Religion
Ludwigsburg | 08. April 2017

Diskussion um Pfarrstellenschwund

Der Aderlass in den evangelischen Kirchengemeinden geht weiter. Bis 2024 müssen im Ludwigsburger Dekanat weitere 4,5 Pfarrstellen eingespart werden. Das sieht der Plan der Landeskirche so vor.

In den Gottesdiensten lichten sich die Reihen der gläubigen Gemeindemitglieder, deshalb müssen weitere Pfarrstellen eingespart werden.Archivbild: Ramona Theiss
In den Gottesdiensten lichten sich die Reihen der gläubigen Gemeindemitglieder, deshalb müssen weitere Pfarrstellen eingespart werden.Archivbild: Ramona Theiss

Damit setzt sich der Abbau der vergangenen Jahre nahtlos fort. 2006 wurden 2,75 Stellen gestrichen, 2011 waren es 1,5 und bis 2018 müssen 3,25 Positionen geräumt werden. Bis in sieben Jahren sollen sich dann 30,75 Pfarrerinnen und Pfarrer das Dekanatsamt, 21 Kirchengemeinden mit zusammen 29 Kirchen teilen. 1994 waren das insgesamt noch 45 Pfarrstellen. Damit ist aber noch kein Ende in Sicht. Kirchenbezirksrechner Lothar Rücker befürchtet, dass bis 2030 dann nochmals vier bis fünf Stellen gestrichen werden könnten.

Grund ist der stetige Schwund an Gemeindegliedern. 2016 waren es 65 500, 2024 geht die Prognose von nur noch 56 700 aus. Fast zwölf Prozent weniger. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Außerdem gehen landesweit sehr viele Pfarrer in den Ruhestand. Die Stellen könnten wegen des Priestermangels gar nicht alle nachbesetzt werden, so Rücker.

Keine Sonderlösung

Auch für das Dekanat Ludwigsburg werde es keine Sonderlösung geben, sagte die neue Prälatin Gabriele Arnold auf der Frühjahrsynode im Gemeindehaus der Auferstehungskirche. „Ich habe leider keine Wunderbüchse dabei.“ Die Situation zwinge, kreative Lösungen zu finden. „Der Fantasie von der Basis her sind keine Grenzen gesetzt“, forderte sie den Mut zum kritischen Nachdenken. Man müsse sich die Kernfrage stellen: „Was haben wir, und was machen wir daraus.“ Sei es wirklich nötig, dass der Pfarrer jeden Seniorennachmittag besucht oder zum Geburtstag vorbeischaut? Sie forderte zu unterscheiden, was wirklich wichtig ist und was man auch bleiben lassen und delegieren könne. „Das Pfarramt muss sich ändern, aber diese Veränderung kann auch Spaß machen.“

Sehr kritisch äußerte sich Schuldekan Dr. Johannes Christoph von Bühler. „Wir sind angetreten, Kirche zu bauen, und jetzt bauen wir sie zurück.“ Der Pfarrplan sei ein organisierter Trauerprozess, für dessen verordnete Umsetzung es keine Gegenleistung gebe. Von einer guten Leitung erwarte er eine inhaltliche wie strukturelle Vision vom Ganzen und nicht die Hoffnung auf kleinteilige Lösungen. „Es ist schade, aber diese Visionen fehlen mir seitens der Landeskirche.“ Pfarrer sieht Bühler als „Agenten der Veränderung“, denn die Volkskirche als Versorgungskirche habe sich überlebt. Die dörfliche Theologie mit dem Denken „ein Pfarrer, eine Kirche, ein Gemeindehaus“ müsse abgestreift werden. Er forderte flexible Modelle, die aber gerade nicht aus der Not der Zahlen geboren sind.

Als großen Verlierer des Pfarrplans macht der Schuldekan den Religionsunterricht aus. Als Beispiel nannte er Neckarweihingen: 2003 seien noch 21 Wochenstunden dafür vorgesehen gewesen, heute keine einzige mehr. „Dieser Unterricht wird von den Pfarreien herausgespült.“ Von Bühler ist skeptisch, ob das von Religionspädagogen aufgefangen werden könne. Dabei sei es für die Evangelische Kirche überlebenswichtig, mit neuen Methoden die nächste Generation zu erreichen.

„Ich kann die Ohnmacht, den Ärger, die Enttäuschung, auch die stille Wut nachvollziehen“, so Dekan Winfried Speck. Dennoch seien die Veränderungen notwendig, ansonsten handle man nach dem Prinzip „nach mir die Sintflut“. Es könne auch Lust machen, kreativ nach vorne zu blicken, Nicht-Bewährtes abzustreifen und Neues zu beginnen. „Autarkie ist kein biblisches Motiv“, forderte er auf, gemeinsame Wege zu beschreiten, sich Aufgaben zu teilen. Diesen österlichen Gedanken müsse man erst wieder lernen. „Wir müssen zusammenwachsen, damit wir zusammen wachsen“, so Speck. Es sei noch nicht festgelegt, wo die Stellen gestrichen werden. Das sei derzeit ein offener Prozess. Erst in einem Jahr solle das Stellenverteilungskonzept beschlossen werden. Bis dahin sei Zeit zu diskutieren und Vorschläge zu machen. Die Synodalen forderte er auf, das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren.

Notwendigkeit zur Veränderung

„Ein Füllhorn von Ideen ist aus den Arbeitsgruppen der Synode gekommen“, berichtete Dekan Speck. Große Einigkeit habe geherrscht über die Notwendigkeit zur Veränderung und darüber, dass alle betroffen seien, es keine Gewinner und Verlierer geben werde. Pfarrer müssten sich Schwerpunkte nach ihren Zielgruppen setzen und sich Dienste mit Kollegen teilen. Nicht jede Gemeinde müsse und könne alles bedienen. Kooperationen auch über die Bezirksgrenzen des Dekanats müssten eingegangen werden. Außerdem müsse die Jugendarbeit im Fokus bleiben. Vom Pfarrplan 2030 wünsche man sich einen Stellenplan, der stärker von den Aufgaben ausgehe und nicht bloß von blanken Zahlen.

Eine Broschüre der Landeskirche macht die Runde, die für den Pfarrplan wirbt und Unterstützung anbietet. Und das Wunder Jesu mit der Speisung der Tausenden, mit dem er mit nur fünf Broten und zwei Fischen alle satt machte.

Thomas Faulhaber
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