Naturschutz
Oberstenfeld | 03. September 2018

Ein Tier mit ganz viel Nutzen

18. Schafwollfestival in Gronau – Rund 90 Stände mit Produkten rund um das Wollknäuel – Altes Handwerk

Die knuddeligen Schafe ließen Kinderherzen höher schlagen, aber auch die alte Handwerkskunst des Webens weckte das Interesse.Fotos: Ramona Theiss
Die knuddeligen Schafe ließen Kinderherzen höher schlagen, aber auch die alte Handwerkskunst des Webens weckte das Interesse.Fotos: Ramona Theiss
Eine Spinnerin zeigt ihr Handwerk.
Eine Spinnerin zeigt ihr Handwerk.

Es liefert Wolle, Milch und Fleisch. Außerdem ist es der optimale Rasenmäher, selbst für steile Hänge. Der ideale Landschaftspfleger also. Das erste Septemberwochenende ist in Gronau ganz dem Schaf gewidmet und das seit 18 Jahren.

Ins Leben gerufen haben das Schafwollfestival Waltraud und Franz Theiss im Jahr 2000. Sie ist sehr tierbegeistert, er Vorsitzender der württembergischen Vereinigung der Milchschafhalter. Beide wollen sie das Image des Schafes etwas aufpolieren, zeigen, wie vielfältig sein Nutzen ist. Mit einem Bierzelt und mit sieben Ausstellern hat das Ehepaar angefangen. Heute sind es etwa 90 Stände, an denen es Wolle zum Stricken gibt, fertige Mützen, Schals, Pullover und Filzmäntel, Lammkeule zum Braten sowie Filet, Rauchfleisch vom Schaf und Würste in allen Variationen: Salami, Pfefferbeißer und Bierschinken.

Statt der klassischen „Roten“ werden Lammbratwürste auf dem Grill gedreht. Es werden Lammburger, Lammmaultaschen und Szegediner Lammgulasch serviert. Franz Theiss erinnert sich an eine Anekdote: Vor 18 Jahren sei er drei älteren Damen auf dem Friedhof begegnet. Die meinten, sie würden nicht kommen, wenn es nur Schaf zu Essen gäbe. Sie kamen aber doch, probierten und bestellten dann sogar eine zweite Portion. „Nicht alles was Schaf ist, schmeckt nach altem Hammel“, betont Waltraut Theiss. Feinschmecker würden das Tier als bekömmliche Delikatesse schätzen. Milch und Käse vom Schaf seien für diejenigen eine Alternative, die keine Kuhmilch vertragen. Der Milch werde sogar heilende Wirkung nachgesagt – ein Viertele am Tag.

Stoffe und Bekleidung aus Wolle seien atmungsaktiv, würden Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben, seien außerdem sehr pflegeleicht. Statt ihn zu waschen, reiche es, einen Pulli über Nacht im Freien zu lüften. „Wolle reinigt sich selbst“, sagt Waltraut Theiss. Sie hatte vor über 20 Jahren auch die Idee, das Naturprodukt für Kleinschäfer zu vermarkten. Es war ihr unerträglich, dass diese Kleinstmengen einfach kompostiert wurden, weil es dafür keinen Markt gab. Anfangs wurden 500 Kilo Wolle geliefert, jetzt sind es sieben Tonnen von bis zu 600 Kleinschäfern aus ganz Deutschland. „Früher haben die Bauern bezahlt, wenn die Herde über ihre Äcker getrieben wurden. Des Dungs wegen“, erzählt Theiss.

Die sonst wertlose Rohwolle wird gewaschen, gesponnen und nach Theiss’schen Vorgaben zu Decken, Hausschuhen, Jacken oder Socken veredelt und an die Lieferanten zurückgeschickt. Für eine Schäferjacke wird die Schur eines Schafes benötigt. Und die wird an den Kunden für knapp 70 Euro verkauft. Das versüßt dann die Mühe mit den Schafen, denn die ist groß. Was alles aus der Wolle gemacht werden kann, zeigen sie in ihrem Wollhäusle.

„Weber waren arme Leute“, sagt Heinrich Billes aus Abstatt. Er ist mit Kette und Schuss aufgewachsen. Seine Mutter hat nach dem Krieg mit dem Webstuhl ein kleines Zubrot für die Familie erwoben. Das Spiel mit dem Schiffchen hat ihn nicht losgelassen und er will diese alte Handwerkskunst gegen das Vergessen auch in die nächsten Generationen weiter transportieren. 732 Fäden hat er in den selbst gebauten, computergestützten aber immer noch mechanischen Webstuhl gespannt. 15 Schüsse pro Zentimeter, die er in regelmäßigen Abständen zusammenschiebt. Trotz jahrzehntelanger Erfahrung wird er mit dieser Technik sechs Stunden brauchen, bis ein schmaler Tischläufer fertig ist.

Kinder basteln Rasseln aus Filz, spüren Wolle frisch vom Schaf, kuscheln sich in weiße und schwarze Felle. Philipp Kori schnitt aus Holzstämmen mit der groben Kettensäge zierliche Schäfchen.

Vom Milchschaf hat sich die Familie Theiss übrigens vor Jahren getrennt. Zu groß der Aufwand, zu gering der Ertrag. Deren Wolle ist außerdem kratzig und nur mit anderen Wollsorten, etwa Merino, veredelt tragbar. Vom Vieh haben sie dennoch nicht gelassen. Sie halten jetzt Mufflons. Die sehen aus wie braune Minirehe. Sie haben einen haarigen Pelz, liefern aber gutes Fleisch. Auch sie wurden beim Schafwollfestival gezeigt.

„Schafwolle ist das einzig Wahre von der Wiege bis zur Bahre“, mit diesem Slogan wirbt ein Bestattungsunternehmen. Auf der Ladefläche der Leichenkutsche steht ein Sarg aus weißer Wolle. Aber auch andere Anbieter haben sich mittlerweile zum Festival des Schafes gesellt. Schmuckdesigner, Korbflechter, Gewürz- und Bonbonverkäufer.

Thomas Faulhaber
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