Interview
Ludwigsburg | 12. Mai 2017

„Wir setzen auf eine Konsumsteuer“

Bestsellerautoren Friedrich und Weik sowie dm-Gründer Werner treten für ein radikales Umdenken in der Wirtschaft ein

Marc Friedrich, Götz W. Werner und Matthias Weik (von links)
Marc Friedrich, Götz W. Werner und Matthias Weik (von links)

Götz W. Werner, der Gründer der Drogeriemarktkette dm sowie die Bestsellerautoren und Wirtschaftsexperten Marc Friedrich und Matthias Weik plädieren in ihrem gemeinsamen Buch („Sonst knallt’s“) für ein Grundeinkommen und ein radikal neues Steuersystem. Vor ihrem Vortrag am kommenden Mittwoch im Rahmen der Veranstaltungsreihe LKZ-Impulse sprachen wir mit ihnen überdas neue Buch und die Schuldenkrise.

Sie kämpfen seit Jahren für eine andere Wirtschaftsordnung, zeigen auf, warum was in der Wirtschaft verkehrt läuft. Haben Sie noch Hoffnung, dass sich irgendwann etwas ändern wird?

Marc Friedrich: Wir geben die Hoffnung nicht auf. Daher machen wir Vorträge und schreiben Bücher um unsere Mitmenschen aufzuklären und konstruktive Lösungen aufzuzeigen. Es gibt immer wieder kleine positive Anzeichen wie etwa zuletzt das Verbot von hochspekulativen Papieren (ETCs) durch die Bafin. Aber im Großen und Ganzen wurden nicht die nötigen Lehren aus der Krise 2008 gezogen, sondern man hat sich teuer Zeit erkauft auf Kosten der Bürger durch eine historische Nullzinsphase, die uns alle enteignet und Altersvorsorge immer unmöglicher macht. Der Mensch lernt vor allem durch Scheitern und Katastrophen. Wenn wir jetzt nichts machen, dann knallt’s!

Matthias Weik: Ja, ob wir es möchten oder nicht – unsere Welt wird sich aufgrund der Digitalisierung und der Industrie 4.0 radikal verändern. Deshalb ist es besser, heute zu agieren als in Zukunft zu reagieren.

In Ihrem neuen Buch „Sonst knallt’s“ fordern Sie einen radikalen Wechsel im Steuersystem und ein Grundeinkommen für alle. Wie wollen Sie die Politiker davon überzeugen?

Matthias Weik: Mittlerweile sind nicht nur Sozialromantiker oder Utopisten für das Grundeinkommen, sondern Wirtschaftsbosse wie Siemens Chef Joe Kaeser, Telekom Boss Höttges, Ebay-Gründer Omidyar, SAP-Vorstand Leukert und Tesla Gründer Elon Musk. Es wäre zielführend, wenn unsere Politiker diese fragen würden, warum dies der Fall ist. Diese würden ihnen dann ganz simpel erklären, dass aufgrund der Digitalisierung unvorstellbar viele Menschen ihren Job verlieren werden und wir um ein Grundeinkommen nicht mehr herum- kommen.

Marc Friedrich: Die Vereinten Nationen (UN) gehen davon aus, dass 50 bis 75 Prozent aller Arbeitsplätze automatisiert und durch Roboter ersetzt werden. Selbst die UN, das Weltwirtschaftsforum und die Weltbank sehen als einzigen Ausweg das bedingungslose Grundeinkommen(BGE). Wir fordern im Buch auch, alle Steuern abzuschaffen – bis auf eine: Die Konsumsteuer. Der Verbrauch, also Konsum wird besteuert und nicht das Einkommen. Das ist die einzig gerechte Art der Besteuerung. Da war ich zuerst skeptisch, stehe nun 100 Prozent hinter der Idee.

Götz W. Werner: Ich trete ja seit langemfür die Ideen eines bedingungslosen Grundeinkommens und einer ausschließlichen Besteuerung des Konsums ein. Und ich versuche, den Menschen zu erklären, dass unsere Wirtschaft viel zu sehr von der Illusion getrieben ist, Geld sei ein Wert an sich. Dabei sollte die eigentliche Frage lauten: Wie machen wir es möglich, dass jeder seine ureigenen Fähigkeiten in eine Wirtschaft einbringen kann, die so leistungsfähig ist, wie keine zuvor – und die doch unsinniger Weise allzu viele Menschen zurücklässt.

Wie intensiv sind Sie mit Politikern darüber im Gespräch?

Matthias Weik: Die meisten Politiker möchten davon nichts hören. Es gibt einzelne Politiker, die sich für das Thema interessieren. Aber mit den momentanen Politikern wird das leider nichts, weil diese immer nur reagieren statt präventiv zu agieren.

Marc Friedrich: Wahrer Wandel kommt immer von unten, von den Menschen, nicht von oben. Wenn wir jetzt was machen, kann es noch friedlich ablaufen so wie 1989 in Leipzig, ansonsten wird es enden wie 1789 in Paris. Wir haben die Wahl! Der Druck muss von unten nach oben gehen.

