Festakt
Ludwigsburg | 03. Juli 2018

„Presse erzeugt Kontinuität und damit Heimat“

Die Ludwigsburger Kreiszeitung feiert mit Hunderten Gästen ihr großes Jubiläum

„Alternative Fakten gibt es bei uns nicht“: Der Verleger der Ludwigsburger Kreiszeitung, Gerhard Ulmer, bei der Begrüßung im Theatersaal des Forums. Foto: Holm Wolschendorf
„Alternative Fakten gibt es bei uns nicht“: Der Verleger der Ludwigsburger Kreiszeitung, Gerhard Ulmer, bei der Begrüßung im Theatersaal des Forums. Foto: Holm Wolschendorf

Fast 600 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft haben gestern gemeinsam mit der Ludwigsburger Kreiszeitung deren 200. Geburtstag gefeiert. Am 1. Juli 1818 erschien die erste Ausgabe, damals noch unter dem Namen Ludwigsburger Wochenblatt. Seit dieser ersten Ausgabe sei das Vertrauen der Leser, das wichtigste Kapital für die LKZ, so Verleger Gerhard Ulmer in seiner Begrüßung im Theatersaal des Forums.

 

Für Ulmer ist die tiefe regionale Verankerung der Ludwigsburger Kreiszeitung ihre große Stärke. „Wir sind von hier und arbeiten für die Menschen von hier.“ Der Journalismus der LKZ sei verantwortungsvoll, egal, ob in der gedruckten oder in der digitalen Variante. „Alternative Fakten gibt es bei uns nicht.“ Ganz im Gegensatz zu so manchen Berichten in den Sozialen Medien. „Soziale Medien übernehmen keine journalistische Verantwortung“, machte Gerhard Ulmer den Unterschied zwischen einer etablierten Tageszeitung und den Netzwerken im Internet klar.

 

Bis heute gebe es klare Vorteile für gedruckte Medien: „Der Leser setzt sich mit ihnen viel intensiver auseinander.“ Daher steht für den Verleger auch fest: „Print bleibt relevant.“ Bei aller Begeisterung in der Politik für Digitalisierung und schnelles Internet, wichtiger sei es jetzt, eine Initiative Lesen 4.0 zu starten.

 

„Zeitunglesen ist eine Chance teilzuhaben.“ Ulmer gab den Geburtstagsgästen mit auf den Weg: „Sorgen Sie dafür, dass in ihrem Umfeld Zeitung gelesen wird. Das ist ein wertvolles Engagement für die Gesellschaft.“

 

Überraschungsgast Winfried Kretschmann lobte die bis heute währende Eigenständigkeit der Ludwigsburger Kreiszeitung als eine Besonderheit, „auf die Sie zu Recht stolz sein können.“ Den regionalen Blickwinkel der Berichterstattung bezeichnete der Ministerpräsident als richtig und konsequent, denn: „Vor Ort geht es zur Sache.“ Nicht in Berlin, sondern hier entscheiden sich Energiewende, Flüchtlingsfragen und der gesellschaftliche Zusammenhalt, so Kretschmann weiter. Gerade der Lokaljournalismus sei wichtig für diesen Zusammenhalt, daher wolle die Landesregierung auch die Medienvielfalt in Baden-Württemberg erhalten und stärken.

 

Die Rolle der Medien für den Begriff Heimat war das Thema des Festvortrags von Professor Armin Nassehi, der an der Universität München Soziologie lehrt. „Was heißt Heimat für eine moderne und mobile Gesellschaft?“, so seine einleitende Frage. Eine einfache Antwort darauf gebe es nicht, aber die Massenmedien spielen dabei eine wichtige Rolle. „Fast alles, was wir wissen, wissen wir aus den Massenmedien“, zitierte Nassehi den Soziologen Niklas Luhmann. Ohne Massenmedien wie Tageszeitungen sei die Entstehung moderner Nationalstaaten nicht denkbar. Denn erst durch die Massenmedien – im 19. Jahrhundert zählt dazu nur die Zeitung – wurden Staatenordnungen und Räume definiert. Anders formuliert: Von der Gründung des Deutschen Reichs, seinen Grenzen, seiner Verfassung und seiner Bevölkerung konnte ein Bürger Württembergs im 19. Jahrhundert nur aus der Zeitung wissen.

 

Auch für die Demokratisierung hat die Presse laut Nassehi eine entscheidende Rolle gespielt, denn: „Die Presse produziert kontrollierte Konflikte auf Papier.“ Und nicht nur das: Auch die Heimatfrage werde in der Presse behandelt. In letzter Zeit sogar wieder verstärkt. Grund dafür sind laut Nassehi die großen Migrationsströme in Europa. Die Gesellschaft sei dadurch zunehmend mit Fremdheitserfahrungen konfrontiert, die Frage nach dem Eigenen und der Heimat rückt wieder stärker in den Fokus. Hinzu kommen steigende Mobilität, Beschleunigung, Unsicherheit und Diskontinuität, die für Verunsicherung sorgen.

 

Für all diese Erfahrungen bieten die Medien, bieten die Zeitungen laut Nassehi ein wirksames Gegenmittel an: „Sie erzeugen Kontinuität in der Gesellschaft.“ Sie sorgen dafür, dass die immer unübersichtlichere Welt zu einer erlebbaren und vertrauten Struktur geformt wird. Hier schloss er dann den Kreis zur Heimat, die in der Soziologie als ein Ort definiert werde, „wo man sein kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen.“ Für dieses Grundvertrauen sorgt laut Nassehi auch die Tageszeitung, denn „sie beschreibt tagtäglich den vertrauten Alltag meiner Umgebung“.

 

Der Münchner Soziologe sieht daher auch eine Zukunft für Zeitungen – vor allem für regionale Zeitungen. Ihr Vorteil liege auf der Hand: Das, was sie beschreiben, ist für die Leser direkt erfahrbar. Armin Nassehi sieht daher auch als entscheidende Größe für die Zukunft nicht den Nationalstaat, sondern die Region an. Heimat – Zeitung – Identität, das gehört also alles zusammen.

 

Aufgelockert wurden die Wortbeiträge von dem Musikensemble Five Sax und Geburtstagsglückwünschen per Video. Auf diesem Weg gratulierten etwa Oberbürgermeister Werner Spec, Landrat Rainer Haas, Blüba- Direktor Volker Kugel oder der Festspielchef Thomas Wördehoff der Ludwigsburger Kreiszeitung. Nach dem Festakt schloss sich ein lockeres Beisammensein mit Häppchen auf der Terrasse des Forums an.

Christian Walf
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