güter- und dem Personenbahnhof.

Doch das Misstrauen gegenüber den Werten der Lärmkartierung kommt nicht von ungefähr. Schon in der Vergangenheit hat es immer wieder Zweifel gegeben, insbesondere in den Jahren 2014 und 2015 (siehe Infobox). Und aktuell wirft auch die Kornwestheimer Stadtverwaltung Fragen auf. Die Lärmkartierung weise bei den Betroffenheiten deutliche Reduzierungen, zum Teil sogar Halbierungen auf, die man sich nicht allein durch neue Lärmschutzwände erklären könne. Waren bei der letzten Lärmstatistik noch 240 Einwohner in der höchsten Belastungsstufe, so nun nur noch 110; in der unteren Stufe sank die Zahl von 4480 auf 2030. Man habe auf das Schreiben von Ende Juli mittlerweile eine Antwort, prüfe diese aber derzeit, heißt es abwartend aus dem Rathaus.

Die Züge und Betroffenen verschwinden laut einiger veröffentlichter Zahlen zwar – nicht aber der Lärm. Und nach dem hat das EBA in den vergangenen Wochen erneut Anwohner gefragt. Sie konnten angeben, zu welchen Uhrzeiten sie welche Art von Schienenlärm besonders störe, welche Minderungsmaßnahmen es gebe oder sie für sinnvoll halten oder ob ihnen aufgefallen sei, dass Güterzüge in den vergangenen Jahren durch technische Innovationen leiser geworden seien.

Es ist bereits das zweite Mal, dass das EBA eine Öffentlichkeitsbeteiligung zum Lärmaktionsplan Schiene startet. „Das erste Mal 2015 wurde genutzt, um das Verfahren einzuüben“, erklärt eine Sprecherin. Was bei den vielen Fragen und Antworten des EBA auf einer Infoseite aber nicht steht, ist die Tatsache, dass das ganze Verfahren eigentlich schon vor Jahren hätte stattfinden sollen. Die erste Lärmkartierung hätte 2012 vorliegen sollen.

Und weil das nicht geschah, ließ Korntal-Münchingen im Zuge des kommunalen Lärmaktionsplans auch die Lärmbelastung an der Schiene auf eigene Rechnung mituntersuchen und machte somit Druck auf die Bahn – mit Erfolg, denn nun soll es fünf Jahre früher als zunächst geplant Abhilfe geben, vermutlich eine wie von vielen gewünschte Lärmschutzwand.

Verspätet macht nun also auch das EBA ernst – wenngleich im Kreis Ludwigsburg bei der Öffentlichkeitsbeteiligung augenscheinlich weniger Bürger mitgemacht haben als noch vor zwei Jahren. Für Korntal etwa wird aktuell nur eine einzige Meldung verzeichnet, auch die Stadtverwaltung hatte diesmal verzichtet. Es gebe schließlich keinen neuen Sachstand, so die Umweltbeauftragte Angelika Lugibihl.

Die meisten Meldungen kamen aus Kornwestheim mit 22. Die Stadtverwaltung hat nicht nur wie die von Korntal-Münchingen ihre Bürger zur Teilnahme ermuntert, sondern auch eine eigene Stellungnahme abgegeben, und dabei deutliche Kritik an der Bahn geäußert. Man habe nach „zähen Verhandlungen“ zwar erreicht, dass es an zwei Stellen in der Stadt drei Meter hohe Lärmschutzwände und zudem Schallschutzfenster für weitere Anwohner gibt. Doch „trotz zahlreicher Betroffenheiten“ habe die Bahn weitere Maßnahmen abgelehnt und dies mit einer negativen Kosten-Nutzen-Analyse begründet. „Entsprechend ist die Lärmsituation nach wie vor und zunehmend belastend und bedarf aus Sicht der Stadt einer dringenden Verbesserung“, so Oberbürgermeisterin Ursula Keck, die in dem Schreiben auch darauf hinweist, dass gestiegene Aufenthaltsqualität durch weniger Lärm in die Kosten-Nutzen-Bewertungen einbezogen werden müsse.

Im Rathaus wartet man deshalb gespannt auf das weitere Verfahren. Bis Mitte 2018 will das EBA den bundesweiten Lärmaktionsplan für Haupteisenbahnstrecken erstellt haben. Ganz so lange will man in Korntal nicht warten. Spätestens im November, so hofft Lugibihl, kommen Bahnvertreter und informieren die Bürger über die Maßnahmen gegen den Lärm. Ein Bahnsprecher nannte gegenüber der LKZ allerdings Anfang 2018 als Termin.