Götz W. Werner: Mich stört, dass viele politische und wirtschaftliche Scheindebatten sehr laut geführt werden – und Diskussionen über die Grundlagen einer wirklich sozialen Marktwirtschaft viel zu wenig.

Was muss sich in unserer Wirtschaft in einem ersten Schritt sofort ändern?

Marc Friedrich: Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen und nicht andersherum. Wir brauchen ein neues, gerechtes Geldsystem, müssen den Banken die Geldschöpfung entziehen und die Finanzbranche knallhart regulieren, damit eine erneute Krise nicht ausbricht, die wir Bürger dann teuer bezahlen müssen.

Matthias Weik: Wir müssen anfangen die Menschen fair zu bezahlen. Es kann nicht sein, dass wir im Land des Exportweltmeisters einen der größten Niedriglohnsektoren Europas haben. Hier ist Altersarmut in großem Stil vorprogrammiert, wenn wir nicht schleunigst etwas ändern.

Götz W. Werner: Ich versuche, in meinen Vorträgen immer deutlich zu machen, dass vieles in unserer Wirtschaft darum falsch läuft, weil wir es falsch denken. Nämlich betriebswirtschaftlich verengt statt volks- und gemeinwirtschaftlich. Nur Firmen haben Kosten. Volkswirtschaftlich betrachtet lösen sich alle Kosten bis auf den letzten Cent in Einkommen auf. Weshalb Gesellschaften vor allem darüber entscheiden müssen, wie sie ihre Einkommensströme regulieren wollen.

Wie lange halten Deutschland und die Europäische Union die Schuldenkrise, die ja nicht wirklich überstanden ist, noch aus?

Matthias Weik: Solange die Menschen gewillt sind, für die Krise zu bezahlen.

Marc Friedrich: Wir gehen davon aus, dass wir jetzt in die heiße Phase eintreten. 2018 wird spannend. Drei bis maximal fünf Jahre noch, dann bricht das fragile Kartenhaus zusammen. Der Euro ist ein gescheitertes Währungsexperiment, das unseren Wohlstand und unsere Demokratie gefährdet. Den Ländern in Südeuropa erging es nicht mal mit ihren alten Währungen schlechter, wie aktuell mit dem Euro. Nie waren die Schulden und Arbeitslosenstände höher.

Bücher schreiben und auf Missstände hinweisen ist eine Sache. Könnten Sie sich auch vorstellen, in die Politik zu gehen?

Marc Friedrich: Sagen wir so: wir alle sind bereit dazu, den notwendigen Wandel zu begleiten und zu unterstützen. Die etablierten Parteien versagen und wir erleben einen epochalen Wandel, der nicht zu stoppen ist. Wir hoffen, dass unser Buch etwas bewirkt, vielleicht entsteht daraus eine politische Bewegung. Wir sind keine Politiker, aber wenn sich Leute bereitstellen würden, die die Erfahrung haben, wären wir alle nicht abgeneigt.

Wie ist es zur Zusammenarbeit zwischen Ihnen gekommen?

Matthias Weik: Wir alle merken, dass in den letzten Jahren etwas gewaltig schiefläuft in der Welt, in Europa, aber auch in Deutschland. Wir können so wie bisher nicht weiter machen. Dieses Gefühl beschleicht uns drei Autoren gleichermaßen und wir sahen es an der Zeit, vor der Bundestagswahl einen Art Weckruf, ein überparteiliches Programm zu veröffentlichen. Kennengelernt haben wir uns im April 2013 bei einer gemeinsamen Podiumsdiskussion in Stuttgart zum Thema Finanzkrise und bedingungsloses Grundeinkommen.

Götz W. Werner: Schon das Buch „Der größte Raubzug der Geschichte“ von Herrn Weik und Herrn Friedrich hat mich sehr beeindruckt, zuletzt dann ihre aktuellen, historischen Analysen in „Kapitalfehler“. Es gibt viele Schnittmengen, da lag eine gemeinsame Zusammenarbeit einfach in der Luft.

FragenvonHans-DieterWessbecher
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
Mein Ort
Wählen Sie Ihren Ort
GerlingenDitzingenKorntal-MünchingenHemmingenSchwieberdingenEberdingenVaihingen an der EnzMöglingenLudwigsburgAspergKornwestheimRemseck am NeckarMarkgröningenOberriexingenSersheimTammFreiberg am NeckarBenningenMarbach am NeckarErdmannhausenAffalterbachSteinheim an der MurrMurrPleidelsheimIngersheimBietigheim-BissingenSachsenheimFreudentalLöchgauBesigheimHessigheimMundelsheimGroßbottwarOberstenfeldPrevorstGemmrigheimWalheimErligheimBönnigheimKirchheim am NeckarOttmarsheim
Nachrichten und mehr aus Ihrer Region!
Kinoprogramm
Schnellsuche

Wählen Sie eine oder mehrere der folgenden Suchoptionen aus:

Anzeige