Hochbetagte
Ludwigsburg | 06. April 2017

Im Kloster der Hundertjährigen

In Hoheneck, im Kloster der Karmelitinnen vom göttlichen Herzen Jesu, geschieht derzeit ein kleines Wunder. Zwei der zwölf Schwestern haben die 100 Jahre längst hinter sich gelassen. Die eine ist 103, die andere – Schwester Bertholda – hat jetzt ihren 107. Geburtstag gefeiert.

Schwester Bertholda gestern bei ihrem 107. Geburtstag. Das Kloster liegt hoch über dem Neckar in Hoheneck. Der Park ist großzügig, dort liegt auch der Friedhof des Klosters. Fotos: Holm Wolschendorf
Schwester Bertholda gestern bei ihrem 107. Geburtstag. Das Kloster liegt hoch über dem Neckar in Hoheneck. Der Park ist großzügig, dort liegt auch der Friedhof des Klosters. Fotos: Holm Wolschendorf

Wer das Tor am Ende der Parkstraße durchschreitet, ist sofort in einer anderen Welt. Ein weiter Park breitet sich vor dem Eintretenden aus, dahinter liegt das Kloster. Die Vögel zwitschern, überall sieht man Blumen und alte Bäume. Ludwigsburg – die Stadt – hat man schnell hinter sich gelassen und vergessen.

„Alle Jahre wieder“, sagt Schwester Bertholda, die vor 107 Jahren als Helene Beinlich in Schlesien geboren wurde. Sie lächelt und freut sich über den Strauß, den ihr Stadträtin Elke Kreiser gestern im Namen der Stadt zum Geburtstag überreicht. „Ihre Glückwünsche kann ich gebrauchen, wenn ich noch älter werden will.“

Was ist das Geheimnis dieses Lebens? Was ist das Geheimnis dieses fröhlichen Gesichts, das einen wie magisch in seinen Bann zieht? „Ich werde mit allem gut fertig. Ich habe viel Lebenserfahrung und bin glücklich“, sagt Schwester Bertholda. Ihr Gehör ist so schlecht, dass man kaum noch eine Unterhaltung mit ihr führen kann. Aber Reden ist trotzdem noch die große Leidenschaft der ältesten Ludwigsburgerin.

Es sind Weisheiten und Erinnerungssequenzen aus ihrem Leben, die Schwester Bertholda ihren Zuhörern bietet. Stets unterbrochen von einem herzlichen Lachen. Schon als Zehnjährige habe sie gewusst, dass sie Schwester werden und in ein Kloster eintreten will. Das war 1920. „Ich wollte anderen etwas geben.“ 1930 tritt sie dem Orden der Karmelitinnen bei. Sie arbeitet viel mit Kindern und kommt erst 94-jährig nach Hoheneck, um hier im Kloster ihren Lebensabend zu verbringen. „Das Kloster ist mein Himmelreich.“

Auch ihre Familie ist ihr noch präsent. Der Vater war Beamter, sie hatte neun Geschwister. „Der Mensch hat es in der Hand, was er geben kann und was er erlebt“, sagt die 1910 Geborene. Und: „Ich bin mit mir zufrieden.“

Laut Schwester Edith, der Klosteroberin, ist es der streng geordnete Alltag und wohl auch die innere Abgeschiedenheit des Klosters, die für das hohe Alter seiner Bewohnerinnen mitverantwortlich sind. Neben Schwester Bertholda ist auch noch Schwester Clara weit über 100 Jahre alt. Im Januar hat sie ihren 103. Geburtstag gefeiert. Zwei weitere Schwestern sind über 90 Jahre, eine ist 87 Jahre alt.

Schwester Bertholda und Schwester Clara sind beide voll in den Klosteralltag integriert. Vom Aufstehen kurz nach sechs Uhr bis zum Abend. Sie helfen mit, soweit sie können. Jeder Tag im Kloster läuft gleich ab. Das bringt eine klare Struktur, verlangt aber auch Selbstdisziplin. Allein die Gebetszeiten dauern täglich etwa dreieinhalb Stunden. Alle Lieder und Gebete singen und sprechen die beiden auswendig.

Für Schwester Edith gibt es noch weitere Gründe für das hohe Alter der beiden: „Sie haben eine sehr positive Grundeinstellung zum Leben und lieben es.“ Und: Beide Frauen führen bis heute auch ein geistlich-spirituelles Leben.

Trotzdem gebe es auch Unterschiede im Gemüt der beiden Hochbetagten, sagt die Klosteroberin. Schwester Bertholda sei eine temperamentvolle Genießerin, die sich auch mal ein Glas Bier oder Wein gönnt. Schwester Clara lebt dagegen eher asketisch. Das ist ihr Genuss.

„Mit dem Sterben, das ist noch nichts für mich“, sagt Schwester Bertholda und lacht. Man kann gar nicht anders, als mit ihr zu lachen. Sie zieht sich ihre Brille ab und reibt sich die Schläfen. Das Sehen klappt leider auch nicht mehr so gut. Trotzdem wird Schwester Bertholda nicht müde, auch nach 107 Jahren weitere Sinneseindrücke zu suchen. „Mehr sehen, das ist mir wichtig.“

Christian Walf
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